0 Lydia Mischkulnig:
Schwestern der Angst

Belletristik · Haymon 2010 · Gebunden · 244 S. · ISBN 9783852186429
5 Sterne

Die Farbe der Liebe ist Blutrot.

Rezension vom 08.10.2010 · 2986 Zeichen
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Renate, die Ich-Erzählerin, sitzt an ihrem Schreibtisch in der forensischen Psychiatrie und schreibt ihre Autobiografie. Sie betont, es sei keine Anamnese. Dem Leser erschließt sich jedoch aus ihrer familiären Vorgeschichte, so wie sie sie uns erzählt, warum sie ein Mensch wurde, der Unrecht getan hat und weiterhin eine Gefahr für ihre Mitmenschen ist.

Renates Großvater - arbeitslos und suchtkrank - hatte ihre Mutter missbraucht; deshalb musste sie flüchten. Ihre drei Jahre alte Tochter ließ sie bei den Großeltern zurück. Als sie Jahre später unerwartet wieder auftaucht - Renate kann sich kaum an sie erinnern -, lebt sie mit einem Eisverkäufer zusammen und ist schwanger. Großmutter hatte dem Mädchen Geborgenheit gegeben, sie vor dem Großvater geschützt. Nun entwurzelt ihre Mutter sie, nimmt sie mit, benutzt sie sexuell. Renate kann sich der "gefräßigen Qualle" nicht erwehren. Bei der Geburt der Tochter Marie stirbt die Mutter. Von da an kümmert sich Renate um ihre Schwester, mit der sie eine wechselseitige Hass-/Liebesbeziehung verbindet.

Eines Tages betritt ein Mann den Eisladen: Paul, ein Psychiater. Renate glaubt, sie könne ihn für sich erobern; doch er wendet sich Marie zu (und wird sie später heiraten). Diese Beziehung will Renate verhindern, einerseits aus Eifersucht, andererseits aus Angst um Marie. Denn Renate ist sich sicher: Paul ist ein "Schänder", und sie wurde von ihm vergewaltigt ...

Renate ist eine schwer gestörte Persönlichkeit. Obsessionen, Phobien, fremde Stimmen, Essstörungen, der Drang zu perversen Selbstverletzungen quälen sie. Sexueller Missbrauch und Gewaltakte - Schmerzen zufügen, foltern, morden - sind für sie eine Befriedigung. Diese Formen der Erkrankung differenziert darzustellen ist Lydia Mischkulnig mit Perfektion gelungen. Der Leser lebt förmlich in Renates Seele, erlebt, wie in ihrem Gehirn Gedanken und perverse Phantasien keimen, wachsen, wuchern, sich den Weg nach draußen bahnen.

Dieser Roman ist keine leichte Kost, da sich der Leser zunächst in einer fiktionalen Handlung, mit Anfang und Ende, glaubt. Doch nach und nach wird der Inhalt immer verwirrender. Man versucht, logische Erklärungen zu finden, die absurden Überlegungen der Kranken nachzuvollziehen. Doch es tun sich stattdessen gebrochene, verschachtelte Realitäten auf - was ist wirklich geschehen, was ist Renates Vorstellung? Oft beschreibt sie Situationen und Menschen, die nur ihre Phantasiegebilde sind. Der Leser wird zum passiven, ohnmächtigen Therapeuten Renates. Ist ihr noch zu helfen, und wenn ja, wie?

Ein Atem raubender, literarisch anspruchsvoller Roman.

Das Cover zeigt das Gemälde "Due Donne" (1939) von Leonor Fini, einer argentinischen Malerin des Surrealismus. Hinter einer versperrten Tür hockt ein kleines Mädchen, das durch das Schlüsselloch auf eine hoch gewachsene, schöne und selbstbewusste Frau schaut. Dieses Bild passt sehr gut zu der erzählten Befindlichkeit des Romans und eröffnet quasi eine ergänzende Interpretationsmöglichkeit.

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