Rezension zu »Das Böse, es bleibt« von Luca D'Andrea

Das Böse, es bleibt

von


Marlene, die junge Gattin des Capo von Südtirol, sucht vor ihm das Weite, stürzt aber einen Abhang hinab. Ein verschrobener Bergbauer rettet sie auf seinen verschneiten Erbhof. Aber sicher ist sie dort mitnichten.
Thriller · DVA · · 432 S. · ISBN 9783421048066
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Südtirol

Schwein gehabt

Rezension vom 12.04.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Wer den Erstling gelesen hat, erkennt das Strickmuster wieder. Dessen Grundmotive sind: Südtirols raue Gebirgs­welt, knorrige Menschen, darunter treue Freunde, aber auch Monster, die sich gut verstellen können, allerlei Märchen und Mythen inklusive der zugehörigen Fabel­wesen sowie ein Plot, der alle Leser­bedürf­nisse zwischen Action, Folklore und Sentiment befriedigt. Bei D’Andreas Debüt »Der Tod so kalt« [› Rezension] war die Mixtur frisch und zeitigte einen sensatio­nellen Verkaufs­erfolg. In der Neuauflage »Das Böse, es bleibt« ist das Gesamt­konstrukt noch immer gewöh­nungs­bedürf­tig, wenn nicht noch befremd­licher.

Italienische Originalausgabe:
»Lissy«
(2017, Verlag Einaudi)
Luca D’Andrea: »Lissy« auf Bücher Rezensionen
Luca D’Andrea: »Lissy« bei Amazon

Die Handlung nimmt ihren Ausgang in den Siebzigerjahren in der idyllischen Stadt Meran. Ringsum glitzern die gleißenden Gipfel der verschneiten Dolomiten vor blauem Himmel. Gleich im zweiten von 119 Kapitelchen lesen wir manch Rätsel­haftes über Hexen, Kobolde, Lebkuchen, »Knusper, knusper, knäuschen …« und rutschen mitten in die Märchen­welt, in der alles Folgende seinen Auslöser findet.

Marlene, 22, ist entschlossen, ihr Leben zu ändern. Was sie dazu braucht, entnimmt sie dreist dem Safe ihres zwanzig Jahre älteren Eheman­nes Robert: ein Bündel Geldscheine und einen Samtbeutel voller Saphire. Dann nichts wie weg, denn Marlene hat Angst, und das zu Recht. Mit Robert ist nicht zu spaßen. Flugs besteigt sie ihren Fiat 130 (wir kennen D’Andreas Obsession für exakte Produkt­bezeich­nungen schon), wirft ihren Ehering aus dem Fenster und tauscht das Auto beim Gebraucht­wagen­händler gegen einen Mercedes (W114) ein. Doch ihre Flucht in die Schweiz verläuft anders als geplant. Im heftigen Schneefall kommt sie auf einer Nebenstraße ins Schlingern und stürzt in den gähnen­den Abgrund. »Klaus«, haucht sie noch, ehe sie ohn­mächtig wird.

Robert, auch das lernen wir sofort, ist das personifizierte »Böse«, das der Titel meint. Er hasst nicht nur Scherze, sondern jegliche mensch­liche Nähe. Nicht einmal seine Gattin durfte ihn anders als »Herr Wegener« ansprechen, wollte sie nicht seinen Zorn zu spüren bekommen. Dessen ungeach­tet ist Herr Wegener eine respek­tierte Persön­lich­keit, nicht ehrenwert, aber gefürchtet. Sein Aufstieg ist mit kriminellen Wacker­steinen gepflastert – »Schutz­geld­erpres­sung, Hehlerei, Betrug und Mord« – und hat ihm über bedeutende Persönlich­keiten Macht verschafft. Deren Fundament steckt in einer abgegrif­fenen Kladde in seinem Safe. Auf knittrig geblätter­ten Seiten hat Herr Wegener mit seiner winzigen Handschrift die Namen aller Schuldner, Freunde und Freunde von Freunden notiert. Listen, an denen Blut und lebens­lange Haft­strafen kleben.

Und diesen Herrn hat Marlene nun übel verraten. Das wird er sich nicht gefallen lassen. Er hat seine »Augen und Ohren überall« und dazu skrupel­lose Hand­langer für die schmut­zigsten Jobs. Für Marlene kann das gar nicht gut ausgehen. Oder vielleicht doch? Schließlich brutzelt die Hexe, die Hänsel und Gretel gefangen hielt, am Ende im Ofen.

Aus mehreren Perspektiven und mit Rückblenden in die Vergangenheit vieler Personen erzählt Luca D’Andrea, wie sich die Handlung bis zu Marlenes Flucht und danach weiter entwickelt. Da lernen wir, woher das Böse kommt. Im Falle des Herrn Wegener ist es die Erziehung. Der kleine Robert, vaterlos in bitterster Armut aufgewachsen, lernt einen SS-Mann kennen, der ihn das Große Einmaleins des Schreckens­hand­werks lehrt. Ehe der Krieg verloren­geht, wechselt »Gewährs­mann Kobold«, inzwischen perfekt im Nahkampf, Karten- und Kompass­lesen, Verhören und Foltern, die Seite, unterstützt Partisanen, Briten und Amerikaner, die seine Fach­kompe­tenz ebenso schätzen wie die Geheimisse, um die er weiß. An sich selbst denkt er aber auch, baut sich ein kleines Imperium auf und wird zum gefürch­teten Capo Südtirols.

Eine wesentlich ungewöhnlichere Figur entspringt Luca D’Andreas Kreativität allerdings mit dem knorrigen alten Berg­bauern Simon Keller. Der tritt als Guter ins Geschehen, indem er die verun­glückte Marlene zu seinem einsamen Erbhof hoch oben in den verschnei­ten Bergen schleppt und gesund pflegt. Da landet sie in einer längst vergan­genen Zeit, einer anderen Welt, wo dunkel­fleckige Schweine im finsteren Stall grunzen, nichts als ein bisschen Moos in den Fenstern die eisige Bergluft aus den verrußten, ver­räucher­ten Räumen fern­hält und der einsame, wortkarge Alte mit schwarzem Hut die faden­schei­nige Kleidung seines längst verstor­benen Vaters aufträgt. So befremd­lich er Marlene erscheint, wieso sollte sie ihrem genüg­samen Wohl­täter miss­trauen? Einem, der wie alle seine Vorväter eigen­händig die Bibel abschreibt, kann doch kein schlechter Mensch sein.

Seine Vita ist anrührend. Auch er wuchs unter erbärm­lichen Umständen auf und ertrug schon als Bub klaglos die härtesten Placke­reien auf dem Hof (seit 1333 in Familien­besitz). Aber ein tragi­sches Ereignis in seiner Jugend verän­derte ihn nachhaltig. Was seither in seinem Inneren tobt, schildert der Autor mitreißend und schön gruselig. Mehr darf hier nicht verraten werden, denn dies sind die Filet­stücke des Romans, die D’Andreas Ruf als Thriller-Autor ersten Ranges bestäti­gen.

Dass Plot und Spannung auf allerlei Märchen-, Mythen- und irrationale Elemente gebaut sind, ist nicht jeder­manns Sache, aber D’Andrea nimmt diese Dinge selbst nicht ganz ernst, hat man den Eindruck, sondern spielt mit ihnen, wie bereits in seinem Erstling, um mit einem unterhalt­samen Mix zu kitzeln.

Literarisch kann »Lissy« Luca D’Andrea: »Lissy« bei Amazon(stilgetreu übersetzt von Susanne Van Volxem und Olaf Roth) nicht so recht punkten. Zu aufge­setzt und oberfläch­lich wirken D’Andreas stilisti­sche Manien, sein trockener, schlichter Stil mit kurzen Sätzen und Kapitel­chen (manche umfassen nur ein paar Wörter), die abrupt mitten in unbekannte Situationen springen. Nach anfäng­lichem Fremdeln gewöhnt man sich daran, aber dann verliert all das bald seinen Reiz.

Auch den Charakteren mangelt es an Substanz und menschlicher Tiefe. Herr Wegener etwa wirkt als Erwachse­ner wie eine hölzerne Marionette, die blutleer und ungelenk auf der Bühne hampelt. Er hat sich an das Böse verkauft und seine Seele verloren. Seine Ehefrau Marlene gewinnt erst im Hauptteil der Handlung an Format, wenn sie zwischen Angst und Zutrauen hin und her gerissen wird und ihre (wie unsere) Anspan­nung in beacht­liche Höhen getrieben wird. Flach wie Comic-Figuren sind schließlich Herrn Wegeners sieben treue Gefolgs­leute, »blut­dürs­tige Bestien«, die in ihrer Über­zeich­nung dennoch nur ein müdes Gähnen entlocken.

Ein recht durchwachsenes Fazit also für Luca D’Andreas zweiten Thriller, der wie aus dem 3D-Drucker daher­kommt: perfekt durch­konst­ruiert, an der Ober­fläche aalglatt und hübsch anzu­schauen (bzw. zu lesen), aber halt aus Kunst­stoff. Er ist auf kurzwei­lige Abwechs­lung hin angelegt – hierfür die unter­schiedli­chen Perspek­tiven und zahlrei­chen Hand­lungs­stränge, viele davon freilich reiner Füllstoff aus Luft­blasen, die schnell zerplat­zen und nichts hinter­lassen. Span­nungs­erzeu­gung ist das zweite Bauprin­zip, weshalb die meisten Kapitel mit einem Cliffhanger enden. Was bleibt nach der letzten Seite im Gedächt­nis? Ein paar gut gemachte reißeri­sche Effekte, ein paar Klischees zur Südtiro­ler Berg­land­schaft, der alte Simon mit seinen Tieren – und natürlich »das Böse«.


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