Rezension zu »L’onore e il silenzio« von Gianni Mattencini

L’onore e il silenzio

von


1924: An der Baustelle einer Eisenbahnbrücke in Kalabrien wird ein Ingenieur ermordet – auf den ersten Blick ein Ehrenmord. Das Wesen der Einwohner, die wilde Landschaft und undurchsichtige Beziehungen erschweren die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, der Carabinieri und des Vorarbeiters der Baukolonne.
Historischer Kriminalroman · Rizzoli · · 274 S. · ISBN 9788817103114
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Kalabrien und Basilicata

Ein sprechender Leichnam

Rezension vom 08.02.2019 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Abgelegen, wild und unwegsam ist das kalabrische Inland. Jahrhun­derte lang waren Dörfer und Natur sich selbst überlassen. Erst die Eisenbahn schuf im letzten Drittel des 19. Jahr­hun­derts Zu- und Durchgänge von Neapel und Bari her nach Reggio Calabria und Sizilien, Nebenbahnen erschlossen dann auch Seitentäler. Einen solchen Ort, wo Rück­ständig­keit und Fortschritt aufein­ander­stoßen, hat Gianni Mattencini, Richter in Bari, als Schauplatz seines dritten Buches ausgewählt. Es ist ein unge­wöhn­lich kulti­vierter Kriminal­roman, den zu lesen ästheti­sches Vergnügen bereitet.

Borgodivalle, ein fiktives Dörfchen mit im Umland verstreuten Bauern- und Hirten­behausun­gen, vielleicht am Nordhang des Sila-Gebirges gelegen, hat bereits einen winzigen Bahnhof und einen Stations­vorsteher, doch bislang rauschen die wenigen Züge durch, ohne anzu­halten. Nun soll ein Abzweig geschaffen werden. Manche Einwohner hegen große Hoffnungen, welche Seg­nungen und Reich­tümer ihnen die Zukunft bringen werde. Als am Montag, dem 10. November 1924, der Bautrupp aus Bari anrückt – ein Dutzend Männer jeden Alters und unter­schied­lichen Wesens – und zum Abendessen im einzigen Gasthaus einkehrt, platzen die Stamm­gäste vor Neugier, doch nur der massige Wirt Giacomone wagt es, ein paar geschickte Fragen zu lan­cieren, um seine geschäft­lichen Prognosen auszu­loten.

Die Arbeiter sollen zunächst eine moderne Stahlbrücke über den Fluss Crati schlagen, der weiter unten ins Ionische Meer mündet. Ein paar Waggons auf einem Abstell­gleis dienen ihnen als Unter­kunft, Küche, Büro und Werk­statt. Ihr Kolonnen­führer ist der von allen respek­tierte und geschätzte Gennaro Loiacono, geradlinig, verant­wortungs­bewusst, fürsorglich und verständ­nisvoll. Die technische Aufsicht obliegt dem Ingenieur Alessandro Alessi von der Direktion Bari der Ferrovie dello Stato. Doch schon kurz nach seiner Ankunft in Borgo­divalle findet man die Leiche dieses Mannes an einem Hang nicht weit vom Flussbett. Der Mörder hat nicht nur seine Kehle durch­schnitten, sondern ihn auch blutig entmannt.

Was liegt angesichts dieses vielsagenden Tatbestandes näher, als einen »Ehrenmord« zu vermuten, den Racheakt einer geschän­deten Frau oder ihrer Angehörigen? Alles, was man über Alessi erfährt, unter­stützt so eine Annahme. Er war ein feiner Herr, gut aus­sehend, gebildet, charmant und ein notori­scher Verführer, offenbar ständig auf der Pirsch nach attrak­tiven Frauen. Seine Abenteuer waren auch seiner eleganten, ernsten Gemahlin Giorgina nicht verborgen geblieben, doch wissend, dass sie mit ihrer wenig ausge­prägten Frau­lich­keit (»Fianchi sterili, gambe magre, sedere piatto e arido. Tutto come in un sentimento avaro, un trasporto misurato, una richiesta d’amore negata«) seine Erwar­tungen schwerlich erfüllen konnte, ertrug sie seine Obsession mit dem ihr eigenen »portamento da padrona e da vera signora«.

Für die Aufklärung der schändlichen Tat ist die königliche Staats­anwalt­schaft im mehr als zwei­hundert Kilometer ent­fern­ten Bari zuständig. Man entsendet zwei Carabinieri, den brigadiere Maisano und den appuntato Varcone, ins unweg­same Hinter­land. Die beiden sind dort auf sich selbst gestellt. Wenn nötig, kann man kurze Nachrichten per »fonogramma« senden, ansons­ten wird Maisano zum Rapport nach Bari einbe­stellt, aber Hilfe erhalten sie keine. Dass beide ohne Vornamen mitein­ander umgehen, entspricht dem schnei­digen Ton des sich etablie­renden Faschismus, ver­sinn­bild­licht aber auch, wie fremd sie in der Einöde bleiben. Maisano, dem ein Tic des linken Auges die Aufnahme persön­licher Kontakte ohne­hin erschwert, muss bei jedem Verhör ausloten, wie er seine Rolle anlegen sollte, um sich Respekt und Vertrauen zu verschaf­fen und dem jeweiligen, meist verstock­ten Gegen­über die schlich­testen Informa­tionen zu entlocken. Durch seine Augen und Reflexionen erleben wir einen Großteil der Handlung.

Eine ebenso wichtige Perspektive ist die des Vorarbeiters Gennaro Loiacono, der stets ein offenes Ohr für seine Männer hat und die Stärken und Schwächen eines jeden kennt. Obwohl er für jeden seine Hand ins Feuer legen würde, bemüht er sich wie ein Vater oder großer Bruder, ihnen Ärger zu ersparen und sie auch von den polizei­lichen Ermitt­lungen fernzu­halten. Dennoch kann er, indem er seine Pflicht tut, nicht verhindern, selbst in den Sog des Falles zu geraten.

Selbst im entlegenen Borgodivalle hatte Alessi eine Geliebte, die erdige Hirtin Concia, die in der Nähe des Fundortes seines Leichnams in einer schlichten Hütte haust. Sie unterhält allerdings auch eine Beziehung zu Corrano Giasino, einem »latitante«, der wegen diverser Verbrechen gesucht wird und in den Bergen unterge­taucht ist. Um seinen und vielen anderen Spuren nachzugehen, müssen die beiden Carabinieri viele Unan­nehmlich­keiten hinnehmen, nicht nur der Ver­schwiegen­heit und Skepsis der Ein­heimi­schen begegnen, sondern auch nächt­liche Kälte, Schlamm, mühsame Wande­rungen durch dichte Wälder und andere Unbilden der Natur ertragen. Sie decken eine Fülle problema­tischer Bezie­hungen und Lebens­läufe auf – und genug Motive, den eitlen Ingenieur aus der Stadt zu besei­tigen. Trauen dürfen sie aller­dings nichts und nieman­dem so recht. Zu oft ist das, was sie hören, von Jahr­zehnte altem Hass vergiftet, von eigen­nützi­ger Taktik verfälscht, nur auf Hören­sagen gegründet.

Was diesen Kriminalroman, der sich in aller Ruhe entwickeln darf, zu einem wahren Lesegenuss macht, ist jedoch der elegante, präzise Erzähl­stil, kultiviert und anspruchs­voll, wie man ihn nicht oft antrifft. Die sprach­liche Gestal­tung, reich an Bildern und Sinnes­eindrü­cken, nimmt uns gleich auf den ersten Seiten gefangen und über­rascht uns bis zum Schluss mit immer neuen Glanz­lich­tern. Die Handlung beginnt mit einem beschwer­lichen Marsch. Giorgina, die Witwe des Mord­opfers, und Adriano Alessi, dessen rüstiger Vater, sind mit dem Zug aus Bari angereist, um den Toten zu identifi­zieren, und müssen sich, von Gennaro Loiacono geführt, zu Fuß über mehrere Kilo­meter bis zum Fundort der Leiche am Fluss bei Borgo­divalle quälen. Wie ihnen der Pfad, ihre Kleidung, die Erschöp­fung, ihre Trauer, ihre Erinne­rungen zusetzen, das schildert Mattencini meisterlich.

Auch jeder im weiteren Verlauf auftretenden Figur verleiht der Autor ein sorg­fälti­ges Profil, so dass die Erzählung viel­stimmig wird, die Charaktere lebens­echt und indivi­duell agieren und ihr Zu­sammen­spiel glaubhaft wird, von den feinen Herr­schaften aus der Stadt über die tüchtigen Arbeiter bis zu den teilweise verschla­genen, miss­traui­schen oder zwie­lichti­gen Ortsan­sässi­gen. Nicht alle sind gut, aber keinem – auch nicht den Tatver­dächti­gen – versagt Mattencini Respekt und Menschen­würde. Wunder­bar gestaltet er das Empfinden der Zeit, die Atmosphäre des Dorfes, der Kneipe, der primitiven Bauern­höfe und der rauen Landschaft, und seine Beschrei­bungen nehmen in manchen Passagen poetische Qualitäten an. Die Wasser des Creti etwa oder das Ionische Meer, das in der Ferne leuchtet, tragen symbo­lische Züge.

Die Aufklärung des Mordfalls wird natürlich durch Indizien wie Spurenfunde und Aussagen, die Verdachts­momente und Motive offenlegen, ermöglicht, ist letzt­end­lich aber Verdienst des brigadiere Maisano und des caposquadra Loiacono. Deren mühselige Gedanken­arbeit voller logischer Klippen und moralischer Abwägungen zeichnet Mattencini mit fein differen­zierter Innen­hand­lung nach.

Sowohl der umfangreiche Wortschatz als auch der bisweilen komplexe Satzbau erfordern fort­geschrit­tene Italie­nisch­kennt­nisse. Zur Einschät­zung und ins­beson­dere als Appetit­anreger möge das folgende Zitat dienen:

»In quel mare ignoto sfociava il fiume al quale essi andavano come a un pellegri­naggio. Lì, in quel mare, il Crati portava ogni minuto i segreti raccolti lungo il suo corso, affidan­dogli ciò che la natura e gli uomini gli con­segna­vano, che le sue acque rubavano lungo le sponde. Un furto commesso dal fiume per conto del mare, refurtiva destinata a un ricettatore capace e discreto. Un complice, quasi, che attendeva tranquillo quel che gli sarebbe stato portato.«

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