Rezension zu »Drei« von Dror Mishani

Drei

von


Drei Frauen sind in diverse Notlagen geraten, und jede sucht ziemlich verzweifelt nach einem Ausweg. Der geschickte Autor führt sie alle aufs Glatteis – und den Leser gleich mit.
Kriminalroman · Diogenes · · 336 S. · ISBN 9783257070842
Sprache: de · Herkunft: il

Verheißungsvoller Verführer

Rezension vom 04.11.2019 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Vordergründig erzählt Dror Mishani in seinem neuen Roman von den Beziehungs- und Lebens­krisen dreier Frauen, von ihrer Suche nach einem Kick im Alltags­trott und nach einem Weg aus ihrer Einsamkeit.

Ein Dating-Portal für Geschiedene ist der Ort, wo die Gymnasial­lehrerin Orna im ersten der drei Teile ihr Profil einstellt, um neue Bekannt­schaften zu knüpfen. Sie trägt schwer an ihrer Scheidung, und es gelingt ihr nur mit Mühe, ihre normale Alltags­routine wieder aufzunehmen. Noch stärker belastet ist ihr neun­jähriger Sohn Eran, der seine Trauer über die Trennung der Eltern in Therapie­gesprä­chen bewältigen soll. Ornas Ex-Mann Ronen, ein Reiseleiter, lebt dagegen mittler­weile in einer neuen und glücklichen Beziehung im fernen Nepal.

Ihre Freundinnen haben Orna nachdrücklich genug gewarnt, dass man nicht alles glauben darf, was die Leute auf den Portalen so erzählen. So hält sie sich durchaus vorsichtig zurück. Erst nach mehreren Chats lässt sie sich auf eine Einladung zu einer persön­lichen Begegnung ein. Sie stammt von einem Anwalt, 42, 177 cm groß, sportlich, zwei Kinder.

Mit seinem durchschnittlichen Charakter, seiner entspannten und unauf­dring­lichen Art kommt der Mann bei Orna gut an. Es folgen weitere Treffen, bei denen sie wachsam bleibt und von sich nicht viel preisgibt, und bei jedem gewinnt der aus­gespro­chen zurück­haltende Herr mehr von ihrer Sympathie. Warum sollte das Glück, das Ronen begünstigt hat, nicht auch Orna hold sein? Und warum nicht zusammen mit diesem Anwalt?

Die zweite Protagonistin im Handlungs­geschehen heißt Emilia und stammt aus Riga. Eine Organi­sation hat die Mittvier­zigerin als Pflegekraft nach Israel vermittelt, wo sie sich um einen schwer­kranken Alten kümmern soll. Nach dessen Tod muss sie zeitweise in einem Senioren­heim arbeiten, doch der geringe Verdienst reicht kaum, um die Miete für eine winzige Wohnung zu bezahlen. Sie wendet sich an den Sohn des Verstor­benen um Unter­stützung, aber mehr als einen illegalen Job hat er nicht zu bieten.

Die Dritte im Bunde enttäuschter Frauen ist Ella, 37, Ehefrau eines Berufs­soldaten und nach eigener Einschät­zung »haupt­sächlich Gebärende«. Das jüngste ihrer drei Kinder hat sie zehn Monate zuvor auf die Welt gebracht. Jetzt findet sie sich am Rande des Wahnsinns, wo ihr Zigaretten und Anti­depres­siva Linderung verschaffen. Um dem häuslichen Aberwitz zu entfliehen, hat sie sich für ein Master­studium an der Uni ein­geschrie­ben und überlässt den Nachwuchs während ihrer Abwesenheit den fürsorg­lichen Händen einer Kinderfrau. In dem Café, wo sie die Vormittage mit ihrem Laptop zubringt, lernt sie einen netten Mann kennen, man führt offene Gespräche, man kommt sich näher.

Wir wissen längst, dass es für die drei Frauen einen gemeinsamen Nenner gibt, und der ist männlich, Vertrauen erweckend, aber ein hinter­gründiger Charakter. Er verfolgt einen Plot, dessen abgründige Raffinesse be­wunderns­wert ist. Insbe­sondere das dritte Kapitel, origi­neller­weise im Futur erzählt, hat es in sich.

Doch im Mittelpunkt des ruhigen, wendungsreichen Kriminalromans steht nicht das Verbrechen (von dem hier nicht näher berichtet werden soll). Dass irgendwann einmal ein Polizist und seine Nach­forschun­gen ins Spiel kommen, ist ein Über­raschungs­moment – es bleibt nicht das einzige, und sein Effekt wird sogar noch übertroffen.

Vielmehr fokussiert sich Dror Mishani auf die drei Frauen, deren unter­schied­liche Psycho­gramme er überzeugend entwickelt. Die einzige männliche Hauptfigur wirkt dabei wie ein Katalysator, denn erst durch ihn dringt ihr Innenleben nach außen und entfaltet sich für den Leser. Alle drei stehen mit ihren Lebens­problemen ziemlich alleine und verlassen da und müssen sich für eine bessere Zukunft gehörig kämpfend ins Zeug legen. Wer würde in dieser Lage, wenn sich eine attraktive Gelegen­heit auftut, nicht darauf hoffen, dass seine Sehn­süchte wenigstens für kurze Zeit erfüllt würden, dass man für eine Weile vergessen und neue Kraft tanken könnte?

Dror Mishanis feinsinniger Krimi »שְׁלוֹשָׁה (Shalosh)«, den Markus Lemke aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt hat, besticht durch eine Fülle lebensnah und einfühlsam gestalteter Konflikte und Szenen – der trauma­tisierte Junge Eran in seiner psy­chologi­schen Betreuung, die Anreise seines Vaters samt neuer Familie, um ihn zu einem gemeinsamen Urlaub mitzunehmen, die Sorge der Mutter, ihren Sohn an den Vater zu verlieren.

Obwohl die Konstruiertheit des Handlungsaufbaus deutlich durch­scheint, wurde der Plot doch von einem sehr guten Architekten entworfen, dem es gelungen ist, ein natürlich wirkendes und tragfähiges Gebäude zu errichten, in dem man sich gern umsieht.


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