Rezension zu »Nighthawks: Stories nach Gemälden von Edward Hopper« von Lawrence Block [Hrsg.]

Nighthawks: Stories nach Gemälden von Edward Hopper

von


Siebzehn erstrangige amerikanische Schriftsteller haben ihr Lieblingsgemälde von Edward Hopper genau betrachtet und eine Geschichte daraus gemacht. Bild, Text und eigene Impressionen schaffen ein ungewöhnliches, vielgestaltiges Kunsterlebnis.
Erzählungen · Droemer · · 320 S. · ISBN 9783426281642
Sprache: de · Herkunft: us

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Rezension vom 06.03.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Kaum ein moderner Maler ist populärer als Edward Hopper (1882-1967). Wo seine Werke ausge­stellt werden, purzeln Besucher­rekorde. Seine realitäts­nahen Bilder kennt und erkennt jeder. Sein Stil ist unver­kenn­bar: Kühle Farb­flächen (deren Verläufe er freilich akribisch kalkuliert hat), klar durch­schau­bare Szenen (wenige Figuren, alltägliche Innen­räume, unspek­taku­läre Gebäude und Land­schaften), statisch wirkende Arrange­ments, Struktur durch kräftige Farb- und Hellig­keits­kontraste. Die Abwesen­heit von Handlung und Bewegung täuscht Ruhe und Frieden vor, doch unter der stillen Ober­fläche, so ahnt man, herrschen Melan­cholie, Einsam­keit, Verlassen­heit und Isola­tion. Oder wirken da gar unkontrollier­bare Spannungen, drohen Gefahren, lauern Monster aus der Ver­gangen­heit, toben Gewitter? Die zwie­späl­tige Atmosphäre entwickelt eine unwider­stehliche Anziehungs­kraft, der Betrachter verweilt staunend, wird auf magische Weise in die Szene hineinge­sogen. Was geht in den Figuren vor, deren Blick gedanken­verloren in die Ferne, ins Leere geht, die aneinander vorbei­schauen, einander kaum wahr­nehmen, sich ab­wenden? Jeder, der sich in ein Hopper-Gemälde versenkt, wird zwangs­läufig zum Erzähler seiner Geschichte, und jeder erzählt in seinem Kopf eine andere.

Der amerikanische Autor Lawrence Block hatte deswegen leichtes Spiel, als er siebzehn Schrift­steller­kollegen ersten Ranges bat, zu ihrem Lieblings­bild von Hopper eine Geschichte zu schreiben. So entstand der von ihm heraus­gege­bene Band »In Sunlight or In Shadow – Stories Inspired by the Paintings of Edward Hopper« Lawrence Block [Hrsg.]: »In Sunlight or In Shadow – Stories Inspired by the Paintings of Edward Hopper« bei Amazon, den der Droemer-Verlag in der Überset­zung von Frauke Czwikla 2017 zum fünfzigs­ten Todestag des »Jahr­hundert­künstlers« als Blickfang in die Buch­hand­lungen lieferte. Vor jeder Story gibt es eine kleine Einführung zum Autor, zu seinen wichtigsten Ver­öffent­lichungen, Preisen und zu privaten Details. Auf der nächsten Seite folgt ein Farbdruck des Hopper-Bildes, auf das sich die Geschichte des Autors bezieht.

Natürlich liegt der Reiz dieses ungewöhnlichen Literatur- und Kunst­abenteuers darin, beim Lesen hin und wieder abzu­gleichen, wie Text und Bild miteinander korrelieren. Zeigt das Bild die Schlüssel­szene des Plots, oder nimmt die Handlung ihren Ausgang davon? Hat der Autor die Prota­gonis­ten, den Schauplatz, einen Gesichts­aus­druck oder nur einen Gegen­stand übernom­men? Ist es die eigen­tüm­liche Atmosphäre, die ihn angeregt hat? Obwohl Hopper-Fans die meisten Werke gut kennen werden, erschließt mancher Text bislang verborgen gebliebene Aspekte eines Gemäldes oder stellt es in einen vollständig anderen Kontext, als man ihn zuvor für selbst­verständ­lich genom­men hatte. Anders als bei der Betrachtung im Museum treten künstle­rische Kriterien (Kompo­sition, Farb­gestal­tung, Maltechnik und dergleichen) in den Hinter­grund, während einige Autoren Bezüge zu Hoppers Biografie und Per­sönlich­keit herstellen.

Verwundert es, dass die meisten Geschichten von Enttäuschungen im Leben erzählen, von unerfüll­ten, unglück­lichen Beziehungen, in denen sich Abhängig­keit, Abnei­gung, Ekel, Hass bis ins Unerträg­liche steigern? Kann es überraschen, dass oft Frauen im Mittel­punkt stehen, sei es als Rächerin für ihnen oder ihren Geschlechts­genossin­nen angetanes Leid, sei es als Suchende nach familiä­rem Glück, sei es als sexuelle Begierde? Hat man derlei Sujets und Plots nicht schon oft in Hoppers kühlen Szenen, unge­wöhn­lichen Farb­gestal­tungen und augen­fälliger Symbolik gewittert?

Obwohl Hoppers Gemälde über der Vergänglichkeit zu schweben scheinen, sind sie natürlich Aus­prägun­gen ihrer Ent­stehungs­zeit. Einige Autoren verwurzeln ihre Geschichten denn auch in einer konkreten histori­schen Phase. Ein grässlicher Fall von Rassen­diskriminie­rung zu Zeiten der Wirtschafts­krise steht im Mittel­punkt der ergrei­fenden Short Story »Stillleben 1931« von Kris Nelscott. Eine Weiße beschuldigt einen jungen Schwarzen, sie verge­waltigt zu haben. Umgehend wird er an einem Baum aufge­knüpft. Doch der Vorwurf war haltlos. Die Schwere ihrer Schuld drückt die Frau zu Boden und lässt ihre Schwester jahrelang Abbitte leisten. In »Der Vorfall vom 10. November« (Jeffery Deaver) dient eine Kunst-Postkarte mit einem Hopper-Gemälde als Geheimcode mitten im Kalten Krieg.

Dass Edward Hopper übrigens keine so einfache, ruhige, ausge­glichene Persön­lich­keit war, wie es seine Bilder suggerieren mögen, ist nicht sehr bekannt. Die Kunst­histori­kerin Gail Levin, Verfasserin dreier Biografien über den Maler, hat auch Tage­buch­eintra­gungen seiner Ehefrau Josephine Verstille Nivison ausgewertet, die ihr eigenes Malen für ihn aufgab und ihm häufig Modell stand. Dass ihre Beziehung zu dem gefeierten Künstler offen­kundig schwierig, von Eifer­sucht, Aggres­sion und sexueller Gewalt belastet war, inspir­ierte die Autorin Megan Abbott zu ihrer Erzählung »Burlesque«.

Auf die biografische Ebene zielt auch Gail Levins eigener Beitrag »Der Prediger sammelt«. Sie lässt darin einen Freund und Nachbarn der Familie Hopper, den Reverend Sanborn, berichten. Der gute Geistliche geht bei ihnen ein und aus, kümmert sich um die kranke ältere Schwester des Malers und ist überhaupt immer helfend zur Stelle, vor allem nach Freund Edwards Tod. In recht freier Inter­preta­tion des Begriffs der Nächsten­liebe bringt er eine ganze Reihe vermeintlich in Vergessen­heit geratener Bilder vom Dachboden in seine sichere Obhut. Den Erlös seiner Verkäufe – darunter des Bildes »City Roofs« (1932) – schenkt er seinen bedürftigen Verwandten, finanziert damit aber auch seinen vorgezo­genen Ruhestand. Als Gail Levin (die Autorin kommt selbst in ihrer Story vor) für das Whitney-Museum ein Werke­verzeich­nis erstellen soll, stößt sie auf Unstimmig­keiten, denn Jo, die Witwe, hatte über das Schaffen ihres Mannes pingelig Buch geführt. Das bringt den Reverend in Bedrängnis.

Thriller-Altmeister Stephen King projiziert dagegen eine höchst makabre Mini-Geschichte in die Szene, die das berühmte Bild »Room in New York« (1932) zeigt. Ein Paar sitzt in einem etwas beengt wirkenden Zimmer, er studiert konzentriert in vorge­beugter Haltung die Zeitung, sie streicht abgewandt und gedanken­verloren über die Tasten ihres Klaviers, ohne einen Ton anzu­schlagen. Amerika steckt in der Großen Depression, überall herrschen Arbeits­losig­keit, Not, Hunger. Doch die beiden haben einen Weg gefunden, wie sie besser über die Runden kommen als andere. Sie bieten Gast­freund­schaft.

»Nighthawks« (1942) ist sicher Hoppers bekanntestes Werk, in unzähligen Varianten vermarktet, sogar mit LEDs illuminiert, und natürlich fehlt es auch in dieser Galerie nicht. Ist es nicht das Parade­beispiel, wie Hopper den Betrachter einer­seits auf Distanz hält, anderer­seits seine Neugier provoziert, die einsamen Gäste der hell erleuch­teten Bar durch die großen Scheiben zu studieren, sich mit ihnen aus­einander­zu­setzen? Über­raschender­weise verzichtet Michael Connelly hierauf weitgehend. In seiner Erzählung bekommt das Gemälde als solches eine Funktion. Eine junge, nach Unab­hängig­keit strebende Frau mit schrift­stelleri­schen Ambitionen kommt oft ins Museum, um »Nighthawks« zu betrachten, denn sie zieht daraus Inspiration für ihr Roman­projekt. Hier findet sie Privat­detektiv Harry Bosch, der beauf­tragt wurde, sie aufzu­spüren.

Das Gemälde »Cape Cod Morning« (1950) ist der Anthologie als Frontispiz vorangestellt, ohne Gegen­stand einer Erzählung zu werden. Diese ›Leerstelle‹, entstanden, weil der vorge­sehene Autor abspringen musste, soll jetzt uns inspi­rieren, eine Geschichte darin zu suchen, einen Handlungs­faden darum zu spinnen. Dem Heraus­geber sollen wir unsere Konzepte nicht schicken (»Ich bin raus.«). Als geeig­neten Veröffent­lichungs­ort für Ihre Ideen schlage ich Ihnen daher das Kom­mentar­feld unter diesem Artikel vor.


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