Rezension zu »Il superstite« von Massimiliano Governi

Il superstite

von


Zwei Einbrecher töten eine vierköpfige Familie. Ein Sohn bleibt durch Zufall verschont. Doch sein Leben ist nur noch eine leere Hülle. Das nüchterne Psychogramm eines Übriggebliebenen.
Belletristik · Edizioni e/o · · 144 S. · ISBN 9788866329732
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Italien

Ohne Ende

Rezension vom 18.10.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Weil er ein paar Meter weiter wohnt, entgeht er dem Tod und findet seine Eltern, seinen Bruder und seine Schwester kaltblütig erschossen in ihrem Haus auf. Die Mörder werden schnell gefasst: zwei Serben, Onkel und Neffe. Letzterer begeht Selbstmord, Ersterer wird in seiner Heimat zu lebens­langer Haft verurteilt.

All das wissen wir nach dem ersten Viertel dieses Romans. Nach dem brutalen Auftakt wähnen wir uns in einem Thriller, fragen uns allerdings, was jetzt noch zu erzählen bleibt – die Tat: rekon­struiert, die Täter: außer Gefecht, die Ermittler und ihre Arbeit: irrelevant. Doch auf eigenartige, kaum erklärliche Weise hat der Autor eine kühle Spannung aufgebaut, die nichts von dem benötigt, was einen Krimi ausmacht. Was uns weiter­treibt, ist, was aus dem Erzähler, dem Nicht-Opfer, dem Verschonten, dem Über­leben­den wird.

Existentiell betrachtet, sind wir alle »Überlebende« und können uns glücklich schätzen, solange wir wenigstens das nackte Leben genießen dürfen. Der Protagonist und Ich-Erzähler hingegen verspürt niemals ein solches Gefühl. Die Verschonung, die ihm der Zufall geschenkt hat, hat seine Seele entleert.

Das sinnlose Gemetzel (im Haus der Opfer gab es nicht einmal Beute) hat den Mann seiner Bluts­verwand­ten beraubt. Die gewohnten affektiven Bindungen kann er nicht fortführen, nicht einmal in Trauer verwandeln. Wie er den Tatort inspiziert, bald nach dem Verbrechen in das Elternhaus umzieht, ohne die Spuren dort zu beseitigen, seinem Alltag in der Hühnerfarm der Familie nachgeht, später dem Prozess in Serbien beiwohnt, wirkt erschre­ckend kalt. Seine Erzählung ist reine Bericht­erstat­tung, eine Art Protokoll, reich an Sachdetails, aber ohne jede Emotio­nalität. Unter der routine­haften Oberfläche seines Lebens wirkt seine Existenz wie angehalten, schwebend im Nichts.

Was ihn so lähmt, ist der Täter, »lo slavo«, auch er ein »Über­leben­der«. Man weiß nicht viel von ihm – ein »nomade«, ein »specialista in evasioni«, der während des Gerichts­verfah­rens jeden Blick­kontakt vermeidet und dem Erzähler kein Wort schenkt, als der ihn Jahre später im Gefängnis aufsucht. Dieser Mensch, trotz seiner stumpfen Gewalt­tätig­keit ein körperloser Geist, nicht zu durch­schauen, nicht zu fassen, beherrscht den Erzähler und seine Familie (Frau und Töchterchen). Seine bloße Existenz genügt, um in deren Dasein einen numinosen Horror wuchern zu lassen: Wird er ausbrechen, nach Italien zurück­kehren, furchtbare Rache nehmen? Weder die Nachricht, »lo slavo« werde lebenslang inhaftiert, noch, dass er gestorben sei, nicht einmal ein Besuch an seinem Grab können die Zweifel zerstreuen, die kafkaeske Angst vor der existen­tiellen Bedrohung nehmen. Sie äußert sich in Albträumen voller Blutszenen, in Hoffnungs­losigkeit, in dem Wunsch, den Verbrecher zu besuchen, ihm in die Augen zu sehen, ein einziges Wort von ihm zu hören. Aber die Erlösung bleibt dem Erzähler verwehrt, er findet keinen Ausweg aus seinem Gefängnis.

Seine Frau hält dem Druck nicht stand. Fünf Jahre nach der Katastrophe zieht sie mit der inzwischen sieben­jährigen Tochter für einen unbelas­teten Neuanfang nach Arkansas. Ihr Mann verspricht, ihnen bald zu folgen, sucht dann aber sein Heil zu Hause, im vertrauten Alltag, so hohl, schmutzig und monoton er auch sei. Ein einziger Mensch begleitet ihn immer wieder für ein Stück seines Weges, ein Journalist, dessen Artikel über das Gemetzel treffender, umsichtiger, empfind­samer waren und der auf Analogien zu dem Massaker an der Familie Clutter verwies, die Truman Capote in seinem innovativen Thriller »Kaltblütig« (1956) erzählte. »Il giornalista« unterstützt ihn über viele Jahre, reist mit ihm nach Serbien, teilt mit ihm sein eigenes Leid.

Dies ist ein Roman der verlorenen Identitäten. Keine der Figuren hat einen Namen, der Handlungs­ort bleibt vage (»il luogo dove vivo non esiste quasi«). Oft findet der Protagonist keine Worte, um Gefühle angemessen auszu­drücken, er zieht dann vor zu schweigen. Der karge Erzählstil spiegelt seine emotionale Austrock­nung. Verstörend, dass er die Abreise von Frau und Tochter wie unbeteiligt in einem Satz abhandelt, aber bis in die kleinsten Details ausführt, wie er den Gerichtsort erreicht, Holzar­beiten ausführt oder eine Wand verputzt. Umso erschüt­ternder sind die kurzen Passagen, in denen er sich »lo slavo« zu nähern versucht und kläglich scheitert.

Das Buch hat nur den Umfang einer längeren Erzählung. Der Erzähler beschränkt sich auf Schlüssel­szenen und überspringt lange Phasen aus den zwanzig Jahren erzählter Zeit. Doch bei Massimi­liano Governi (Jahrgang 1962) sprechen die Auslas­sungen, so wie das Nicht-Erzählte mehr über die Befindlich­keit des Protago­nisten offenbart als das, was er an oft Belanglosem berichtet, so wie sein Schweigen beredt ist, so wie das Nicht-Sprechen des Mörders eine verheerende Wirkung ausübt. Es sind kleine Dinge, die wieder­kehren und symbolische Kraft entfalten: weiße Kiesel­stein­chen, die Farbe Rot, ein gelbes Blümchen, die Hühner.

Obwohl im Grunde handlungsarm und bedrückend, ist Governis Roman faszinie­rend zu lesen. Wir durchleben die stille Passion ständigen Scheiterns mit dem Protago­nisten, werden mit ihm in heillose Abgründe gesogen und wünschen uns, dass er sich endlich befreien, einen Schluss­punkt setzen und seinen Seelen­frieden finden könne. Der Journalist verfolgt lange Zeit das Projekt, über den Fall einen Roman zu verfassen, doch gelingt es ihm nicht, ein Ende dafür zu finden, weder ein gutes noch ein tragisches. Wie der Erzähler ist selbst die Fiktion dazu verurteilt, in ewiger Schwebe zu verharren.

Ein italienischer Truman Capote? Keineswegs, trotz Parallelen in der Handlung und einigen Anspie­lungen. Doch Capote ging es darum, das Wesen der Mörder zu verstehen (und eine journalis­tische Erzählweise zu erproben). Governi lässt ein Opfer davonkommen, nur um es in ein seelisches Verlies zu stoßen.


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