Rezension zu »Abendrot« von Kent Haruf

Abendrot

von


Zwei alte Junggesellen nehmen eine ledige junge Mutter auf. Eine Familie droht an der Hilflosigkeit der Eltern zu zerbrechen. Ein Elfjähriger versorgt seinen Großvater, ohne sich als Kind zu verlieren. So einfach die Sprache, so einfach das Leben im Präriestädtchen Holt, so stark rührt den Leser an, was und wie Kent Haruf erzählt.
Belletristik · Diogenes · · 416 S. · ISBN 9783257070453
Sprache: de · Herkunft: us

Das Leben ist nun mal so

Rezension vom 17.03.2019 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Der amerikanische Autor Kent Haruf blieb dem Mittleren Westen der USA zeitlebens verbunden. Er übte die unter­schied­lichs­ten Tätig­keiten zwischen Handwerk, Pflege und Lehren in Nebraska, Iowa, Wyoming, Arizona, Wisconsin und Illinois aus und kehrte schließlich nach Colorado zurück, wo er 1943 geboren worden war und 2014 starb. Sein außer­gewöhn­liches schrift­stelleri­sches Talent brachte ihm eine Reihe Aner­kennun­gen ein, wie etwa den Whiting Award for Fiction, den Mountains & Plains Booksellers Award und den Wallace Stegner Award.

Bemerkenswert ist, dass all seine sechs Romane, die er zwischen 1984 und seinen letzten Tagen verfasste (siehe Liste am Ende des Artikels), in der fiktiven Kleinstadt Holt im Osten von Colorado spielen, also inmitten der endlosen, flachen, öden Prärie der Vieh­züchter. Haruf erzählt den Alltag, die Sorgen und Probleme, aber auch die Träume und Sehn­süchte der kleinen Leute auf ver­ständnis­volle, fein­fühlige Weise, ohne Staub aufzu­wirbeln. Seine Erzähl­stimmen sind schlicht und unverstellt, langsam und gerade heraus, eher kurz angebun­den als offen­herzig, wie man sich die Menschen dieser Gegend in the middle of nowhere eben so vorstellt. Sie schaffen zarte Gewebe, die unter die Haut gehen und im Gedächt­nis bleiben.

Die Protagonisten von »Abendrot« sind dem Kent-Haruf-Leser bereits aus dem fünf Jahre zuvor veröffent­lichten »Lied der Weite« bekannt. Im Mittel­punkt stand da Victoria Roubi­deaux, damals erst siebzehn, aber schon schwanger. Von ihrer Mutter des­wegen vor die Tür gesetzt, brachte ihre Lehrerin sie bei den Brüdern Raymond und Harold McPheron unter. Die beiden alten Jung­gesel­len kannten ihr Lebtag nichts anderes als ihre Rinder und die immer gleichen Tätig­keiten im Wechsel der Jahres­zeiten. Dass es auch ein Leben jenseits ihrer giganti­schen Ranch gibt, interes­sierte sie nie. Wie mögen ein junges Mädchen und zwei Vieh­züchter, die keine Worte brauchen, da ein jeder für den anderen fühlt, denkt, handelt und einsteht, als wären sie siame­sische Zwillinge, mitein­ander aus­kommen?

Inzwischen sind zwei Jahre vergangen. Victoria und ihr Kind, die kleine Katie, haben das Leben der McPherons nicht nur bereichert, sondern ihnen Glück und einen Mittel­punkt geschenkt. Victoria nimmt ihnen die Tätig­keiten im Haus und in der Küche ab, und die Männer freuen sich bei ihren Arbeiten im Stall und auf den Weiden darauf, zu Mutter und Tochter zurück­zukeh­ren. Sie hätscheln die Kleine und füttern sie mit warmer Haferbrei-Pampe. Wichtig ist ihnen aber auch, dass Victoria ihre Zukunft nicht aus den Augen verliert und ihre Schul­ausbil­dung wieder aufnimmt. So bereiten sich alle schweren Herzens auf den Abschied vor, fest entschlossen, sich niemals aus den Augen zu verlieren.

Ganz andere Schwierigkeiten quälen die Familie Wallace, die in einem herunter­gekom­menen, vermüll­ten Wohn­mobil lebt und auf Sozial­hilfe ange­wiesen ist. Betty, die ständig unter Bauch­schmer­zen leidet, ist erbost über einen Gerichts­entscheid, der ihr verbietet, ihre Erst­gebo­rene zu kontak­tieren. Deren leiblicher Vater ist abge­hauen, das Mädchen in einer Pflege­familie unterge­bracht. Streit hat sie auch mit Ehemann Luther über ihre gemein­samen jünge­ren Kinder. Die stehen nicht immer pünktlich an der Schulbus­halte­stelle, was eine heftige Aus­einander­setzung mit der Bus­fahrerin zur Folge hat. Wenn der verängs­tigte Richie, 6, in der Schule verprügelt wird, rät ihm die Mutter, sich zu wehren, während Luther es mit Jesus hält: »Wenn sie dir eins auf die Backe geben, halt ihnen die andere hin. Steht in der Bibel.«

Die Familie droht ganz zu zerbrechen, als Bettys Bruder Hoyt aus dem Gefängnis entlassen wird und sich bei ihnen einnistet. Die Eltern sind macht­los gegen den gewalt­tätigen Mann, der im Alkohol­rausch die Kinder verprügelt. Sie müssen befürchten, dass ihnen das Gericht auch Richie und Joy Ray, 11, entzieht und in die Obhut von Pflege­eltern gibt.

In der dritten Familie, von der erzählt wird, lebt der elfjährige DJ bei seinem Großvater Walter Kephart, 75. DJs Mutter kam bei einem Auto­unfall ums Leben, den Vater ihres Sohnes hatte sie nie heiraten wollen. Jetzt führt der Junge den Haushalt und kümmert sich liebevoll um Walter. Wenn der Renten­scheck von der Eisen­bahn­gesell­schaft einge­troffen ist, begleitet er ihn in die Eck­kneipe und erledigt seine Schular­beiten am Tresen. In der gleichalt­rigen Nachbars­tochter Dena Wells findet er eine Freundin, mit der er sich ein kleines Paradies in einer vergam­melten Scheune einrichtet. Dort richten sich die beiden gemütlich ein, um zu lesen, zu spielen und zu kuscheln.

In ruhigem Gleichmaß erzählt Kent Haruf seinen Erzählfluss, kommt dabei, wie es scheint, vom Hölzchen aufs Stöck­chen. Weitere Figuren kommen dazu, deren Leben der Autor für einen kurzen Zeitab­schnitt intensiv ausleuchtet. Irgendwie, irgend­wann kreuzen sich Wege und verlieren sich wieder. Ungefähr ein Jahr lang beob­achten wir das Leben des Städtchens und schauen manch­mal zu wie durch das Auge einer Kamera­drohne, die der Erzähler über den vertrauten Mikro­kosmos gleiten lässt, mal einen Tag lang zur Vieh­auktion schwenkend, mal zu Dena Wells’ Mutter, die, als ihr Mann sie alleine lässt, in einen psychi­schen Abgrund stürzt. Ein sorgen­freies Dasein ist hier keinem vergönnt, auch nicht den beschei­denen und zufrie­denen Brüdern McPheron. Doch hilft die Verwurze­lung in der Gemein­schaft von Freunden und Familie, selbst wenn es eine »zugewach­sene« ist wie Victoria und Kate. Das gibt Mut und Zuver­sicht, nach einem Schicksals­schlag wieder vorsichtig den Kopf aus dem Schnecken­haus zu strecken, nach Gleichge­sinnten Ausschau zu halten, Leid und Einsam­keit zu über­winden, auf Sonne zu hoffen.

Wie sein Titel anklingen lässt, ist »Abendrot« ein melancho­lischer Roman. Die vielen traurigen Episoden und herben Lebensab­schnitte können von den heiteren, fried­lichen, geruh­samen Gegen­stücken kaum aufge­wogen werden. Soweit sie vom Schicksal der anderen erfahren, soweit sie die Kraft dazu haben, helfen die Menschen einander, halten zusammen. Alle gemeinsam machen das Leben aus, wie es uns der wunder­bare Erzähler Kent Haruf aus der Prärie schildert. Unauf­geregt schafft er eine Atmo­sphäre, die ohne Action auskommt, in die man sich versenken kann und von der man sich am Ende ungern verabschiedet.

Kent Harufs Werke:

• »The Tie That Binds« Kent Haruf: »The Tie That Binds« bei Amazon1984
• »Where You Once Belonged« Kent Haruf: »Where You Once Belonged« bei Amazon1990
• »Plainsong« Kent Haruf: »Plainsong« bei Amazon1999, dt. »Lied der Weite« Kent Haruf: »Lied der Weite« bei Amazon2018 (Übersetzung: Rudolf Hermstein)
• »Eventide« Kent Haruf: »Eventide« bei Amazon2004, dt. »Abendrot« Kent Haruf: »Abendrot« bei Amazon2019 (Übersetzung: pociao)
• »Benediction« Kent Haruf: »Benediction« bei Amazon2013 (postum)
• »Our Souls at Night« Kent Haruf: »Our Souls at Night« bei Amazon2015 (postum), dt. »Unsere Seelen bei Nacht« Kent Haruf: »Unsere Seelen bei Nacht« bei Amazon2017 (Übersetzung: pociao), 2017 verfilmt mit Jane Fonda und Robert Redford


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