
New York, 1937. Eve und Kate haben für den ganzen Silvesterabend in der billigen Kneipe nur drei Dollar eingeplant. Sie leben gern auf anderer Leut's Kosten. Als sie kaum noch damit rechnen, dass ihnen jemand den Champagner zum Jahreswechsel spendiert, tritt ein attraktiver, wohlsituierter Herr im Kaschmirmantel ins Lokal und in ihr Leben: Theodore Grey, der in Vaters Bank an der Wall Street arbeitet und von seinen Freunden Tinker genannt wird, rettet den Abend und wird ihr barmherziger Samariter.
Jahre später, 1966, besucht die Ich-Erzählerin (das wird wohl Kate sein) mit ihrem Ehemann Val eine Fotoausstellung im Museum of Modern Art - ein Event der Superlative. Zu sehen sind Porträts, die Walker Evans in den späten Dreißiger Jahren mit versteckter Kamera in der New Yorker Subway gemacht hat. So richtig wohl fühlen sich die Beiden nicht inmitten der Upper Class, die nur hier ist, um gesehen zu werden. Schon wollen sie die Ausstellung verlassen, als sie förmlich den Blick eines Abgelichteten auf sich verspüren. Beide kennen ihn - es ist Tinker Grey aus der berühmten Bankiersfamilie. Auf dem Foto ist er allerdings abgemagert, schmutzig, ärmlich, aber eine Spur des Lächelns umspielt seine Lippen ... Während sie zum nächsten Bild wechseln, ist die Ich-Erzählerin total abwesend. Sie dreht sich in einem Kaleidoskop der Erinnerungen aus dem Jahr 1938. Tinker lächeln zu sehen - darauf war sie nicht gefasst.
Zu beider Verblüffung hängt ein weiteres Foto von Tinker in der Ausstellung, auf dem er in Kaschmirmantel und maßgeschneidertem Hemd zu sehen ist. Er schien im Leben wieder Fuß gefasst zu haben. Doch handelt es sich um eine frühere Aufnahme. Welche wechselhaften Schicksalsjahre hat dieser Mann durchlebt?
Neben der faszinierenden Geschichte um Eve, Kate und Tinker ist natürlich das Zeitgeschehen der Dreißiger Jahre total aufregend. Nach dem gewaltigen Börsencrash 1929 befindet sich Amerika in der großen Depression. Präsident Franklin D. Roosevelt legt ab 1933 den New Deal auf, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Walker Evans' Bildserien - tatsächlich im Museum of Modern Art ausgestellt - führen die Armut der Landarbeiter vor Augen. 1939 entsteht John Steinbecks berühmter Roman "Früchte des Zorns". Die politische Linke gewinnt an Einfluss - im Mutterland des Kapitalismus! Die Wende kommt erst mit dem zweiten Weltkrieg.
| Nächster Leseeindruck (neuer) | Vorheriger Leseeindruck (älter) |
Zu diesem Titel habe ich auch eine Rezension verfasst: Lesen Sie hier ...
Übrigens - neu auf meiner Seite: meine ganz privaten aktuellen Lesetipps.
Zu Eine Frage der Höflichkeit von Amor Towles wurden noch keine Kommentare verfasst.
275 Rezensionen
281 Leseeindrücke