Rezension zu »Falsche Ursula« von Mercedes Rosende

Falsche Ursula

von


Als die Anrufer Ursula López mitteilen, sie hätten ihren Mann entführt, ergreift sie die Gelegenheit, um ihr trostloses Leben in neue Bahnen zu lenken. Einen Ehemann hat sie nicht, dafür Übergewicht und viele andere Gründe, ihre Mitmenschen zu beneiden. So lässt sie sich auf ein wahnwitziges Abenteuer ein.
Kriminalroman · Unionsverlag · · 208 S. · ISBN 9783293005594
Sprache: de · Herkunft: uy

Das hässliche Entlein schlägt zurück

Rezension vom 02.07.2020 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Ursula López hat’s nicht leicht. Mit knapp über vierzig ist sie nicht mehr die Jüngste, aber schwerer als das Alter wiegt ihr Körper, vor allem während sie ihn zu ihrer Miet­wohnung im fünften Stock hinauf hievt. Dann muss sie auf jedem Treppen­absatz ein Päuschen einlegen. Die Rast hat bisweilen auch ihr Gutes, wenn nämlich Spuren lust­voller Aktivi­täten aus anderen Wohnun­gen an ihre seit früher Jugend geschul­ten feinen Sinnes­organe dringen. Auf eigene prakti­sche Erfah­rungen in diesen Dingen kann sie nicht zurück­greifen, wohl wissend, dass jemand wie sie – »fett wie ein Walross«, überdies von Blähungen und anderen Malesten gequält – nicht zu den begehr­testen Sex­partne­rinnen zählt. So hat sie sich auf ein Geschlechts­leben aus zweiter Hand einge­stellt, lauscht, schnüf­felt und versinkt genüss­lich in der Leiden­schaft des fremden Paars.

Eine Autorin aus Uruguay hat sich diese chronisch unglück­liche Frau als Ich-Erzäh­lerin eines skurril-abgrün­digen Kriminal­romans ausge­dacht. Hat uns Mercedes Rosende, 1958 in Monte­video geboren, erst einmal ein paar Tage an Ursulas ener­vieren­dem Alltag teil­nehmen lassen, verstehen wir nur zu gut, dass ihre Protago­nistin so eine mürrische, kauzige Person geworden ist. Gleich am ersten Tag erleben wir sie einge­klemmt – in einer engen Umkleide­kabine, in einem viel zu engen »Fummel«, in ihrer Wut auf die »verfickte Verkäu­ferin« (»das ist schon die größte Nummer«), in der Verach­tung für ihren unför­migen Körper (»diese schweiß­glänzen­den Speck­falten … der schwab­belige Lappen … die Kugel weiter unten … ein Rie-sen-arsch«) – und schwanken zwischen Mitge­fühl und Rat­losig­keit.

In der Tat hasst sie alles und jeden und am meisten wohl sich selbst. Alle Schlach­ten gegen ihr Überge­wicht (Suppen­diäten, Weight-Watcher-Treffen) hat sie mangels Konse­quenz, Kraft und Über­zeu­gung verloren; Creme­kuchen und Schoko­riegel trium­phieren. Jahre unter­würfig­ster Bemü­hungen »dazuzu­gehören« brachten ihr nichts als schreck­liche Demüti­gungen und Frustra­tionen ein und haben Ursula zu einer unaus­stehli­chen Xanthippe, einer perfiden, gewissen­losen Einzel­kämp­ferin mit krimi­neller Energie werden lassen, die hem­mungs­los lügt, dass sich die Balken biegen.

Sogar gegen die Toten richtet sich Ursulas Hass, denn die tragen in ihrem Empfinden Mitschuld an ihrem ausweglos verkorks­ten Leben. »Wer sollte so einen Dick­wanst jemals liebhaben?«, flüstert ihr der eigene Vater zu – aus dem Off, denn er ist seit Jahren tot. Nach Mutters frühem Ableben wurde die »liebe Tante Irene« unver­sehens zu ihrer Stief­mutter – möge sie wie all die anderen »geliebten Toten […] für immer und ewig in der Hölle schmoren«. Dorthin wünscht Ursula auch ihre Schwester Luz. Als Kinder noch unzer­trenn­lich, wuchsen sie unter Tante Irenes Dach auf, bis sie »schlag­artig« der Hass entzweite. Luz ist jünger, attraktiv, mit einem ver­mögen­den Mann liiert, wohnt in einem Luxus­anwesen mit Pool und Bediens­teten in einem Nobel­viertel. Vom Leben gelang­weilt, gibt sie sich getrieben: Ihr Tag reicht nie aus, um tausend Dinge zu erledigen – Rosen, Mode, Fitness … Wenn Ursula sie besucht, würde sie sie »am liebsten erwürgen«.

Am dritten Tag geht das Telefon, und Ursulas Schicksal nimmt seine Wendung: »Wir haben Ihren Ehemann«, sagt eine männliche Stimme, nennt einen Treff­punkt, wo man sich schon in einer halben Stunde sehen werde, und legt auf. Ursulas Frage bleibt ungehört: »Was für einen Ehemann?«

Mehr sei hier nicht verraten, denn was Mercedes Rosende höchst amüsant erzählt, wie sie uns in ihrem grotesken Kriminal­roman »Mujer equi­vocada« (der im Original bereits 2011 erschien und jetzt von Peter Kultzen über­setzt wurde) gehörig aufs Glatteis führt, muss und will man selbst genießen. Bereits in Kapitel 4 (Seite 24) wähnen wir uns der Lösung nahe: Der Geschäfts­mann Santiago Losada gerät in eine Fahrzeug­kontrolle, wird dann aber entführt. Doch die Sache läuft dumm, und die Autorin verwirrt uns wunderbar. Die Struktur ist klug konzi­piert, die Erzähl­weise fein ziseliert. Viele kurze Kapitel, kursiv abgeho­bene Textein­schübe und ein Mix unter­schied­licher Text­sorten (Dialog, Polizei­proto­koll, Zeitungs­bericht) treiben den Leser voran. Indem der haar­sträu­bende Irrsinn zunimmt, scheinen wir einer Lösung kaum näher zu kommen: Steckt eine Geliebte hinter der Entfüh­rung? Hat das Opfer seine Entfüh­rung selber insze­niert? Vor allem aber: Wer ist die wahre, wer die falsche Ursula? Am Ende hängt die Antwort nur an einem flüch­tigen Duft …


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