Rezension zu »Und es schmilzt« von Lize Spit

Und es schmilzt

von


Belletristik · Fischer · · 512 S. · ISBN 9783103972825
Sprache: de · Herkunft: nl

Dämonen der Jugend

Rezension vom 16.11.2017 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Bovenmeer ist ein kleines Dorf in Flandern. Von außen betrachtet, erscheint es wie eine schutz­bedürf­tige und schützens­werte Idylle, ein Mikro­kosmos aus Kühen, Katholi­zismus, nachbar­schaft­licher Nähe. Wer dort lebt, wird jedoch beklagen, dass Ödnis und Lange­weile die Tage beherr­schen und die wechsel­seitige Kontrolle der wenigen Einwohner unange­nehm werden kann.

Leider entgeht den Dörflern mehr, als wünschens­wert wäre. Sonst wäre Eva de Wolf vielleicht das entsetz­liche Schicksal erspart geblieben, das die 1988 in Flandern gebo­rene Autorin Lize Spit in ihrem Debüt­roman »Het Smelt« erzählt. Der hat nach seinem Erschei­nen 2016 in Belgien Furore gemacht und Preise einge­heimst. Dessen ungeach­tet handelt es sich dabei um eine außer­ordent­lich nerv­zehrende, aufwüh­lende und diskus­sionswür­dige Lektüre (übersetzt von Helga van Beu­ningen). Wegen der Drastik seiner Handlung (nicht so sehr der Formulie­rungen) muss man sich auf starken Tobak einstellen.

Gleich die ominöse Anfangsszene stimmt den Leser auf Skurriles, Makabres und Morbides ein. Der Schau­platz ist die Werkstatt von Evas Vater. Seit Jahren hortet er hier Werbege­schenke, Sonderan­gebote, Nutzloses, Müll. In dieses Messie-Chaos nimmt er eines Tages seine vierzehn­jährige Tochter mit und zeigt ihr eine Schlinge, die am obersten Dach­balken baumelt. Er erklärt ihr genau, wie und warum so etwas richtig zu knüpfen sei, fragt dann unver­mittelt: »Du denkst genau wie deine Mutter, dass dieser alte Trottel nie ernst meint, was er sagt, ... nicht den Mut dazu hat?«, steigt die Leiter empor, legt die Schlinge um seinen Hals, rät der Tochter beiläufig, sie müsse »mal was mit [ihrer] Frisur machen«, klettert dann wieder herunter und verkündet: »Du bist die Einzige, die jetzt im Bilde ist. Selbst deine Mutter weiß hiervon nichts. Das soll auch so bleiben.« Derweil hat die Tochter brav mitge­dacht, die Leiter gesichert und über dies und das sinniert. Schockiert ist niemand.

Denn Eva ist allerhand gewöhnt. Über Möglich­keiten, sich umzu­bringen, grübeln die Eltern permanent, sofern sie nicht gerade vom Alkohol umnach­tet sind.

In dieser eiskalten Welt, aus der Trost und Anteil­nahme längst geflohen sind, wachsen drei Kinder auf. 1985 wurden Zwillinge als Frühchen geboren, doch nur Jolan über­lebte die Geburt. Als er drei Jahre später den Brut­kasten verlassen durfte, kam Eva auf die Welt. 1991 folgte die zarte Tesje, von allen »Schei­ßerle« gerufen, seit ihre Mutter der Zweijäh­rigen diesen taktlos-demüti­genden Kose­namen verlieh.

In der emotionalen Vernachlässigung ihres Eltern­hauses pflegen die Kinder seltsame Ver­haltens­weisen. Jolan beschäftigt sich tagelang mit toten Insekten. Tesje magert bis an die Grenze zum Hungertod ab und entwickelt Zwangs­neuro­sen wie exakt einzuhal­tende Schritt­abfol­gen beim Treppen­steigen und Reinigungs­rituale.

Eva fällt es schwer, sich mit ihrem burschikosen Aussehen im Kreis der Grund­schüle­rinnen zu integrieren. Lieber sucht sie Anschluss bei den einzigen Jungen im Dorf, dem Metzger­sohn Laurens und dem Bauern­sohn Pim, aber auch diese Bezie­hung steht immer unter Vorbe­halten. Eva dient sich an, indem sie den beiden zum Beispiel verrät, dass ihre Lehrerin eine Lesbe ist. Wenn die drei auf ihren Rädern durch Feld, Wald und Flur stromern, sind sie frei und aller Restrik­tionen enthoben. Welch ekligen Schaber­nack die Jungen dann treiben, beobach­tet Eva mit Abscheu, doch sie davon abzu­halten würde ihre Rolle über­fordern.

Bald wendet sich das Interesse nach innen. An die Stelle der Dumme-Jungen-Streiche tritt »Wahrheit oder Pflicht«, die Kinder entdecken ihre Sexua­lität. Während sich Eva beschämt zurück­hält, treiben Laurens und Pim das anfangs harmlose Spiel forsch voran, bis daraus ein perfider, erpres­seri­scher Plan entsteht. Nach und nach laden die drei ihre Klassen­kamera­dinnen in ein geheimes Versteck ein, wo sie durch kluges Fragen ein Rätsel lösen müssen. Doch Evas Aufgaben kann niemand lösen. Nach jeder falschen Frage muss ein Kleidungs­stück fallen, so dass die Mädchen am Ende unweiger­lich nackt und schutzlos den gierigen, kalt taxie­renden Blicken der Jungen ausge­setzt sind, bis sie entnervt ihre Kleider­bündel packen und die Flucht ergreifen. Als sich eines der Opfer zu wehren weiß, eskaliert die Situa­tion zu einer unsäglich grausamen, nieder­trächtigen und entwürdi­genden Schändung.

Dass Verrohung und Gewalt zunehmen, Hemmungen fallen, Grenzen über­schritten werden, spüren wir von Beginn an. Doch nach den befremd­lichen Anfangs­szenen tauchen wir für eine Weile in die abge­schotte­te Bauern­idylle ein, die nur durch den in immer schreck­liche­ren Variationen weiter­gereich­ten Tratsch Belebung findet. Erst nach etwa zwei­hundert Seiten beginnt das grauen­voll Böse in die Handlung hineinzu­tröpfeln. Eher am Rande erfahren wir, dass auch der Tod nicht Halt macht vor Boven­meer.

Die Romanhandlung beginnt im Jahr 2015. Eva ist 27 Jahre alt, lebt schon ebenso lang in Brüssel, wie sie in ihrem Heimat­dorf zuge­bracht hatte, und nichts und niemand konnte sie seitdem dorthin zurück­locken. Da erreicht sie eine merkwür­dige Einladung. Pim, Wegbe­gleiter aus Kinder- und Jugend­tagen, lädt zu einer Silvester­party ein, die auch dem dreißigsten Geburtstag seines genau vierzehn Jahre zuvor verstor­benen Bruders Jan gelten soll. Eva findet, dass die Zeit reif sei und die Feier einen passen­den Anlass biete, um alte Rech­nungen zu begleichen.

Evas Autofahrt von Brüssel nach Bovenmeer gibt dem Roman die Grob­struktur. Sie erinnert sich an ihre Jahre im Dorf, an das unerträg­liche Familien­leben, an den Sommer 2002, dessen erbarmungs­lose, grauen­erregende Ereig­nisse ein schier unbeschreib­liches Ende nahmen. Während sie fährt und resümiert, sammelt der Leser immer neue Schrecken, türmen sich haar­sträu­bende Text­passagen, lässt die Nerven­anspan­nung gar nicht mehr nach, strebt alles auf den Kulmina­tionspunkt zu. Parallel zu dieser Steigerung schmilzt der große Eis­block, den Eva in einer Kühlbox auf dem Rücksitz ihres Autos mitführt.

Was und wie Lize Spit erzählt, wird die Scham­grenzen vieler Leser über­schreiten. Nach meinen persön­lichen Präfe­renzen habe ich mir oft gewünscht, die Autorin hätte allein über Andeu­tungen mein Kopfkino in Aufruhr gebracht. Ich muss aber ein­räumen, dass ich die Beschrei­bungen der drasti­schen sexuel­len Handlun­gen nicht als porno­grafisch empfun­den habe. Betrachtet man die Initiations­geschichte als Ganzes, bekommen diese Passagen eine vertretbare Funktion. Im Übrigen beweist die Autorin außer­gewöhn­liches sprach­liches und gestalte­risches Geschick. Wie sie zwischen den Zeit­ebenen hin- und her­springt, lang ersehnte Informa­tionen tröpfchen­weise bereit­stellt, die Spannung kontinu­ierlich hoch hält, nie gelesene Über­legun­gen einflicht, das ist gekonnt: »Jedes Leben ist ledig­lich eine Summe aus Zahlen, doch nur wenige schaffen es, Buch zu führen, recht­zeitig mit Zählen anzu­fangen. Diejeni­gen, die es versuchen, werden krank oder verrückt ... Ihr Leben ist keine Summe, sondern eine Differenz, sie bringen sich selbst auf null.«


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