Rezension zu »Das Spiel des Patriarchen | La gita a Tindari« von Andrea Camilleri

Das Spiel des Patriarchen | La gita a Tindari

von


Kriminalroman · Teil der Serie »Il commissario Montalbano« · Bastei Lübbe · · 320 S. · ISBN 9783404921140
Sprache: de · Herkunft: it

Ausflug in die Höhle des Löwen

Rezension vom 28.10.2012 · noch unbewertet · noch unkommentiert

[Rezension des Fernsehfilms] Tindari liegt im Nordosten Siziliens, ca. 30 km westlich von Messina, zwi­schen Gebirge und einer unge­wöhnlichen Lagune. Zu sehen sind Aus­gra­bun­gen aus der griechisch-rö­mi­schen Vergangenheit und eine spektakulär überm Ort thronende moderne Wallfahrtskirche, in der »La Ma­don­na Nera di Tindari« verehrt wird. Kein schlechtes Ziel für eine »Butterfahrt« – eine Busreise also, wäh­rend der den Fahrgästen großar­tige Haushaltsgeräte oder ähnliche Knüller angepriesen werden, nicht gerade billig, aber dafür brauchen sie für die Fahrt fast nichts zu bezahlen. Die Eheleute Griffo, zu­rück­ge­zo­gen lebende Rentner, gönnen sich dieses bescheidene Vergnügen. Mit an Bord ist die schöne Beatrice Di Leo; sie ist es, die wortreich die Vorzüge eines Koch­geschirrs preist.

Doch die Griffo kehren nie mehr nach Hause zurück. Viel später stellt sich heraus, dass sie in einer ab­ge­le­ge­nen Hütte auf dem Land erschossen wurden – ganz im Stil einer Mafia-Exekution. Beatrice und ein Foto bringen Salvo Montalbano auf die Spur: Die Vergrößerung der Aufnahme zeigt, wie signor Griffo durch das Rückfenster des Busses einen nachfolgenden PKW beobachtet. Sogar das Nummern­schild ist lesbar; der Fiat Punto gehörte Nenè Sanfilippo, 21, der im selben Haus wohnte wie die beiden ermordeten Senioren.

Allerdings lebt auch Nenè nicht mehr. Der Film beginnt damit, dass man ihn erschossen vor der Haustür auffindet ...

Dem Commissario eröffnet sich bald eine Fülle von Einblicken und Erkenntnissen, die erst durch mühsa­mes, sorgfältiges Recherchieren, geschicktes Kombinieren und unkonventionelles Agieren (mancher meint: jenseits des Vertretbaren) überraschende Zusammenhänge zutage fördern.

Nenè war im Porno-Geschäft aktiv; sein Computer ist voller einschlägiger Bilder, Texte und selbst pro­du­zier­ter Filme. Besonders intensive Bande unterhielt er mit einer Rumänin, Ehefrau eines bekannten Organ­trans­plan­ta­tions­chi­rur­gen und Verfasserin eines noch unveröffentlichten Romans.

Was aber soll die Mafia mit all dem zu tun haben? In dieser Hinsicht entwickelt sich ein weiterer Hand­lungs­strang. Don Balduccio Sinagra, mächtiger Boss des lokalen Clans, lädt Montalbano zu einer Unter­redung. Er trägt ihm seine Philosophie vor – und verrät ihm erstaunlicherweise ein Geheimnis.

Auf der Grundlage eines soliden, anspruchsvollen, vielschichtigen und komplex konstruierten Romans ist diese sicher eine der gelungensten Montalbano-Verfilmungen überhaupt. Der Plot ist spannend und be­rührt etliche relevante Themen (z.B. die »alte« versus die »neue« Mafia; die Problematik, was im Kampf gegen das Verbrechen »erlaubt« ist; differenzierte psychologische Aspekte), die Dialoge sind pri­ckelnd, Gestik und Mimik der Charaktere hintergründig.

Faszinierend sind die Schauplätze: Ein unheimlicher Sarazenenturm am Meer; ein verfallenes Bauernhaus, an dessen Tür sich Salvo austobt; vor allem aber das Schloss Donnafugata, von reglosen men in black be­wacht. Auf dessen hochgelegener, langgestreckter Terrasse brennt die Sonne, ein Lüftchen bewegt den Saum des Sonnenschirms, unter dem der steinalte Don Balduccio offene Zwiesprache mit dem geschätzten Polizisten hält. Heißblütig in Worten und Gesten, halb als Karikatur, halb als tragische Figur erscheinend, lässt uns der Mafioso noch in seiner Gebrechlichkeit schaudern, und wir ahnen sein tödliches Potenzial ...

Bemerkenswert:

• Catarella, sonst nur hoffnungsloser Missversteher, begnadeter Wortverdreher und (allzu) trotteliger Tür­öffner, darf in dieser Folge erstmals sein unerwartetes Talent entfalten: Es gelingt ihm in nächtlichen Über­stun­den, Nenè Sanfilippos Computer zu knacken. Seine IT-Expertise verschafft Montalbano den Schlüssel, mit dem er den Fall schließlich lösen kann.

• Die Talente der signorina Di Leo bleiben (natürlich) auch dem vice-commissario Mimì Augello nicht ver­bor­gen. Am Ende des Films geht er ihretwegen selbst auf »Butterfahrt«; Salvo und Dauerfreundin Li­via sind mit von der Partie. In Tindari genießen beide Paare den romantischen Ausblick; Hochzeitspläne kommen auf – aber nicht bei allen Betroffenen ...

»La gita a Tindari« Andrea Camilleri: »La gita a Tindari« bei Amazon erschien im Jahr 2000 und wurde von Christiane von Bechtolsheim ins Deutsche übersetzt.

Weitere Angaben zur Verfilmung finden Sie hier.

Außerdem bietet Ihnen Bücher Rezensionen eine vollständige Übersicht aller Romane und aller Erzählungen über den commissario Montalbano.


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