1 Stefan Koch:
Skizzen aus Washington

Zeitgeschehen · Mecke 2010 · Gebunden · 98 S. · ISBN 9783869440224
4 Sterne

Am Herzschlag der amerikanischen Nation

Rezension vom 19.09.2010 · 4305 Zeichen
674 x gelesen · 1 x als hilfreich bewertet (2 x als nicht hilfreich)

Stefan Koch, Jahrgang 1966, ist langjähriger Politikredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Im Frühjahr und Sommer 2010 lebte der langjährige Amerika-Kenner in den USA, und seine aktuellen Eindrücke hat er in dem kleinen Buch "Skizzen aus Washington" festgehalten. In zwanzig Kapiteln berichtet er zunächst über den politischen Ist-Zustand der Regierung Barack Obamas - man könnte sagen: "Nach der Wahl ist vor der Wahl ..." -, über die Stadt Washington, ihre Einwohner und Probleme, um anschließend Eindrücke aus anderen Teilen Amerikas wiederzugeben.

Zwar erscheint Washington als boom-town der Zukunft, aber das Rassenproblem hat die Hauptstadt immer noch nicht im Griff. Im östlichen Stadtteil Anacostia leben die Farbigen isoliert und unter sich. Hier ist man seines Lebens nicht sicher. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, was zwangsläufig den Weg in kriminelle Aktivitäten attraktiv macht.

Im Westen leben die Weißen, die zumeist hart arbeiten müssen, um ihren gewohnten Lebensstandard einigermaßen über die Runden bringen zu können. Dazu gehört auch, die hohen Kosten für die bestmögliche Ausbildung der Kinder zu erwirtschaften. Von einem Ruhestand mit 65 Jahren träumt in Amerika niemand. Wer es sich leisten kann, macht im Jahr eine Woche Urlaub und fliegt dann nach Europa.

Am Memorial Day  findet ein Biker-Treffen statt, das sich im Laufe der Jahre als größtes der USA etabliert und eine erweiterte nationale Funktion gewonnen hat: Der größte Teil sind veterans, ehemalige Kriegsteilnehmer. Man gedenkt der Kriegsopfer, legt Kränze an den diversen Gedenkstätten.. Was die Gemeinschaft der veterans verbindet, sind ihre Traumata, ihre psychischen und/oder körperlichen Versehrungen, ihre politischen Enttäuschungen, oft genug ihre Schwierigkeiten, den amerikanischen Alltag zu meistern. Koch nennt die weltweiten Kriegsschauplätze und die Zahlen der Gefallenen.

Dann verlässt Koch den Brennpunkt Washington und besucht Lancaster County, wo 28.000 Amish in ihrer streng religiösen Gemeinschaft leben. Neben ihrer rückständigen Lebensweise weitgehend ohne jegliche moderne Technik schildert er die Historie dieser Menschen, die im 18. Jahrhundert aus Süddeutschland in die USA auswanderten.

Eines von Amerikas (und Obamas) größten Problemen ist der permanente Zustrom illegaler Einwanderer. Viele Bürger warten darauf, dass er endlich handelt, eine gesetzliche Regelung schafft. Die rechte Bürgerbewegung "Tea Party" fordert eine radikale Lösung - Abschiebung oder Verhaftung -.

Stefan Koch hatte sich über Jahre mit der Geschichte der Russlanddeutschen beschäftigt; er gehört zu den Gründungsmitgliedern der "Deutschen Gesellschaft der Freunde Kasachstans". Er besucht "Little Odessa", eine russischen Gemeinde in einem Stadtteil New Yorks.. Auch dort lebt man völlig autark mit eigenen Geschäften und mit der russischen Sprache. In einem Café trifft er Jurij, den erfolgreichsten russischen Künstler in New York. Er ist der Großneffe des ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow.

Das letzte Kapitel widmet Stefan Koch dem Ort in Vermont, wo in den siebziger und achtziger Jahren Alexander Solschenizyn als Asylant in Ruhe und geschützt vor dem russischen Geheimdienst leben konnte.

Mir haben Stefan Kochs "Skizzen aus Washington" sehr gut gefallen. Besonders wohltuend fand ich, dass Koch (ungleich anderen Bestsellerautoren) nie mit dem Dünkel der Überlegenheit der Jahrtausende europäischer Kultur über amerikanische Essens- oder andere Lebensgewohnheiten die Nase rümpft oder sie als Kuriositäten belächelt. Der Leser kann sich unbeeinflusst seine eigene Meinung bilden auf der Basis dessen, was er selber "sieht". Es gibt genügend Textstellen, die uns Gedanken nahelegen wie etwa "Ach, geht's uns gut hier in Deutschland!" - oder auch umgekehrt: "Amerika, du hast es besser!"

Stefan Kochs Sprachstil ist der des Profi-Journalisten: präzise, klar, anschaulich, farbig, detailreich, weitgehend wertfrei, für jedermann verständlich. Auch wenn dem Leser manche Inhalte schon bekannt sein werden (über die Amish people gab es schon etliche Reportagen), so bietet dieses Büchlein doch genügend aktuellen und interessanten Lesestoff, der kurzweilig unterhält.

Das Buch wird zur Frankfurter Buchmesse am 7. Oktober 2010 präsentiert.

"Skizzen aus Washington" von Stefan Koch bei Amazon Skizzen aus Washington von 186
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Kommentare

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Marc Schwarzenberger schrieb am 22.09.2010:

Hallo aus New York! Die "Skizzen" habe ich auf dem Hinflug gelesen und muss sagen: eine kurzweilige Lektüre. Endlich mal eine unvoreingenommene Sicht auf das Alltagsleben in den Staaten.
Grüße in die Heimat von
Marc Schwarzenberger

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