Rezension zu »Arminuta« von Donatella Di Pietrantonio

Arminuta

von


Völlig unvorbereitet und ohne jede Erklärung wird eine Dreizehnjährige in eine andere Familie verpflanzt, aus einem wohlgeordneten Bürgerhaushalt in einer Küstenstadt in die primitive und ärmliche Umgebung eines abgelegenen Dorfes in den Abruzzen.
Belletristik · Kunstmann · · 224 S. · ISBN 9783956142536
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Süditalien

Die Bedeutung einer Mutter

Rezension vom 01.10.2018 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Das Mädchen ist dreizehn, sensibel, intelligent und aufgeschlossen. Die fürsorg­lichen Eltern haben das Einzel­kind wohlbe­hütet großge­zogen und in allem gefördert. Die Familie wohnt in einem gepflegten kleinen Haus direkt am Strand. Eines Tages fährt ihr Vater – er ist Cara­biniere – mit ihr hinauf zu einem Bergdorf in den Abruzzen und gibt sie dort samt Gepäck bei ihr fremden Leuten ab, die, so hat man ihr mitge­teilt, ihre leib­liche Familie seien. Ihre Proteste stimmen den Vater nicht um, er lässt sie alleine zurück.

In der Tat ist Adalgisa, die sie ihr Leben lang »Mutter« nannte und die diese Rolle untadelig ausge­füllt hatte, eine Cousine ihrer leib­lichen Mutter, bei der sie nun einzieht. Sie hatte das Kind – ihr drittes oder viertes – mit sechs Monaten an die »Tante« abge­geben, die sich ein Kind wünschte, aber selber keines bekam. Bis zum Tag der Rück­gabe im August 1975 gab es fast keinen weite­ren Kontakt zwischen den Familien.

Dem Mädchen ist mit einem Mal der Boden unter den Füßen entzogen. Von einem Tag auf den anderen hat sie keine Mutter, keine Familie, kein Heim mehr – und gleich­zeitig zwei Mütter, zwei Familien, zwei Heime: »Mit zwei lebenden Müttern wurde ich zum Waisenkind.«

Italienische Originalausgabe:
»L’arminuta«
(2017, Verlag Einaudi)
Donatella di Pietrantonio: »L’arminuta« auf Bücher Rezensionen
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Übersetzung: Maja Pflug

Wohin gehört sie jetzt? Welche sind ihre Wurzeln? Zu wem kann sie noch Vertrauen fassen, wenn die eine Mutter sie schon als hilfloses Baby wegge­geben, die andere sie aus der Geborgen­heit ihres jungen Leben heraus­reißen und zurück­schicken konnte wie einen Gegen­stand, dessen man über­drüssig ist? Woran kann sie sich klammern? An die Hoffnung, einmal zu Adalgisa zurück­kehren zu dürfen?

Niemand hat ihr einen Grund genannt, warum sie zwei Mal im Leben abge­schoben wurde, deshalb ist sie ratlos und verzwei­felt. Sie urteilt nicht, sondern will begrei­fen: Welch furcht­bare Last müssen Frauen im Herzen tragen, dass sie sich von ihrem hilf­losen Neugebo­renen und einer über Jahre liebgewon­nenen Tochter zu trennen vermögen? Dass die Mutter in letzter Zeit erkrankt war, ist ihr nicht entgangen. Will man dem Kind das Leiden oder gar den Tod der Mutter ersparen? Welchen schweren Fehler hat sie begangen, dass sie ihr nicht beistehen darf?

Die neue Umgebung könnte nicht unterschiedlicher sein. Das Leben im Haus der »Dorfmutter« ist, anders als das der »Meermutter«, von Entbeh­rung und Verzicht gezeich­net. Stumpf­heit, ein rauer Ton und Schläge bestim­men die Begeg­nungen zwischen den ungepfleg­ten und unge­bildeten Familien­mit­gliedern. Sie sind nicht böse und nicht herzlos, aber unbehol­fen und unfähig, ihre Gefühle auszu­drücken. Die Wohnung ist verwahr­lost und viel zu klein. Die fünf Kinder vom Säug­ling bis zum Fünfzehn­jährigen schlafen in einem muffigen Zimmer, teilen sich versiffte Betten.

Entwurzelung und Verlorenheit der neu Angekommenen werden durch ihre Namen­losig­keit versinn­bildlicht. Niemals wird sie mit ihrem Namen angespro­chen, nicht einmal sie selbst erwähnt ihn. Die Kinder im Ort und auch ihre Geschwis­ter nennen sie »die Armi­nuta«, was im Dialekt »die Zurück­gekom­mene« bedeutet und nicht als Will­kommens­gruß, sondern verächt­lich gemeint ist. Gern spuckt man auf den Boden, wenn man der vermeint­lich Hochnä­sigen aus einer fernen Welt begegnet.

In Wirklichkeit ist das Mädchen alles andere als arrogant. Sie jammert nicht dem Verlo­renen hinter­her, sondern arran­giert sich mit unveränder­lichen Gegeben­heiten. Sie teilt sich ein Bett mit der drei Jahre jüngeren Schwester Adriana, ignoriert deren schmud­delige Verfas­sung, kantige Emotio­nalität und allnächt­liches Bett­nässen. Bald verbindet die beiden über alle Unter­schiede der Soziali­sation hinweg Verständnis und Solidarität – eine wahre Freund­schaft, die beiden guttut und Jahr­zehnte über­dauern wird. (»Arminuta« erzählt ihre Geschichte aus der Rückschau der Erwach­senen.)

Niemals aber will sich die unfreiwillig Zurückgekommene in ein Schicksal fügen, das andere für sie bestimmt haben. »Ich bin doch kein Paket, hört gefälligst auf, mich herum­zuschub­sen«, insistiert sie. Lange bleiben die Hinter­gründe für sie unsichtbar. Uner­müdlich grübelt sie, was Adalgisa und ihren Mann bewogen haben mag, sie zurückzu­geben, warum sich die beiden vor ihr verstecken, warum auch ihre anderen Eltern schweigen. Sie versucht, die Verant­wortli­chen und Beteilig­ten zur Rede zu stellen, und erkennt doch immer wieder nur ihre Macht­losig­keit. Trotzdem gibt sie die Hoffnung auf eine Wendung zu einer besseren Zukunft nicht auf.

Eine bedeutsame Wirkung übt Vincenzo aus, der fünfzehn­jährige Bruder mit seinem zwiespäl­tigen, noch ungefes­tigten Charakter. Wenngleich seine Zudring­lich­keiten dreist und unge­schliffen sind, gibt er dem Mädchen doch als einziger (neben Adriana) das Gefühl, noch als Mensch geliebt zu sein. Ehe die beid­seitige Hormon­aufwal­lung zum Problem werden kann, nimmt der Junge ein tragi­sches Ende.

Eine Perspektive, das Bergdorf zu verlassen, öffnen der Erzählerin ihre heraus­ragenden schulischen Leistungen. Ihre Lehrerin drängt die bildungs­fernen Eltern, das kluge Mädchen unbe­dingt bei einem Gymnasium in der Stadt anzu­melden – für »die Arminuta« eine starke Waffe auf dem Weg zu einer selbstbe­stimmten Existenz.

Dies ist ein schlichter, stiller Roman, der in schmuckloser Alltags­sprache einen einfachen Handlungs­verlauf wieder­gibt. Ihre Kraft gewinnt die Erzählung daraus, wie sie ihre Themen durch­dringt. Im Vorder­grund steht die Suche nach der eigenen Identität, die bei der Erzählerin so abrupt und schmerz­voll ausgelöst wird. Damit einher geht, wie die elemen­tare, facetten­reiche Notion »Mutter« bei ihr in ein Nichts zerfließt. Die Autorin lässt sie metapho­risch zu einem Ort gerinnen: »Es ist eine anhaltende Leere, die ich kenne, aber nicht überwinde … Eine trostlose Landschaft, die einem nachts den Schlaf raubt und das bisschen, das sie einem lässt, mit Albträumen füllt«. Mit der Mutter verliert das Kind jede Gewiss­heit, jedes Zugehörig­keits­gefühl und muss oben­drein die Schuldge­fühle verarbeiten, die sich in ihr Gewissen einschlei­chen. Die Erwach­senen müssen sich fragen, was Mutter­schaft bedeutet, welche Verant­wortung aus ihr resul­tiert, wie schwierig es ist, ihr gerecht zu werden, wenn Leid oder Not keine Wahlfrei­heit mehr lassen.

Die Schauplätze sind kaum individualisiert und erzeugen doch eine greifbare Stimmung. Die große, moderne Küsten­stadt (Pescara?) bietet Sorglosig­keit, Offen­heit, Chancen­vielfalt. Die keine hundert Kilometer entfernte Berg­region der Abruzzen (mit dem Gran-Sasso-Massiv) ist dagegen von der Welt abge­schnit­ten und rück­ständig, der Menschen­schlag wirkt hart und dick­fellig, ihr Dialekt spröde. Die Kinder im Roman haben noch nie Eis gegessen, die Erwach­senen noch nie das Meer gesehen. Ein Fernseh­gerät ist Luxus, Vincen­zos Moped ein Status­symbol. Seit Urzeiten zerstören Natur­katastro­phen (Berg­rutsche, Lawinen, Erdbeben – wir erinnern uns an L’Aquila 2009 und Amatrice 2016) ganze Lebens­werke, und den Menschen blieb bis in unsere Tage keine andere Wahl, als Schicksals­schläge und Unge­rechtig­keiten ihres Daseins mit Gleichmut zu ertragen. So gab es hier (und in anderen armen Gegenden Italiens) bis weit ins zwan­zigste Jahrhun­dert die schmerz­liche Praxis, ein Neuge­bore­nes im Ver­wandten­kreis abzu­geben, wenn man es selbst nicht würde groß­ziehen können.

Donatella di Pietrantonio, 1963 geboren, wuchs bis zu ihrem neunten Lebensjahr selbst in so einem abgele­genen Dorf auf. Heute arbeitet sie als Kinder­zahn­ärztin in der Provinz Teramo. Als sie 2017 für »L’Arminuta« den renom­mierten Premio Campiello erhielt, widmete sie ihn gerührt den Abruzzen, ihrer Heimat, die »ein furchtbares Jahr hinter sich hat, die Erdbeben, Erdrutsche und Brände ertragen musste«.


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