Rezension zu »Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt« von Jaroslav Kalfar

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

von


Die »JanHus1« ist Tschechiens erstes Raumschiff, und Jakub Procházka ihr Pilot. Begeistert verfolgt das ganze Land den Start in den Orbit, aber schnell wird die Mission eintönig. Turbulent wird es in der Kapsel, als Jakubs Frau Lenka per Video-Chat Schluss mit ihm macht. Das Nachspiel auf Erden bringt Erhellendes über den Helden, die Nation und ihre Menschen.
Belletristik · Tropen · · 367 S. · ISBN 9783608503777
Sprache: de · Herkunft: us

Jakub zwischen Himmel und Erde

Rezension vom 19.01.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Tschechien eine Raumfahrtnation wie die USA, Russland und China? Jaroslav Kalfar, in Prag geboren und mit fünfzehn Jahren in die USA emigriert, spielt den Kontrast zwischen diesem Höhen­flug und den geläufigen Vorur­teilen gegenüber seinem Vater­land genüsslich aus. In Böhmen, so denken viele, hausen Hinter­wäldler mit »ausge­präg­tem Hang zu Bier und Porno­graphie«. Ihr Land ist nicht mit Boden­schätzen gesegnet, kann niemanden durch ein »Mega­militär« ein­schüch­tern und kein »Fischmo­nopol« unter­halten wie die Skandi­navier. Aber schon während ihrer kom­munisti­schen Vergan­genheit waren die Tschechen aufmüpfig gegen den sowje­tischen Hegemon. Jetzt werden sie erneut beweisen, dass sie »Mumm« haben und ein »Volk der Könige und Entdecker« sind. Die Welt wird beein­druckt den Atem anhalten, wenn die Tschechi­sche Republik einen Astronau­ten ins All schießt.

Der Kraftakt kann gelingen, weil man ein unfertiges, nicht mehr benötigtes Teil aus der Schweiz über­nehmen kann, eine ellen­lange Liste patrioti­scher Sponsoren bereit­steht (darunter so bedeu­tende Firmen wie der Dental­bedarfan­bieter »SuperZub« und der führende Elektronik­herstel­ler »Cotol«) und weil man mit Jakub Procházka, Astrophy­siker an der Karls-Univer­sität, einen Fachmann mit der prestige­trächtigen Mission betrauen kann. Acht Monate wird er Zeit haben, die geheimnis­volle violette Staub­wolke zu erfor­schen, die sich knapp ein Jahr zuvor zwischen Erde und Venus geschoben hat.

Im April 2018 hebt die »JanHus1« unter enthusiastischer Anteil­nahme aller Böhmen von einem Kartoffel­acker bei Prag ab, um Geschichte zu schreiben. Für den stolzen Pionier an Bord folgt ein elend langer, einsamer Aufent­halt in der Flug­kabine. Er wird die stillen Stunden nutzen, um die Rede, die er halten würde, nachdem man ihm, wie zu erwarten, den Nobel­preis verliehen hätte, in den luft­leeren Raum zu flüstern.

Leider bedrücken Jakub, der uns seine Geschichte selbst erzählt, auch in der Schwere­losig­keit bleierne Gedanken. Sie kreisen um Lenka, seine geliebte Gemahlin, die er wohl oder übel zurück­lassen musste. Unglück­licher­weise verlief das letzte gemein­same Früh­stücks­zeremo­niell nicht so deftig, wie Lenka es bevor­zugt. Verwei­gerte sich Jakub endlich einmal einem Ritual, das nie seinem Gusto entspro­chen hatte, oder war ihm speiübel – oder gar »himmel­angst«?

Ausgerechnet jetzt, wo Jakub in seiner Kabine gefangen und gänzlich abhängig von seinen Mitmen­schen auf Erden ist, verwei­gert sich Lenka. Sie erscheint einfach nicht mehr zum wöchent­lichen Videochat. Um Jakubs Psyche nicht ins Trudeln geraten zu lassen, überneh­men Profis die Suche nach der Abge­tauch­ten und halten den Sternen­reisen­den ständig auf dem Laufenden über den neuen Lebens­wandel der Zielperson. Beruhigen können ihn die Botschaften freilich nicht.

Nach dreizehn Wochen ist alle Faszination des kühnen Spektakels dahin. Jakub absolviert den vom Raum­fahrt­team entwickelten Tagesplan, dann übernehmen Lange­weile und innere Leere. Als die Über­wachungs­kameras eine nach der anderen ausfallen und es hier und da in seinem Gehäuse zu knarzen beginnt, über­kom­men Jakub erste Zweifel am Erfolg der Mission. Wird er jemals sicher zurück­kehren oder eher ins Boden­lose stürzen wie die Aktien des Kamera-Spenders »Cotol«? Immer­hin kann er jetzt unbeob­achtet alle Fesseln abschüt­teln, Trainings­einhei­ten weglassenund seinen Gelüsten nach Süßem und Alkohol frönen.

Das Geknarze verursacht ein unterwegs zuge­stiege­ner (fragen Sie nicht, wie) blinder Passagier. Seine Beschrei­bung spottet jeder Beschrei­bung, denn sie vereint sämt­liche Klischees eines Aliens aus den Holly­wood-Studios der letzten fünfzig Jahre. Aber er kann viel mehr als grausig ausschauen. Er hat ange­nehme Umgangs­formen, ist unge­mein gebildet und inso­fern eine Bereiche­rung jeder inter­stellar fliegen­den Isolier­zelle. Seine Fähig­keit, tief in das Wesen seines Gegen­übers einzu­dringen, lässt Jakub anfangs an seinem Verstand zweifeln. »Es studiert mich bis tief hinein in meinen geneti­schen Code. Die Spitzen seiner Beine klimpern auf Erin­nerungs­fäden.«

Indem sie Jakubs Nutella-Vorräte dezimieren, philoso­phieren die beiden über Gott und die Welt, Leben und Tod, Liebe und Fort­pflan­zung sowie über den Verfall der Stadt Prag zu einem Konsum­tempel. Während das Wesen aus einem anderen Univer­sum angereist ist, um den Menschen, speziell sein einzig­artiges Gehirn vor Ort (und das ist wörtlich zu verstehen) zu erfor­schen, gewinnt auch Jakub verschärfte Einblicke über Miss­stände in seinem eigenen Leben und sogar zur wechsel­vollen Historie seines Landes. So amüsierte sich Namens­patron Jan Hus am 6. Juli 1415 mit einer lustigen Konstanzer Witwe, während auf dem Ketzer-Scheiter­haufen an seiner Stelle ein schwind­süch­tiger, tod­geweih­ter Ersatz­mann brannte.

Fantasievolle Skurrilitäten wie diese und wunderbar groteske Details sorgen in diesem Science-Fiction-Roman sui generis für gute Unter­haltung. Ebenso wichtig wie der amüsant ange­dich­tete Größen­wahn der kleinen Republik sind dem Autor aller­dings seine ernsten Themen­kreise, wie die düstere, mit allerlei Schuld beladene Vergangen­heit, die bis heute nicht voll­ständig aufgear­beitet wurde. Dafür steht Jakubs zwie­späl­tige Haltung zu seinem Vater. Der war einerseits ein liebens­werter, für­sorgli­cher Familien­mensch, anderer­seits Kollabo­rateur der Sowjets und Mitglied der Geheim­polizei, der im Dienste des diktato­rischen Regimes die eigenen Lands­leute grausam folterte. Nach dem myste­riösen Unfalltod der Eltern vermisst Jakub ihre Herzens­wärme und ihren Schutz; gleich­zeitig schämt er sich für die Taten seines Vaters, dessen große Schuld wie ein Schand­fleck an ihm haftet. Seine riskante Mission ins All betrachtet Jakub als Teil der Wieder­gutma­chung.

Insgesamt nimmt die Menschlichkeits- und Schuldproblematik mehr Raum ein als die den Titel gebende Geschichte über die böhmi­sche Raumfahrt. Letztere ist eine Art Odyssee im Weltraum, erstere ist sehr erdnah in Böhmen verortet und bedarf der Himmel­fahrt allen­falls als Initial­zündung, Inspi­ration und Kataly­sator. Insofern wirkt Jaroslav Kalfars Debütroman »The Spaceman of Bohemia« Jaroslav Kalfar: »The Spaceman of Bohemia« bei Amazon (Barbara Heller hat ihn aus dem Amerikanischen übersetzt) ein wenig unent­schieden zwischen Fantastik, Historie, Klamauk, Nach­denk­lich­keit, Ironie, Groteske und Philo­sophie.


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