Rezension zu »Kaffee und Zigaretten« von Ferdinand von Schirach

Kaffee und Zigaretten

von


Erlebnisse, Begegnungen, Ansichten, Geschichten, Porträts, Gedanken, Betrachtungen, Zitate, Gerichtsfälle, Sentenzen
Belletristik · Luchterhand · · 192 S. · ISBN 9783630876108
Sprache: de · Herkunft: de

Kluges für zwischendurch

Rezension vom 30.04.2019 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Beiläufiges und Schwerwiegendes enthält dieses Buch. Sein Text ist in 48 Kapitel gegliedert, die zwischen ein paar Zeilen und acht Seiten lang sind. Ein Gliede­rungs­prinzip, eine Gesamt­struktur ist nicht erkennbar. Der Ton ist durchweg ernst, reflek­tierend, zwischen den Zeilen blitzt manchmal ein Funken Ironie auf. Der Autor berichtet mehr als er erzählt. Er trägt seine klaren Ansichten vor, und da stehen sie dann. Von Schirach missioniert nicht.

Das Cover knüpft stilistisch an die früheren Bestseller-Erfolge an, doch das Buchinnere bringt anderes: auto­biogra­fische Episoden (Erlebnisse, Erinne­rungen, Begeg­nungen, Literatur- und Film­erfahrun­gen), Rechtsfälle (auf die bekannte Weise erzählt wie Kurz­geschich­ten), bedeut­same Ereig­nisse aus Politik, Kultur, Gesell­schaft. Was die einzelnen Gegenstände be­richtens­wert macht, wird oft erst in ihrer Kombination deutlich. Einem Gerichts­urteil von 1962 stellt der Autor eines von 2017 gegenüber, woraus ein Wandel der Moral­vorstel­lungen erkennbar wird. Die Charaktere der drei porträ­tierten RAF-Anwälte Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler tragen die Gegensätze in sich selbst. Eine Seite lang berichtet der Autor von einer Jor­danien­reise und einem Ausflug in die Wüste, über­gangs­los verblüfft der nächste Absatz: »Am 4. Januar 1960 will Albert Camus mit der Bahn nach Paris fahren.« Das Verfahren ist Prinzip.

Wer übrigens auf Interna aus der bedeutenden Familie von Schirach spekuliert, wird enttäuscht sein. Nur das Eingangs­kapitel gewährt aus­führ­liche­ren Einblick in das Elternhaus des 1964 geborenen Ferdinand. Noch in den Sechziger-, Sieb­ziger­jahren pflegte man dort den strengen, düsteren Lebensstil eines elitären Adelsge­schlechts: Tantenbe­suche, Fuchsjagden, diskretes Personal. Das fein­fühlige Kind (»gefährdet«) wird einem kargen Jesuiten­inter­nat in einem finsteren Schwarz­wald­tal überlassen. Der Vater ist nur durch Postkarten präsent, stirbt schon 1980. Der Erzähler betrachtet sein damaliges Ich in der Distanz der 3. Person.

Der berüchtigtste Vorfahr, Großvater Baldur, scheint nur kurz in gespens­tischem Licht auf. Der Autor begegnet einer Anwalts­kollegin aus Kiew und erfährt, dass deren jüdische Großeltern aus Wien verschleppt und ermordet wurden. Baldur von Schirach war damals der verant­wort­liche Reichs­gau­leiter in Wien. Ob und gege­benen­falls wie der entsetz­liche historische Zu­sammen­hang themati­siert wurde, bleibt unerwähnt. Vielmehr wandern die Gedanken weiter zu Roland Freisler, dem Präsidenten des Volks­gerichts­hofs, und Fabian von Schlabren­dorff, einem jungen Hitler­atten­täter und späteren Richter am Bundes­verfas­sungs­gericht, schließlich zum Begriff der Würde des Menschen und der Bedeutung der Menschen­rechte.

Anstatt packender Erzählungen von verstö­renden Kriminal­fällen also eine Samm­lung sehr persönlicher Essays und Geschichten – konkrete Ereig­nisse als Konden­sations­kerne für mehr oder weniger ausführ­liche Betrach­tungen über die Zeitläufte, Politik, Moral, Philosophie, Gesell­schaft.

Das Erstaunliche ist, dass die kleinen textlichen Formen dieses Buches eine nicht minder wuchtige Wirkung hervorrufen als die großen Erzäh­lungen. Denn von Schirachs beste­chender Schreibstil ist derselbe geblieben. Seine markante Lakonie erinnert von jeher an Hemingway. Mit dem teilt von Schirach eine leicht fließende, scheinbar absichts­lose Sprache, die Simplizität des paratak­tischen Satzbaus, die Reduktion auf das Notwen­digste, den Verzicht auf Aus­schmü­ckung und Rhetorik, die große Präzision und Nüchtern­heit in der Wortwahl, die ohne Pathos auskommt. Wie bei Hemingway steigt aus diesem Textgewebe oft zarte, melancholische Poesie. »An einem winzigen Tisch saß die junge Frau. Sie weinte. Sie weinte, weil ihr Kind tot, sie einge­sperrt und ihr Freund nicht mehr da war.«

Die Einfachheit ist Programm. »Das Komplizierte, so wird uns gesagt, sei das Wertvolle. Aber das ist Unsinn. In Wirk­lich­keit ist das Einfachste das Schwie­rigste.« Von Schirach zitiert Hemingway (aus »Paris, ein Fest fürs Leben«) und bewundert Michael Haneke – dessen Filme seien wie Haikus: »Sie sagen genau das, was sie sagen wollen, nichts anderes.« Ebenso ›funk­tionie­ren‹ ja auch von Schirachs Erzählungen: Sie berichten, was geschieht, mehr nicht. Sie dramati­sieren nicht, bauschen nicht auf, kommen­tieren nicht einmal. Sie zeigen einfach ein Geschehnis, und es ist das geradezu wortlos Gezeigte, das den Leser erschüttert. Denn oft sind es schiere Abgründe.

Anders als Hemingway, für den ›große Worte‹ nach den entsetz­lichen Kriegen und Ideologien seiner Zeit ›verbraucht‹ waren, scheut von Schirach vor ihnen nicht zurück, behandelt sie aber auch unpathe­tisch, grund­sätz­lich. Großartig die Ausfüh­rungen über Menschen­würde, die »kein Teil des Menschen wie ein Arm oder ein Bein« sei, sondern »nur eine Idee, sie ist zer­brech­lich, und wir müssen sie schützen.« Die Menschen­rechte, festge­halten in den »heutigen Ver­fassun­gen der freien Welt – das sind unsere Siege über die Natur, Siege über uns selbst.« Großartig die schlichte Klarheit der Thesen: »Heimat ist kein Ort, es ist unsere Erinnerung.« – »Hass ist die furcht­barste, die einfäl­tigste und die gefähr­lichste Haltung zur Welt.« – »Sich selbst zu lieben, das ist zu viel verlangt. Aber die Form zu wahren, es ist unser letzter Halt.«

Ein lebenskluger, ein begabter Autor.

Ein weises, ein bereicherndes Buch.


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