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Rezension zu »Hard Revolution« von George Pelecanos

Hard Revolution

von


Kriminalroman · ars vivendi · · Gebunden · 399 S. · ISBN 9783869137667
Sprache: de · Herkunft: us

Zeit des Zorns

Rezension vom 18.10.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Ohnmacht und Perspektivlosigkeit, wohin man schaut. Die farbige Bevölke­rung im Süden der USA lebt mittel­los in herunter­gekomme­nen Häusern, schlägt sich mit einfachsten, unsicheren Jobs durch, hat in Sommer­hitze und Winter­kälte kaum andere Freizeit­beschäfti­gungen als in den Vorstädten herumzu­hängen, fernzu­sehen, Musik zu machen, in Hinter­höfen an Autos herumzu­basteln oder sich Gangs mit frag­würdi­gen Ehren­codices anzu­schließen. Wie die Frustration schwelt, Miss­gunst und Hass auf die weißen Unter­drücker offen zunehmen, bis der emotio­nale Kessel beinahe über­kocht, das spürt der Leser in vielen Szenen dieses Romans, die den trost­losen Alltag der armen Schwarzen illustrieren.

Die Handlung beginnt im Frühjahr 1959 in Washington D.C. Die Farbigen wohnen in ihren eigenen Stadt­vierteln, isoliert von den Weißen. Seit 1896 gilt in den USA die Politik der Segre­gation nach dem schein­heiligen Prinzip »separate but equal«. In allen Bereichen des Lebens sind Weiße und Schwarze gesetz­lich streng getrennt – im Bus, im Restau­rant, im Kino, in den Schulen. Keinem Bürger beider Seiten käme der Wunsch nach Ver­mischung in den Sinn. Der Rang­unter­schied beherrscht den Alltag. »Kaffer, Affe, Nigger, Motherfucker« sind nur einige Beispiele für die demüti­genden Verbal­attacken, die schnell zu Prüge­leien und Schlimme­rem eskalieren.

Der Autor stellt uns in wechselnden Szenen und Perspektiven die Personen vor, die ihr Leben unter diesen Gegeben­heiten führen müssen, und es wird deutlich, dass alles, was kommen wird, was mit ihnen geschieht, was sie tun werden, in ihren jungen Jahren bereits angelegt ist. Die Sog­wirkung des Unab­wend­baren (und dennoch für den Leser kaum Vorher­sehba­ren) macht die Faszination des Romans aus.

Im ersten Teil müht sich die farbige Familie Strange redlich, ihren ärmlichen Alltag zu bestreiten. Vater Darius kocht in einer Imbiss­bude, Mutter Alethea hat mehrere Putzjobs, u.a. bei dem weißen Polizisten­ehepaar Olga und Frank Vaughn mit ihrem verzogenen Sohn. Olga ist ein Parade­bei­spiel für die verbrei­tete Schizo­phrenie der Zeit, die aus separate but equal resul­tiert. Im Kreis ihrer Freundin­nen gibt sie sich liberal, argumen­tiert gegen die Benach­teiligung der Farbigen, lädt Alethea gar zum gemein­samen Lunch, was ihr ein besonders warmes Wohl­gefühl verschafft. Hat die Dienst­botin das Haus verlassen, trennt sie freilich deren benutztes Geschirr vom übrigen und spült es sorg­fältig mit eigener Hand – »man will ja schließ­lich nicht, dass von diesen Farbi­gen etwas auf einen abfärbt«.

Darius und Alethea bemühen sich, ihren beiden Jungen Derek (12) und Dennis (18) eine gute Erziehung mitzu­geben. Man isst gemeinsam, spricht über schulische Leistun­gen und Zukunfts­pläne. »Arbeit lohnt sich«, glaubt Darius und sieht es gar nicht gern, wenn die Söhne mit nichts­nutzigen weißen »Tauge­nichtsen« herumhängen.

Einer von denen ist Buzz Stewart (18), der mit seiner Körper­kraft protzt und keiner­lei weitere Quali­täten vorzu­weisen hat. Er würde ganz gerne in einer Auto­werk­statt arbeiten, aber eine solide Mechaniker­ausbildung zu durch­laufen ist ihm denn doch zu viel Aufwand. Also jobbt er ein bisschen an einer Tank­stelle, bastelt in der elter­lichen Garage an seinem alten Ford herum und zieht mit seinen Gefähr­ten ab und zu einen Über­fall durch.

Überlegen fühlen sich Buzz und seine Kumpel, wenn sie Derek anmachen. »Zeig, dass du Eier in der Hose hast«, provo­zieren sie ihn, und tatsäch­lich beweist er ihnen seinen Mut, indem er in einem Kauf­haus etwas klaut. Doch dies ist Dereks »Glücks­tag«, wie er später erzählen wird. Zwar erwischt ihn der Laden­detektiv, aber er erkennt den ehrlichen Charakter des Jungen, redet ihm ins Gewissen und lässt ihn laufen. Neun Jahre später – 1968 – ist Derek Streifen­polizist.

Weniger Glück hat der ältere der beiden Strange-Brüder. Sowohl sein Vater als auch sein Bruder beobach­ten voller Sorge, dass Dennis sich mit den falschen Freunden umgibt, sich nie um einen Job bemüht und Darius' Appelle an sich abprallen lässt. Das Empfinden der grund­sätz­lichen Unge­rechtig­keit seiner Existenz als Farbiger lähmt ihn und ist gleich­zeitig sein Alibi im ständigen Streit mit dem Vater. Dem geht Dennis aus dem Weg, raucht lieber einen Joint, vertickert Drogen und zieht Abends mit seinen krimi­nellen Kumpanen durchs Viertel­­. Deren fort­schrei­tende Verrohung lässt Dennis nicht unbeein­flusst.

Im zweiten Teil prallen die Gegensätze aufeinander, und Vorur­teile, Übermut, Hemmungs­losigkeit und Bruta­lität eska­lieren. Jetzt will Dennis aus­steigen, doch seine Chance ist längst verflogen, und er muss mit seinem Leben bezahlen. Buzz und seine Konsorten manöv­rieren sich durch ihre eigenen Skrupel­losig­keiten und Dumm­dreistig­keiten in ausweg­loses Chaos und enden als Mörder. Umfang und Schwere der Verbrechen, die Schwarz und Weiß begehen, hält der Autor übrigens in der Waage.

Während die Krimihandlung um die Aufklärung der Verbrechen voran­schreitet, erschüttert am 4. April 1968 der Mord an Martin Luther King die USA und die Welt. Die Tat eines Rassisten in Memphis löst einen Flächen­brand ungezügelter Wut und des Hasses aus, der das ganze Land erfasst. Als der Mob in Washington D.C. tobt, plündert und brand­schatzt, ist Derek Strange als einer der wenigen farbigen Poli­zisten mitten­drin. Eigentlich will er den Mörder seines Bruders finden, nun soll er mäßigend auf seine eigenen Leute im Ausnahme­zustand einwirken. Den Randalie­rern sind die Argu­mente und Strate­gien der Bürger­rechtler, ob versöhnlich oder revolu­tionär, fern. Sie lassen ihren Aggres­sionen freien Lauf und nutzen die Gelegen­heit, sich zu nehmen, was ihnen vermeint­lich zusteht, die Weißen genom­men haben. Erst das Militär wird die kriegs­ähnlichen Zustände nieder­schlagen können.

George Pelecanos' Roman muss man erst zu lesen lernen. Es braucht eine gewisse Anlauf­zeit, bis man sich einge­funden hat. Das kommt daher, dass der Autor zu viel versucht. Im Vorder­grund will er einen spannen­den Krimi erzählen. Gleich­zeitig bereitet er die Rassen­konflikte aus Sicht der Schwarzen und der Weißen auf, indem er die Schick­sale von Indivi­duen und Familien in diese zeit­geschicht­liche Entwick­lung einbettet. Drittens liegt ihm offen­kundig sehr viel daran, das Zeit­kolorit der Sechziger­jahre durch Detail­reichtum zum Leben zu erwecken. Leider schießt er in seinem Streben nach enzyklo­pädi­scher Voll­ständig­keit weit übers Ziel hinaus. Die endlosen An­samm­lungen von Marken­namen, Auto­typen, Musik­titeln, Pop­musik­größen, Fernseh­shows, Foot- und Base­ball-Stars, modi­scher Garde­robe, Kinohits und Werbe­spots geraten zum Selbst­zweck­. Was anfangs durch Wieder­erkennungs­effekte amüsieren mag, ermüdet den Leser schnell und bremst das viel­verspre­chende Hand­lungsge­schehen aus.

Kaum weniger präzise, aber sinnvoller sind die messer­scharfen Beobach­tungen der im Schwarz-Weiß-Denken gefan­genen amerika­nischen Bürger. Jede seiner Figuren hat der Autor bis ins Feinste ausge­arbeitet, seinen Charakteri­sierun­gen fehlt kein Detail, so hat man den Eindruck.

In den USA ist George Pelecanos' Kriminal­roman auf starkem sozial­politischen Funda­ment bereits 2004 heraus­gekom­men. Dass Gott­fried Röcke­leins deutsche Über­setzung von »Hard Revolution« George Pelecanos: »Hard Revolution« bei Amazon bei Ars Vivendi erst jetzt erscheint, tut seiner Rele­vanz keinen Abbruch. Die Thematik des Rassis­mus ist ja keine spezi­fische der Sechziger­jahre. Offener Hass und unver­hüllte Ausgren­zung unlieb­samer Menschen­gruppen sind nicht nur im Amerika des neuen Präsi­denten Trump, sondern auch bei uns in Europa er­schre­ckend salon­fähig geworden.


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