Rezension zu »Die Insel Capri. Ein Portrait« von Dieter Richter

Die Insel Capri. Ein Portrait

von


Capri, das sind zehn Quadratkilometer im Golf von Neapel, die seit vielen Jahrhunderten die unterschiedlichsten Menschen vom Spinner bis zum Kaiser in ihren Bann ziehen und nicht mehr loslassen. Warum eigentlich? Dieter Richter gibt alle Antworten.
Sachbuch · Wagenbach · · 208 S. · ISBN 9783803127952
Sprache: de · Herkunft: de · Region: Neapel und Golf

Die Sirene unter den Inseln

Rezension vom 17.04.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Sparen wir uns die Liste all der Prominenten, die sich in den letzten zweihundert Jahren auf die kleine Insel Capri im Golf von Neapel locken ließen. Die meisten von ihnen – Künstler, Adlige, Erben, Ärzte, Industrielle, Dandys, Politiker, Empor­kömm­linge, Philosophen, Stars, Wissen­schaft­ler, Militärs haupt­sächlich aus Deutsch­land, Großbri­tannien, Russland und Amerika – blieben für den Rest des Lebens Gefan­gene ihres süßen Zaubers. Viele von denen, die es sich leisten (oder sich bedürfnis­los durch­schlagen) konnten, residierten für ein paar Wochen, Jahre oder Jahrzehnte. Anders­herum ist die Sache einfacher: Goethe beispiels­weise hat das Eiland nie betreten.

Hinzu kommen die Myriaden von Tagestouristen, die am Vormittag aus Napoli oder Sorrento herüber­geschau­felt werden, die Insel mit ihrer Körper­lich­keit und ihrem Geld über­schwem­men und sie am Abend wieder ihrem stillen Frieden überlas­sen. Kamen um 1910 immerhin schon 80 bis 100 Besucher pro Tag, waren es Mitte der Dreißiger­jahre etwa sieben Mal so viele. Nach dem Krieg explo­dierten die Zahlen: knapp zweitau­send im Jahr 1950, 3.400 zehn Jahre später und fast 6.400 in 2016. An Spitzen­tagen kommen und gehen über 10.000 Menschen. Das Lamento über den fatalen Ansturm der Massen gehört seit hundert Jahren zum Ritus der Ein­heimi­schen wie der Fremden. Merkwür­dig: Trotz des Andrangs sucht noch immer jeder Einzelne einen Zauber, der längst zertrampelt und erstickt sein müsste.

Die Hauptsehenswürdigkeiten, also die Orte, an denen sich der Zauber der 10,4 Quadrat­kilo­meter vermeint­lich manifes­tiert, kann, wer will und sich gut organisiert, tatsäch­lich im Laufe eines Tages abklap­pern. Man hat dann gesehen, aber nicht ergründet und nicht verstanden. Dieter Richter, 1938 geboren, emeri­tierter Lite­ratur­profes­sor und profunder Kenner der Region, wählt in seinem Buch »Die Insel Capri. Ein Portrait« den entgegen­gesetz­ten Ansatz. Er folgt keinem Rund­gang über die Insel, sondern sucht ihr schillern­des, komplexes Wesen zu vermit­teln, indem er das Gesamt­kunst­werk im Meer unter diversen Aspekten ausleuch­tet. Dabei werden die verschie­denen Strata und ihre Wechsel­wirkun­gen unterein­ander und in der Zeit erkenn­bar, also die Morpho­logie der Insel, die Gesell­schaft ihrer Bewohner (höchstens 4.000 im 19. Jahrhun­dert, heute um 14.000), die Artefakte (Wege, Treppen, Bauwerke, Gärten), Kunst und Architek­tur, histori­sche Ereig­nisse, geistiger Überbau (Mythen, Legenden, Philoso­phien, Ideolo­gien, Atmosphä­risches, Verklärung).

Entsprechend charakterisieren die neun Hauptkapitel Capri als Gegenpol zum Festland, als geteilte, therapeu­tische, kosmo­politi­sche, politi­sche Insel, als die Insel des Tiberius, als Utopia und Nicht-mehr-Insel. Jedes dieser Haupt­themen ist zunächst an einen markanten Ort geknüpft, von dem die Betrach­tungen ihren Ausgang nehmen, wie Piazzetta und Villa Iovis, Marina grande und Cimitero acatto­lico. Die jeweils fünf bis zehn Unter­kapitel­chen differen­zieren weiter: Die Insel umrunden – Hier wird man gesund – Das blaue Feuer der Romantik – Die Welt von Capri aus retten – Die Lieblings­insel des Faschismus.

Gewiss ist der Autor dem Gesang der Sirene selbst gern gefolgt, aber nicht blind verfallen. Jedenfalls sind die 170 Textseiten gesättigt mit scharfen Beobach­tungen der bisweilen gar nicht so para­diesi­schen, sondern eher abschre­ckenden Verhält­nisse, mit unerwar­teten Einblicken in intime, ausgefal­lene Quellen (wie Briefe, Grabsteine, Gäste­bücher), mit nüchter­nen Analysen. Hier schöpft ein hoch­gebilde­ter, umfas­send belesener Experte aus dem Vollen seines Schatzes, und der Leser genießt die Reise mit, nicht zuletzt dank der essayis­tisch geschulten, präzisen Ausdrucks­weise, die anregt und unterhält, mit Trivia ebenso wie klugen Erkennt­nissen.

Am Ende des Buches ist man vertraut mit dem Wesen dieser Insel der Roman­tiker, Esote­riker, Welt­flüchti­gen, Erotiker, Heilung Suchen­den, Avant­gardis­ten, Einsiedler, Geschäfte­macher, Welt­verbes­serer, Inves­toren, Dekaden­ten, Literaten und Sonnen­anbeter, und im Vorbei­gehen hat man jeden bedeut­samen Ort besucht, viele mehr­mals, je nach Kontext. Der Autor bleibt den Geboten wissen­schaft­lichen Arbeitens treu (Fußnoten, akribi­sche Quellen- und Literatur­nachwei­sung, allen­falls mag man das Fehlen eines Registers und einer besseren Karte beklagen), dennoch (wenn das denn ein Gegen­satz ist) verschlingt man als Amateur die Seiten begierig und genüss­lich.

Vor einem Capri-Besuch gelesen, stimmt dieses nuancenreiche Portrait auf das Traumziel im Golf von Neapel ein. Vor Ort ergänzt es den Reise­führer – und für die Glückli­chen, die dem Sirenen­gesang gleich mehrere Tage lang folgen können, ersetzt es ihn vollends.


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