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Rezension zu J. S. Bach Ensemble Resonanz: »Weihnachtsoratorium BWV 248 (Auszüge)«

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Weihnachtsoratorium BWV 248 (Auszüge)

Weihnachtliches · Resonanzraum Records · ·
Sprache: de · Herkunft: de

Bewertung: 5 Sterne
Unter Freunden

Rezension vom 01.12.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Wenn die hoch gestimmten Barocktrompeten losjubilieren, die Pauken den Boden erzittern lassen und der große Chor stimm­gewaltig zum Jauchzen und Froh­locken auffor­dert, bekommt jeder, der ein musika­lisches Äder­chen besitzt, glänzende Augen und eine Gänse­haut. Ob vor der (guten) Stereo­anlage, in der Stadt­kirche (schon besser) oder mit den Thomanern in der Leipziger Thomas­kirche (höchstes Glück): Eine hehre Feier­lichkeit erfasst jeden, der sich auf Johann Sebastian Bachs Weih­nachts­orato­rium einlässt.

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Jetzt hat das Hamburger Ensemble Resonanz seine Einspie­lung von BWV 248 auf CD in den Handel gebracht. Braucht die Welt diese x. Inter­preta­tion des Allzeit-Hits? Ja! Ja! Ja! Denn es ist »echter« und doch unge­wöhn­licher Bach.

Keine acht Takte vergehen, da hat die Trompete ihre erste Zwei­und­dreißigs­tel-Fanfare geschmet­tert – und ungläu­biges Staunen, verblüff­tes Schmun­zeln überfällt den Hörer. Da hat doch einer den Bass gezupft, statt auf die Pauke zu hauen? Das waren doch keine drei Trompe­ten, sondern höchs­tens eine! Und hat da nicht ein Synthe­sizer geschnarrt? Was stimmt da bloß nicht?

Hier legt eine kleine Besetzung munter los, um ein völlig neues Hörerleb­nis zu erschaffen. Jedes einzelne Instru­ment kommt zur Geltung (zumal oft – siehe Trompete – auch nur eins da ist), als Chor fungieren die Solisten und die Musiker selber. Ein Stapel elektroni­scher Tasten­instru­mente (»Vintage Keyboard«) imitiert nicht vorhan­dene Bläser oder bereichert blub­bernd, pfeifend und säu­selnd die Klang­palette.

Ein Experiment tolldreister Ketzer? Mitnichten. Das junge Ensemble Resonanz, neuer­dings Kammer­orchester in residence der Elb­philhar­monie, hat sich durch alte und zeit­genössi­sche Musik weltweites Renommee erworben und legt Wert darauf, seine unkon­ventio­nelle Spiel­freude auszu­leben. So entstand auch die kühne Idee, das von allen Mitgliedern »innig geliebte« Weih­nachts­orato­rium als eine Art Hausmusik zu bearbeiten. Die Parts, die man aus eigenen Mitteln nicht besetzen kann, bestrei­ten Freunde. Um das Projekt überhaupt schultern zu können, hat man sich auf ein ganz persön­liches Best-of aus den sechs Kantaten beschränkt – dreißig Chöre, Arien, Rezitative und Choräle mit einer Spielzeit von fast 70 Minuten. 2014 wurde das Ergebnis erstmals aufge­führt, 2015 und 2016 mit großem Erfolg wieder­holt, jetzt auf CD gebrannt.

Mit »klassischen« Aufnahmen des »WO« sollte man diese CD nicht ins gleiche Lauf­werk stecken. Gegen deren pracht­volle Tutti, wuchtige Chöre und makel­lose Solisten-Virtuo­sität kann sie natur­gemäß nicht punkten. Sie bezaubert auf eigene Weise durch Einfühl­sam­keit, Einfalls­reich­tum, Origina­lität und greif­bare Begeiste­rung. Neben den vier Solo­stimmen (Sopran, Mezzo­sopran, Tenor, Bass), die die Rezita­tive und Arien unaffek­tiert, mit natürli­chem Gestus stemmen, umfasst die Beset­zung das Keyboard (als Faktotum), eine E-Gitarre, eine Trompete, vier Violinen, drei Violen, ein Violoncello und einen Bass. Wenn alle mitwirken, entsteht eine erstaun­liche Klang­fülle, doch meistens zielt das Klangbild auf kammer­musika­lische Über­schaubar­keit. Durch die milde Verfrem­dung gewinnt der aller Welt vertraute Sound­track an Transpa­renz, Leichtig­keit und Klarheit.

Ab und zu legen die Musiker eins drauf. Inspi­riert von Passagen, die dem modernen Ohr einen jazzigen Duktus suggerie­ren, lassen sie sich fort­tragen. Während sie die Sinfonia als pasto­rale Idylle zart dahin­hauchen und -zupfen, wischt der Key­boarder bei »Großer Herr, o starker König« kess über die Tasten. Beim Rezitativ »Warum wollt ihr erschrecken?« tut die E-Gitarre genau das, und »der Höllen Schrecken« kommt als Synthe­sizer­wabern über uns. Am frechsten schlagen die Musiker bei der Arie »Ich will nur dir zu Ehren leben« über die Stränge, deren rhythmi­sche Eigen­tümlich­keiten sie swingend auf den Punkt bringen.

Insgesamt überzeugt diese sympathische CD als respektvolle, lebendige, filigrane Interpre­tation eines zeit­losen Meister­werkes, die es frisch, modern, innig, mensch­lich erklingen lässt, ohne ihm modische Trivia über­zustül­pen.

Wäre JSB einverstanden? Vielleicht wäre er gar nicht so überrascht. Denn wie viele Musiker und Chor­sänger mag er seiner­zeit zur Verfügung gehabt haben? Seine Vorstel­lungen einer »wohl­bestall­ten Kirchen Music« wurden ihm bekannt­lich nicht erfüllt. Womög­lich kommt das intime Ensemble Resonanz der originalen Auf­führungs­praxis in Leipzig also näher, als man denkt. Bleibt das Sakrileg, die weih­nacht­liche Botschaft um die Hälfte reduziert zu haben. Doch hat nicht selbst Bach-Experte Albert Schweitzer dafür plädiert, »reich­lich zu streichen«, weil andern­falls »der ermü­dete Hörer die Schön­heiten des zweiten Teils nicht mehr zu fassen vermag«? Also »Lasset das Zagen, verbannet die Klage, / Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!«.


01 Jauchzet, frohlocket
02 Es begab sich aber zu der Zeit
03 Nun wird mein liebster Bräutigam
04 Bereite dich, Zion
05 Wie soll ich Dich empfangen
06 Und sie gebar ihren ersten Sohn
07 Er ist auf Erden kommen arm
08 Großer Herr, o starker König
09 Sinfonia
10 Und es waren Hirten
11 Brich an, o schönes Morgenlicht
12 Schlafe, mein Liebster
13 Und da die Engel
14 Lasset uns nun gehen
15 Er hat sein Volk getröstet
16 Dies hat er uns getan
17 Und sie kamen eilend
18 Schließe, mein Herze
19 Ja, ja, mein Herz solle es bewahren
20 Ich will dich mit Fleiß bewahren
21 Flößt, mein Heiland
22 Wohlan, dein Name soll allein
23 Ich will nur dir zu Ehren leben
24 Da das der König Herodes hörte
25 Warum wollt ihr erschrecken?
26 Ach, wenn wird die Zeit erscheinen
27 Mein Liebster herrschet schon
28 Ich steh an Deiner Krippen hier
29 Was will der Höllen Schrecken nun
30 Nun seid ihr wohl gerochen

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