Rezension zu »Magnifica« von Maria Rosaria Valentini

Magnifica

von


Mit zartbitterer Poesie erzählt Valentini die drei Generationen umfassende Geschichte dreier Frauen aus einem ärmlichen Dorf in einer weltabgeschiedenen Bergregion im Südwesten Italiens. Magnifica, die Enkelin, nimmt die Spurensuche auf.
Belletristik · Dumont · · 304 S. · ISBN 9783832198749
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Süditalien

Die Geheimnisse der Tinte

Rezension vom 29.06.2018 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Diese Autorin ist eine Entdeckung für alle, die empfänglich sind für den Zauber der Wörter. Die äußere Handlung des Romans entwickelt sich ruhig und unspekta­kulär (nicht ohne Erschütte­rungen); es ist die innere Handlung, die uns berührt. Was uns aber immer aufs Neue betört, ist die zarte Kraft der literari­schen Sprache. Sanft fließt ein weicher Fluss der Wörter, funkeln­der Miniaturen, über­raschen­der Eindrücke, und kein Detail ist zu neben­säch­lich, um nicht durch Poesie veredelt zu werden. Es ist eine zeitgemäße kristalline Prosa, weitab von süßlichem Kitsch, bisweilen sogar ein wenig spröde.

Die Italienerin Maria Rosaria Valentini, 1963 in Ciociaria (bei Frosinone) geboren, lebt heute in Lugano und hat schon eine Reihe von Büchern veröffent­licht, darunter auch Lyrik, und Preise erhalten. »Magnifica« (2016) ist ihr erster Roman bei dem bedeuten­den Verlag Sellerio und als erstes ihrer Werke auf Deutsch erhältlich. Dank der erst­klassi­gen Überset­zerin Monika Köpfer, deren Leistung höchste Anerken­nung verdient, können wir das sprachliche Juwel auch auf Deutsch genießen.

Italienische Originalausgabe:
»Magnifica«
(2016, Verlag Sellerio)
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»Magnifica« erzählt die Geschichte einer Familie aus der Heimat­region der Autorin, der kargen Berg­land­schaft westlich der Abruzzen, wo das Leben seit jeher hart und ent­behrungs­reich ist. Wer Mut hatte und Entschluss­kraft aufbrachte, zog weg in den industri­alisier­ten Norden des Landes, Europas oder Amerikas, um Armut und Hoffnungs­losig­keit zu entfliehen. Die blieben, brauchten nicht weniger Mut – und träumten im Stillen weiter, dass ihre Chance einmal komme.

Im Mittelpunkt stehen die Frauen aus drei Generationen: Großmutter Eufrasia, Mutter Ada Maria und Tochter Magnifica, deren Perspektive wir einnehmen. Anlass ihres Erzählens ist, dass ihr Sohn Andrea von einem auf den anderen Tag sein Eltern­haus verlässt. Was ihn dazu bewogen hat, bleibt unklar (wie auch, ob er jemals zurück­kehrt), aber er hinter­lässt einen zierli­chen goldenen Füll­feder­halter als Geschenk mit einem myste­riösen Auftrag. »In dieser Tinte ist alles enthalten. Deine Geschichte, meine. Jene, die kommen wird, derer, die bereits existieren, und jener, die nie existiert haben.« Magnifica nimmt die Verpflichtung an und schreibt.

Magnificas wichtigste Quelle ist, was sie von ihrer gealterten Mutter erfährt. Das sind keine zu­sammen­hängen­den Erzählungen, sondern »Verwandt­schafts­beziehun­gen, Seufzer, Sprünge, Akkorde« – Material, das die Erzählerin zu einem feinen Gewebe aus Szenen, Beobach­tungen, Symbolen und Motiven, Natur­schilde­rungen, Rück­blenden, Dialogen und Sinnesein­drücken verbindet, aus dem sich die Biografie der Familie bis Ende der 1960er Jahre und ein Bild ihrer Heimat fügt. Dann überspringt die Erzählung einige Jahre, um schließlich an die Gegenwart – Magnificas Erwachsenenleben – anzudocken.

Noch zu Friedenszeiten heiraten Eufrasia und Aniceto. Es mag Liebe sein, aus der kaum ein Jahr später ihre Tochter Ada Maria hervor­geht. Aber rasch entfrem­det sich Eufrasia von ihrem unge­schlach­ten Mann, der nicht in den Krieg ziehen muss und bei den Frauen und Kindern im Dorf bleiben kann. Obwohl er ihr längst zum hässlichen »Kröterich« geworden ist, dessen sexuelle Ge­pflogen­heiten sie widerwillig über sich ergehen lässt, wird sie auf sein Drängen hin zehn Jahre später noch einmal schwanger und bringt 1946 ihren Sohn Pietrino zur Welt.

Aniceto hat sich da schon lange mit seiner Geliebten Teresina arrangiert, bei der er mehr Verständnis findet, auch wenn er sie mit anderen Männern teilen muss. Nach Eufrasias Tod entscheidet sie sich ganz für ihn und führt ihm den Haushalt. Zu den beiden Kindern hält sie Distanz – wissend, dass sie niemals den Platz ihrer Mutter einnehmen kann. In der Tat verab­scheut Ada Maria, die seit jeher eben­falls viele Aufgaben im Haus über­nimmt, die Rivalin ihrer Mutter. Liebevoll betreut sie ihren kleinen Bruder, der vom ersten Schultag an zum Außen­seiter wird und seinen Frieden bei den Toten auf dem Gottes­acker findet. Nach ein paar qualvollen Pflicht­schul­jahren ist er glücklich, die Stelle des Toten­gräbers über­nehmen zu dürfen.

Die Dorfgemeinschaft beobachtet dieses Haus argwöhnisch. Ihre engen Konven­tionen definieren Denken und Verhalten. Eufrasia hatte zeitlebens die Rolle der »Betrogenen« gespielt – und war doch ihrer Neben­buhlerin im Grunde ihres Herzens dankbar, dass sie sie »vom Kröterich befreit hatte«. Die beiden Kinder schämen sich für ihren Vater. Ada Maria wird die Nächte des Jammerns und Klagens in ihrer Kindheit nie vergessen; sie weiß, dass es das Leben mit ihrer Mutter Eufrasia nicht gut gemeint hat. »Ihre Geschichte ist für sie eine schmerzende Wurzel.« Aber sie spürt auch die Starrheit und Unfreiheit ihrer Heimat und erträumt sich ein offeneres, freud­volle­res Leben irgendwo anders. Ein konkretes Ziel kann sie nicht kennen, aber »klug und still zügelte sie ihre Wünsche und stellte sich vor, sie würde Geduld klöppeln.« Womöglich würde ihr dort sogar die Liebe begegnen, »das, was es nie geben wird und dennoch gläserne Träume erweckt und einen verwirrt, nährt und auf Entdeckung gehen lässt.«

Das reservierte Verhältnis der Tochter zum Vater verbessert sich mit seiner Ambition, Tiere zu jagen und zu präparieren. Darin erkennt sie eine Sensibi­lität und Fürsorge, die ansonsten unter einer schrundigen Ober­fläche verborgen blieben. Sie entdeckt den Buchenwald – für die Dorf­bewoh­ner ein unheim­licher Ort, wo bösartige Geister und düstere Gestalten ihr Unwesen treiben und bei jedem Schritt Blind­gänger aus dem Krieg explo­dieren können – als Heimat, wo sie ganz bei sich ist, Früchte sammelt, wildes Gemüse erntet, nachdenkt, träumt.

In dieser vagen Erwartung eines unbestimmten Aufbruchs begegnet das Mädchen einem Wesen, das die Dörfler in Panik versetzen würde: einem versprengten deutschen Soldaten, der sich fast zehn Jahre lang in einer Höhle versteckt gehalten hatte. Wie sich die beiden, stets auf der Hut, das Schlimmste befürchtend, mit winzigen Gesten einander annähern, wie aus Misstrauen Zutrauen und Vertrauen wird, aus Befremden Zuneigung und Liebe entsteht, diese wohl außer­gewöhn­lichste, schönste Liebes­geschichte seit Langem erzählt Maria Rosaria Valentini auf einfühl­same, zärtliche, poetische Weise. Wie die Begeg­nung Ada Maria verändert, kann sie nur mit Teresina teilen, die mittler­weile zu ihrer Vertrauten geworden ist – und auch sie ist eine Schreibende.

Aus dieser Beziehung intensiver Liebe geht Magnifica, die Groß­artige, Prächtige, Herrliche, hervor. Sie ist die Repräsen­tantin des Aufbruchs in eine moderne Zeit, wie auch Nachkriegs­italien in jenen Jahren einen Aufschwung erlebt. Sie verliebt sich in einen etliche Jahre älteren Arzt, heiratet ihn, zieht mit ihm, da das Dorf verfällt und zum Fossil wird, in die Großstadt, wo sie ihre alters­schwache Mutter und ihre Erinnerungen pflegt.

Eine leichte Melancholie liegt über dieser Geschichte in Moll, die vom Leben und vom Sterben, von Einsam­keit, Gemein­schaft, Zuge­hörig­keit und Liebe erzählt, in der Tiere, Früchte, Blumen und Bäume mit­spielen, die durch­zogen ist von Gerüchen, Geräuschen und Geschmacks­eindrü­cken, von mensch­licher Wärme, stillen Sehn­süchten, verborge­nen Träumen und unerfüll­ten Hoffnungen. Der ruhige Sprachstil, die bedachte Wortwahl, die unzäh­ligen verbalen Kostbar­keiten an unver­hofften Stellen machen die Lektüre zu einem ästheti­schen Genuss – »manchmal sind Worte Brot, Wasser, Fleisch« – und bezeugen Valentinis beachtens­wertes literari­sches Talent.


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