Rezension zu »Die Goldene Legende« von Nadeem Aslam

Die Goldene Legende

von


In einem Pakistan des religiösen Fanatismus und der Intoleranz leben Moslems und Christen gleichermaßen in Angst und Unterdrückung. Nargis, eine Frau mit lebensgefährlichen Geheimnissen, sieht sich, nachdem ihr Mann Opfer einer Gewalttat wird, immer stärker in die Enge getrieben. Ihre Ziehtochter Helen lässt die Chance auf eine Zukunft in Freiheit ziehen und gerät stattdessen ins Visier der Rechtgläubigen. Imran, ein rechtzeitig geläuterter Terrorist, muss untertauchen.
Belletristik · DVA · · 416 S. · ISBN 9783421047557
Sprache: de · Herkunft: gb

Die Rechtgläubigen und die Werke des Teufels

Rezension vom 14.01.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

In diesen Tagen wird der Prozess um die sogenannte »Scharia-Polizei« neu aufgerollt. Ein paar junge Muslime waren mit einer Art Uniform durch nord­rhein-westfä­lische Städte gezogen, um ihre Altersge­nossen zu einer Lebens­führung gemäß islami­schem Gesetz anzu­halten. Dass sie sich als »Polizei« bezeich­neten, verrät ihre Denkungs­weise: Sie werden Ordnung schaffen. Wer sich nicht ermahnen lässt, den werden sie zu seinem Seelen­heil zwingen.

Der Schriftsteller Nadeem Aslam, 1966 in Pakistan geboren und 1980 mit seinen Eltern nach Groß­britan­nien geflohen, führt uns in einen real existie­renden Staat, in dem sich alles danach richten muss, was der Koran in seiner strengsten Ausle­gung vorsieht. Ob das Ergebnis Gott gefällt und alle Gläubigen dort sich das Paradies verdient haben, sei dahin­gestellt. Aber nach den Maßstäben vieler anderer Kulturen, Religionen und Philoso­phien erscheint eine Existenz unter den beschrie­benen Bedingun­gen weder menschlich noch menschen­würdig.

Handlungsort von Aslams Roman »Die Goldene Legende« (Original: »The Golden Legend« Nadeem Aslam: »The Golden Legend« bei Amazon, übersetzt von Bernhard Robben) ist die fiktionale pakista­nische Großstadt Zamana. Hier leben hauptsäch­lich Muslims, aber auch eine christ­liche Minder­heit.

Der Roman erzählt die Schicksale zweier exemplarischer Ehepaare: Nargis und Massud sind beide erfolg­reiche Architekten und moderne, aufgeklärte, kulturell aufge­schlos­sene Moslems. Um ihr großes Anwesen und die Küche kümmern sich die Christen Grace und Lily, wie die meisten ihrer Glaubens­brüder in der Stadt Analpha­beten und arme Schlucker, die sich mit einfachen Hilfsar­beiten durch­schlagen. Ihrer intelli­genten Tochter Helen können sie keine Ausbildung ermög­lichen, aber ihre Arbeit­geber, selbst kinderlos, fördern sie gern und umfassend, würden ihr sogar ein Aus­lands­studium ermög­lichen.

Das Arrangement bewahrt den beiden Familien relative Sicher­heit, ist jedoch nichts als eine winzige private Insel, die jeder Sturm hinweg­fegen kann. Und welche Gewalt der Hass auf Falsch­gläu­bige freisetzt, wird deutlich, als ein Moslem, ganz im Glauben, das Rechte zu tun, die Christin Grace tötet. Dass der Täter unüb­licher­weise vor Gericht zitiert und sogar zu einer lebens­langen Strafe verurteilt wird, zieht Rache­morde am Richter und anderen Ver­antwort­lichen nach sich, und der von Nargis und Massud bestellte Top-Anwalt muss samt Familie unter­tauchen, um sein Leben zu retten. Der Täter aber kommt schon nach knapp einem Jahr wieder frei, hat er sich doch als frommer Mann erwiesen – indem er den Koran auswendig lernte.

Um nicht noch weiter unangenehm aufzufallen, meidet das Architekten­paar die Öffent­lichkeit. Lily hält sich von ihnen fern, nur Helen, inzwischen neun­zehn Jahre alt, kommt nach wie vor täglich in ihr Haus, um in der Bibliothek Essays zu schreiben. Die Chance, ins Ausland zu gehen, lässt sie fahren, um ihren Vater nicht allein zu lassen.

Eine weitere schicksalhafte Wendung bringt der Auftrag, einen Neubau für die älteste Biblio­thek Zamanas zu errichten. Nach dessen Fertig­stellung müssen unter Massuds Verant­wortung Unmengen historisch und religiös bedeut­samer Bücher vom alten zum neuen Gebäude überführt werden. Da kein Buch, in dem die Namen Allahs oder Moham­meds auftauchen, mit »Unreinem« in Berührung kommen darf, wird jedes einzelne vorsichtig von einer Hand zur nächsten weiterge­reicht, quer durch ein belebtes Stadt­viertel. Mitten in dieser giganti­schen Menschen­kette kommt es plötzlich zu einem Schuss­wechsel, bei dem Massud tödlich verletzt wird. Die nachfol­genden Unter­suchun­gen ziehen inter­natio­nale Kreise, zum verbor­genen Geben und Nehmen zwischen dem pakista­nischen Geheim­dienst und der CIA. Wieder kommt der Täter ungescho­ren davon, weil Korrup­tion und undurch­schau­bare Abmachungen Gerechtig­keit aushebeln. Nargis, die eine entschei­dende Rolle spielen könnte, entzieht sich dem Druck, denn zu viel steht für sie auf dem Spiel. Selbst vor ihrem Mann hat sie stets geheim­gehalten, dass sie in Wahrheit Christin ist, und damit droht sie nicht nur dem von der Regierung geschürten Christen­hass zum Opfer zu fallen, sondern auch der zügel­losen Mordlust von Polizisten, die sich den Eintritt ins Paradies verdienen können, indem sie Ungläu­bige töten.

Auch Helen gerät jetzt in den Strudel politisch motivierter Ausei­nander­setzun­gen. Sie verliebt sich in Imran, einen jungen Mann aus Kaschmir, der Himalaya-Region, um die sich Indien und Pakistan seit 1947 streiten. Er wollte sich in einem pakis­tani­schen Terror­camp zum Guerilla­kämpfer gegen das verhasste Nachbar­land ausbilden lassen, besann sich aber angesichts der menschen­verachten­den Ideologie eines Besseren. Als Abtrün­niger lebt er in Zamana im Unter­grund, wie so viele andere in dieser Stadt unter ständiger Lebens­gefahr.

Denn wie der Autor in erschütternder Deutlichkeit vor Augen führt, vollziehen sich all diese Ereig­nisse in einer totali­tären, repres­siven Atmos­phäre unfass­barer Intensität. Was sich als Gottes­staat sieht, ist de facto ein Terror­regime. Es sind die Regie­renden und die Religions­führer selbst, die den Hass der fanati­schen Gruppen gegenein­ander propagan­distisch aufpeit­schen. Keiner ist vor Verfolgung sicher, ein Ungläu­biger sowieso, aber auch ein Moslem, wenn er nicht die »richtige Sorte« Moslem ist.

Willfährige Helfer – Polizisten, Soldaten, fromme Nachbarn – sind allgegen­wärtig. Wer angeschwärzt oder angezeigt wurde oder einfach nur Argwohn erregt, den drangsa­lieren sie. Ein ordent­liches Schmier­geld kann manchmal Schlimmeres verhüten. Das infamste Instrument der Unterdrü­ckung ist die Denun­ziation. Täglich wird per Laut­sprecher von den Mina­retten der Stadt herunter verkündet, wer gegen irgend eine Regel der Religion, der Kultur, der akzep­tierten Form des Zusam­menle­bens verstoßen hat. Die Beschul­digten werden ausge­grenzt, in schlimme­ren Fällen verhaftet, gefoltert, grausam hingerich­tet. Im Nach­hinein erweisen sich die Anschuldi­gungen (ein Muslim habe Schweine­fleisch gegessen, eine christ­liche Ange­stellte habe Geld geklaut, eine Muslima habe eine Liaison mit einem Christen und derglei­chen) oft als haltlos. Doch die Wahr­heit hat in so einem System keinen Wert und keine Kraft.

Die wahren Helden in Nadeem Aslams Roman sind denn auch all die kleinen Leute aus ver­schiede­nen Kultur­kreisen und Religio­nen, die verfolgt, gedemü­tigt und malträ­tiert werden und trotz­dem nicht aufgeben – nicht sich selbst und nicht den Glauben an das Gute. Viele schämen sich sogar, dass sie selbst zu wenig für ein tolerantes Mitein­ander leiste­ten, um wenigstens der nachfol­genden Genera­tion ein besseres Land zu bereiten. Manche begehren mutig auf, wie einige Journa­listen oder die Muslima Aysha. Deren Mann starb als Märtyrer im Kampf, und damit muss sie unbe­fleckt bleiben, bis sie sich im Para­dies wieder mit ihrem Gatten vereinigt. Ihre Schwäger über­wachen sie deshalb streng und drohen ihr schlimmste Bestra­fung an, sollte sie sich den Regeln wider­setzen. Dass sie eine zärt­liche Verbin­dung mit einem Christen eingeht, kann sie das Leben kosten.

Nadeem Aslam schreibt eine Prosa, die der Verlag als »leuch­tend«, die Financial Times als »kristallin« charakteri­siert, und die FAZ schwärmt, er vereine »die epische Kraft der großen europäi­schen Roman­ciers mit der kraft­vollen, überschäu­menden Meta­phorik orienta­lischer Literatur«. Die Welt, die er mit der Schön­heit seiner Sprache schmückt, ist hin­gegen eine Hölle auf Erden. Die Lust an der Qual des Mitmen­schen – foltern, verstüm­meln, verbren­nen, köpfen – kennt keine Grenzen, wenn man sich im Einklang mit den heiligen Gesetzen der Scharia glaubt und schon die leiseste Kritik als Werk des Teufels fürchtet.

Religiös definiert war Pakistan von Anfang an. Um die ständigen Konflikte zwischen Hindus und Moslems in Indien zu lösen, teilten die Briten ihre Kolonie 1947 in zwei Staaten auf (»Partition of India«): Indien und Pakistan (mit den beiden Teilen West- und Ost­pakis­tan, dem späteren Bangla­desh). Schon neun Jahre später nannte sich Pakistan als erstes Land der Welt »Islamische Republik«, blieb aber bis heute ein von Korrup­tion, Gewalt und Konflik­ten aller Art erschüt­tertes labiles Gebilde. So werden die Menschen der Region, einem ewigen Zank­apfel und Spiel­ball fremder Mächte, schon seit Jahr­hunder­ten in ewigen Aus­einan­derset­zungen entrechtet, unterdrückt und abge­schlach­tet. War einst der britische Kolonial­herr für jeden Missstand verant­wort­lich zu machen, wird heute jedes Übel der Einfluss­nahme der USA zuge­schrie­ben. Amerikas Säkula­rität und Frei­heit­lich­keit machen das Land zum Erzfeind aller ›Recht­gläubi­gen‹.

Und doch überlebt selbst hier die Schön­heit des Lebens und mensch­licher Kultur. Wir wandeln durch paradie­sische Gärten aus tausend­und­einer Nacht. Hoch in der schattigen Krone eines Baumes schwimmen Hunderte Fischlein, jedes in seiner Plastik­tüte. Von dort, erklärt der Gold­fisch­verkäu­fer, können sie ihre Heimat, den Fluss, sehen. Es ist seine Art, Abbitte zu leisten dafür, dass er die Geschöpfe ihrer Freiheit beraubt hat.

Am Ende entlässt uns der Autor nicht verbittert oder resignativ, sondern mit einem winzigen Hoffnungs­schimmer. Nargis, Helen und Imran finden für eine Weile ein bisschen Glück an einem symbol­trächti­gen Zufluchts­ort: einer Insel mit einer idealen Moschee für die vier Welt­religio­nen, die Vision einer Zukunft in Tole­ranz und Frieden.


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