Rezension zu »Mama Tandoori« von Ernest van der Kwast

Mama Tandoori

von


Eine junge Inderin kommt 1969 in die Niederlande, heiratet einen angehenden Arzt und zieht mit ihm drei Söhne groß. Der jüngste schrieb dieses amüsante, respektvolle Porträt seiner unkonventionellen, um Überraschungen, Mut, Energie, Worte und manche Peinlichkeit niemals verlegenen Mutter.
Familienroman · btb · · 240 S. · ISBN 9783442757695
Sprache: de · Herkunft: nl

Die Weltmeisterin der Vergleiche

Rezension vom 31.08.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Was ist die schönste Liebeserklärung, die ein Sohn seiner Mutter widmen kann? Der Nieder­länder Ernest van der Kwast weiß es. Er hat ein Buch über sie geschrieben. Es ist äußerst unterhalt­sam, denn Veena Ahluwalia ist nicht nur eine unglaublich energische Per­sönlich­keit, sondern durch ihre Heirat mit dem Nieder­länder Theodorus Henricus van der Kwast prallen zwei Kulturen, ja Welten aufeinander, dass die Funken sprühen.

In zehn vergnüglichen Kapiteln wirft der Sohn Schlaglichter auf Mutter, Vater, Brüder, Onkel und Tanten. Er stützt sich auf eigene Erlebnisse und Beob­achtun­gen sowie darauf, was ihm aus der Verwandt­schaft zu Ohren gekommen ist.

Fürs Leben geprägt wurde Veenas außergewöhnliches Wesen durch ihre Kindheit und Jugend. Sie wurde kurz vor der Unab­hängig­keit Indiens im späteren Pakistan geboren, als der Hass zwischen Hindus und Moslems beidseitig zu Verfolgun­gen und Gemetzel eskalierte. Die hinduis­tische Familie floh mit ihrem Säugling über Kashmir nach Indien, wo sie in einem kleinen Dorf Frieden zu finden hofften. Aber »Armut, Krieg und neun Geschwister haben mehr als nur einen Kratzer im Charakter meiner Mutter hinter­lassen«: »etwas Elementares […], das nicht aufzuhalten war, eine Naturgewalt wie ein ausbre­chender Geysir«.

Im Jahr 1969 kommt Veena Ahluwalia in die Niederlande. Sie will Kran­kenpfle­gerin werden und bezieht ein Zimmer im Schwes­tern­wohn­heim. Ein Student der Medizin verliebt sich in die aparte junge Exotin, ein paar Jahre später heiraten sie, erwerben ein Häuschen in der Bloemstraat und bekommen drei Söhne (den ersten 1977, den jüngsten, Ernest, 1981 in Bombay, wo die Schwangere gerade auf Verwandten­besuch weilt). Der Vater ist Arzt, die Jungs haben »eine gute Kindheit«, die van der Kwasts werden eine ganz normale Familie, wie es von außen scheint.

Das Innenleben ist jedoch turbulent. Der Autor reiht Episode an Episode, die die wahren Verhält­nisse offenlegen. Mehrere rote Fäden, running gags und stehende Wendungen ziehen sich durch die Kapitel, wie etwa bestimmte unangenehme Gerüche, Mamas ins Absurde überstei­gerte Sparsamkeit, die trockenen Sprüche und feuchten Niesanfälle Ashirwads, des geistig behinderten Erstgebo­renen, allerlei inter­kultu­relle Divergenzen und das Nudelholz, das hier tatsächlich Zwecken dient, die man ansonsten nur aus Cartoons kennt. Neben seiner ener­giegela­denen Ehefrau ist der Vater zu Hause zur Bedeutungs­losigkeit verdammt, was ihm immer wieder den Stoßseufzer »Wäre ich bloß eine Ratte in Delhi …« entlockt.

Das unangefochtene Zentralgestirn dieses Universums ist »Mama Tandoori«, wie Veena genannt wird, seit sie für Vater auf traditio­nell indische Weise Hühnchen zubereitet: »Tandoori Chicken«. In der Familie hält sie alle Fäden in der Hand, vor allem, wenn wichtige Entschei­dungen anstehen und schon gleich, wenn es um Geld geht. »In einem anderen Leben wäre sie ein Diktator gewesen […]. In diesem Leben war sie nur meine indische Mutter.« Selbst Außenste­hende hat die Matriarchin das Fürchten gelehrt. Lange bevor ihr Porträtist geboren war, soll der Mitbewohner eines Mietshauses das gemeinsame Leben unter einem Dach nicht mehr ausgehalten und mit den Worten »sie ist ein Teufel« das Weite gesucht haben.

Unschlagbar ist sie beim Handeln und Tauschen. Beinhart treibt sie jeden Preis in den Keller bezie­hungs­weise in atmosphä­rische Höhen, bis sich ihr Gegenüber entwaffnet und sprachlos geschlagen gibt. Bis dahin hat Vater »Sprech­verbot« und darf »lediglich atmen und nicken«, um seine Unterstüt­zung zu signali­sieren. So vergrößert sie stetig den Wohlstand der Familie, indem sie immer wieder schimmernde Teile aus ihrem materiellen Grundstock – zwei Koffer voller Schmuck, die sie mit nach Europa gebracht hatte – eintauscht, auf diese Weise das erste Häuschen erwirbt und gegen immer wertvollere einhandelt.

Die Kehrseite von »Mama Tandooris« kauf­männi­schem Geschick ist die extreme Sparsamkeit, mit der sie die Nerven ihrer Familie strapaziert. Um die Wasseruhr auszu­bremsen, sind die Mitglieder der jungen Familie gehalten, aus der Schule, dem Sportverein und vom Arbeits­platz Wasser nach Hause zu schmuggeln. Später quillt das Haus über von paletten­weise heimge­karrten Sonderan­geboten und Objekten für gewinn­bringende Tauschge­schäfte.

Eine starke Frau wie Veena verlässt nie die Hoffnung. Mit Ashirwad, ihrem Ältesten, zieht sie von Spezialist zu Spezialist und reist, als der medizi­nische Befund feststeht, nach Lourdes, davon ausgehend, dass dort ein Wunder geschehe. Dass es ausbleibt, muss sie schweren Herzens hinnehmen. Leider erfüllt auch ihr Jüngster nicht, was sie sich für ihn in den Kopf gesetzt hat. Das hyperaktive Kind tobt sich zwar erfolgreich in der Leicht­athletik aus – »Jaldi, Jaldi!« (»Schneller, schneller!«), feuert sie ihn an –, doch nach dem Abitur gibt er das Wirtschafts­studium auf, um Schrift­steller zu werden. Solch einen »Bösen Geist« kann nicht einmal sie mit einem in Brand gesteckten Müllsack verscheu­chen.

Einfach witzig sind die kreativen Vergleiche, mit denen »Mama Tandoori« ihren Argumenten unwider­steh­liche Würze verleiht (wenn auch keine zusätzliche Über­zeugungs­kraft, so maßlos sind sie übertrieben). Die meisten beziehen sich auf die Lebens­verhält­nisse in ihrer fernen Heimat, deren Grundmotive sie blumig und flexibel variiert. »Dein Vater war so arm wie eine Ratte in Delhi.« Als Assistenz­arzt verdient er gerade mal so viel »wie ein Rikscha­läufer in Bangalore«. Egal wie wenig eine Ware kosten soll, weiß Veena van der Kwast: »In Indien bekommt man dafür hundert Etagen­betten!« Egal wie hoch ein Kaufangebot bereits ist, die eiserne Verkäuferin schmettert es verächtlich ab: »Zu diesem Preis bekommt man in Indien nicht mal eine Wellblech­hütte!«

Ernest van der Kwasts Roman »Mama Tandoori« Ernest van der Kwast: »Mama Tandoori« bei Amazon (im nieder­ländi­schen Original bereits 2010 erschienen und jetzt von Andreas Ecke ins Deutsche übersetzt) ist eine kurzweilige Sammlung zuge­spitzter Schoten, von denen nicht wenige zum Fremd­schämen einladen (wobei man sich manchmal fragt, wer am ehesten Grund zum Schämen hat: Mutter, Vater, Sohn – oder keiner der drei?). In seinem Elan mag der Autor den humoris­tischen Bogen gelegent­lich überspannt haben. Aber durchweg spürt man das tiefe Verständnis des Sohnes für die Eigenarten seiner Mutter und die Anerken­nung dessen, was sie in allen Lebens­lagen für ihre Familie erkämpft hat. Unter der bisweilen zum Schreien komischen Ober­fläche spüren wir stets einen Grundton berühren­der Melan­cholie.


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