0 Markus Götting:
Nachts im Sägewerk

Belletristik · Ullstein 2010 · Taschenbuch · 224 S. · ISBN 9783548373522
3 Sterne

Wenn einer seinem Rachenraum nicht trauen kann ...

Leseeindruck vom 19.10.2010 · 2235 Zeichen
720 x gelesen · noch nicht bewertet

Markus Götting schreibt als Journalist u.a. für eine renommierte Tageszeitung in München, der Welthauptstadt der Schicki-Mickies. Mit seinem roten Cabrio passt der Ich-Erzähler seines autobiographischen Romans perfekt in das entsprechende Klischee. Man könnte sich ihn ein als einen glücklichen Menschen vorstellen - wenn er nicht mit dem Handycap des Schnarchens, und zwar der infernalischen Art, leben müsste.

Der Erzähler schildert sehr anschaulich und in teils lakonischem Sprachstil --"wer nicht schläft, kann auch nicht schnarchen" - seine allnächtlichen Erfahrungen mit sich und seinen Mitmenschen. Eine Nacht im Hotel oder ein schlichtes Einnicken im Flugzeug schafft jemandem wie ihm Feinde fürs Leben! Selbst mancher Hausbewohner ist ausgezogen - wegen nächtlicher Ruhestörungen.

Mit acht Leuten feiert er Karneval in Köln. Ehe es an die überfällige Nachtruhe geht, separiert man prophylaktisch die Schnarcher von den Normalen. Doch für den Ich-Erzähler kommt es noch demütigender: Selbst aus dem Sägewerk-Viererzimmer mit erhöhter Dezibel-Toleranzgrenze wird er rausgeschmissen. Die nächsten beiden Nächte - "schnarche, und du schläfst allein" - verbringt er in "Quarantäne" in der Küche.

Und doch findet der Erzähler auch Vorzüge seiner "Behinderung": Wenn Normalschläfer nach Suff und One-Night-Stand nicht mehr wissen, wer neben ihnen liegt, so ist das doch nur peinlich. Bei Waldarbeitern wie ihm dagegen verziehen sich die Ladies nächtens in aller Stille.

Doch nun ist er zum ersten Mal verliebt. Lena, die Blonde aus dem Hochparterre, kommt, wie er, im "Out-of-Bed-Style" beladen mit einem Stapel Zeitschriften zum Papiercontainer. Sie ist der kühl-abweisende norddeutsche Typ, und so hat unser Held einen langen, hindernisreichen Weg vor sich, bis er die erste Nacht in Lenas Wohnung verbringen darf. Sie schläft ein; er ist verliebt und verzweifelt, weil er nicht schlafen darf ...

Der Autor, Markus Götting, ist selbst ein Betroffener. Seine Lebensqualität ist sicher massiv beeinträchtigt. Wie er mit seinem Schlafleiden umgeht (sofern man seinen essayistischen Beschreibungen glauben kann), ist beeindruckend. In diesem spritzigen Roman spürt man sowohl seine Lebensfreude als auch die Kraft, die er täglich aufbringt.

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