Rezension zu »Die Geheimnisse des Kölner Doms« von Ralf Günther

Die Geheimnisse des Kölner Doms

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Dieses Buch ist kein Architekturführer, schenkt aber tiefe Einblicke in das Wesen des weltbekannten Gotteshauses. Es bietet interessante, teils provokante Lesarten eines Gebäudes, das weit mehr als ein Tempel des Christentums ist.
Sachbuch · Emons · · 176 S. · ISBN 9783740807863
Sprache: de · Herkunft: de

Magie, Mystik, heidnische Götter und Aberglaube in Gottes Haus

Rezension vom 07.05.2020 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Aus welcher Richtung man sich Köln auch nähert, das Wahrzeichen der Stadt ist unübersehbar. Die markanten Turmspitzen des Doms überragen das Umland und geben Orientierung. Eine kluge Bau­politik hat ver­hindert, dass Bürotürme den Blick auf das Symbol mittel­alter­licher Religio­sität ver­stellen. Dass es seit Hunderten von Jahren Menschen von weither anzieht, beein­druckt, stärkt und beflügelt, kann nicht nur an der atem­berau­bend kühnen gotischen Archi­tektur liegen, denn das gewaltige Gottes­haus wurde erst 1880 fertig­gestellt. Es scheint, als gingen Kraft und Magie schon von dem Ort selbst aus, einer Erhöhung am linken Rheinufer.

Ein beachtliches populärwissenschaftliches Buch geht genau dieser Frage nach: Wie ist die univer­selle, zeitlose Faszi­nation zu erklären, die vom Kölner Dom aus­strahlt? Verfasst hat es der viel­seitige Schrift­steller und Medien­pädagoge Ralf Günther, 1967 in Köln geboren und durch histo­rische Romane und weih­nacht­liche Geschichten (»Das Weih­nachts­markt­wunder« [› Rezension]) bekannt geworden. Jetzt hat der Autor sein Werk (Erst­ausgabe 1998) aktuali­siert, erweitert und verbes­sert.

Entgegen der Erwartung, die der Titel nähren mag, ist dies kein Führer durch Archi­tektur und Bauge­schichte des Doms. Vielmehr spürt Ralf Günther der »Spiritua­lität« des Ortes nach. Inwieweit fußt die christ­liche Durch­geisti­gung dieses heraus­ragenden Gottes­hauses auf vorchrist­lichen Religio­nen und Bräuchen, auf urzeit­licher Mystik, auf heid­nischer Magie und schierem Aber­glauben, aber auch auf welt­lichen Ideo­logien?

Indem er eine Fülle an geistesgeschichtlichem Material aus zweiein­halb Jahr­tausen­den aus­breitet, deutet Ralf Günther »das Mysterium der Kathe­drale aus nicht-christ­licher Sicht« und den Dom als »ein gigan­tisches Gefäß« für verschie­denste, allesamt kulturell und mensch­lich tief verwur­zelte Anschau­ungen, die ihm durch die Jahr­hunderte Lebens- und Anziehungs­kraft geschenkt haben und deren Gesamt­heit seine Bedeutung für Ange­hörige unter­schied­lichster Kultur­kreise erklärt – unab­hängig davon, ob sie Christen sind oder nicht. So ist es nur folge­richtig, dass die UNESCO das Monument, längst ein nationales Symbol, 1996 zum Welt­kultur­erbe erhob.

Den Leser erwarten neun Kapitel zu Themen­kreisen wie Der Magische Ort, Die Heilige Richtung, Die Heilige Zahl, Der Dom als Hort der Astrologie, Das Mittelalter in der Romantik, die ihre Erkennt­nisse in gut über­schau­baren Text­häpp­chen präsen­tieren. Viele Abbil­dungen, eine un­kompli­zierte Syntax und etliche Redun­danzen erleich­tern die Verdau­lichkeit der gelegent­lich notge­drungen abstrak­ten Über­legungen. Für die wissen­schaft­liche Fundie­rung sorgen Anmer­kungen, ein Literatur­verzeich­nis und Bild­nach­weise, während ein Register leider fehlt.

Apsis© Emons-Verlag Köln

Zeitlich holt Ralf Günther weit aus. Seine kulturge­schicht­lichen Über­legun­gen reichen bis in archa­ische Zeiten, um beispiels­weise die Wahl des »Domhügels« als Versamm­lungs- und Weiheort mit der Vorstel­lung zu begründen, solch eine Erhebung sei als »Kraft­stelle der Erde« angesehen worden. Aus solchen zeitlosen Tiefen mensch­lichen Empfin­dens, Mutmaßens und Grübelns über uns und die Welt um uns herum stammen auch mythische Sinn­gebun­gen gewisser Zahlen, Ausrich­tungen, Pflanzen und Gestirne, deren Auswir­kungen bis in Details der Dom­archi­tektur und der christ­lichen Lehre der Autor nachspürt.

Aus Indien und Persien stammt der Kult um Mithras, ursprüng­lich ein wehr­hafter Gott der Ordnung und des Lichts, der über die Jahr­hun­derte immer mehr Eigen­schaften und Zustän­digkeiten zuge­schrie­ben bekam und im gesamten Römischen Reich äußerst populär wurde, bis das Christen­tum in direkte Konkur­renz mit ihm trat. Vor allem am Mithras­kult belegt Günther seine Kernthese christ­licher »Inkultu­ration«, dass das Christen­tum nämlich im Verlauf seiner Geschichte eine Fülle heid­nischer Elemente – Bräuche, Symbole, Feste, Daten, Anschau­ungen, Bilder und derglei­chen – nicht etwa unter­drückt, sondern uminter­pretiert und aufge­saugt habe. Sein Vokabular illus­triert die Praktiken: »schluckte«, »über­wucherte«, »verdrängte«, »nährend«, »durch sie wachsend«, »wird dort bis heute zelebriert«.

Fabelwesen© Emons-Verlag Köln

Was die Akzeptanz des Christentums bei der zu bekeh­renden Bevöl­kerung (im zerfal­lenden Römer­reich, im Früh­mittel­alter und wohl bis heute) aller­dings beein­träch­tigte, war seine Abstrakt­heit. Heid­nische Natur­religio­nen ließen Mensch und Welt als Einheit wahr­nehmen; jedes erlebbare Phänomen (Gestirne, Natur, Geburt und Tod) war unmit­telbar mit dem Wirken einer Gottheit verknüpft. Dagegen propa­gierte das rivalisie­rende Christen­tum einen entrück­ten Gott, der keine spontane Identifi­kation erlaubte: allwis­send, all­mächtig, uner­gründlich, unnahbar, nur teilweise mensch­lich (›dreieinig‹) und erst im Jenseits in Erschei­nung tretend. Es verwun­dert nicht, dass auch gläubige Christen mehr Nähe ersehnten und sie beispiels­weise durch Rituale und Aber­glaube bis heute zu finden hoffen. Von unschätz­barem Wert sind in dieser Hinsicht die Reliquien der Heiligen Drei Könige, die, so die Legende, aus Persien über Konstan­tinopel und Mailand nach Köln kamen und dort seit 1164 in ihrem märchen­haft strah­lenden Gold­schrein angebetet werden .

Amtskirche und Theologen wollen und können Ver­mischungs­theorien, wie Günther sie vorträgt, kaum folgen, sondern insis­tieren auf klarer Abgren­zung der Heils­lehre von anderen Glaubens­richtun­gen. Insofern wirken einige von Günthers Formulie­rungen im Flusse seiner Argumen­tation durchaus provokant (»Der jetzige Dom ist die aktuelle Gestalt für eine göttliche Vision, die dem Ort innewohnt, ebenso wie Jesus Christus die heutige christ­liche Gestalt für eine Gottheit ist, die ehemals den Namen Mithras trug; die aber ebensogut Helios oder auch Odin bzw. Wodan genannt werden könnte – oder aber Zoroaster, dessen Priester vermut­lich die Heiligen Drei Könige waren.«).

Andererseits ist die Theorie religiöser Inkulturation längst bekannt und gilt nicht nur für das Christen­tum. Aber das Christen­tum erwies sich in dieser Hinsicht weltweit als besonders offen­herzig. Wo immer es nicht gelang, eine »alte, einem mensch­lichen Urbe­dürfnis entgegen­kommende Glaubens­linie zu beenden«, tole­rierte es regionale Spiel­arten wie etwa Gospel, Voodoo und lokale Varianten des Aber­glaubens. Mit dieser Offenheit erklärt Günther das immer wieder verblüf­fende Neben­einander christ­licher, welt­licher und heidni­scher Motive im Dom: geschnitzte Wald­geister und ein sich liebendes Paar am Dom­gestühl, Fialen wie Farne, Säulen­reihen wie ein Wald, diffus ein­streuen­des Licht wie in eine Lichtung, Gewölbe wie Sternen­himmel.

Die letzten Kapitel führen in die Neuzeit. Nach Jahr­hunder­ten des Still­stands und des Verfalls der vorhan­denen Baukörper (deren Grund­stein von 1248 stammt) wurden 1824 die Restau­rations­arbeiten begonnen. 1842 legte man den neuen Grund­stein, und 1880 wurde mit großem Enthu­siasmus die Fertig­stellung des Doms gefeiert (All diese Jahres­angaben sind übrigens Beispiele der Zahlen­mystik um die heilige Drei­zahl.). Inzwischen hatte die Indus­trialisie­rung die Gesell­schaft umge­krempelt, Natur­wissen­schaf­ten und Technik genossen wach­sendes Vertrauen, Indivi­duum und Nation waren geach­tete Werte, während die christ­liche Lehre und die Kirche an Einfluss verloren. Gleich­zeitig blickte man sehn­süchtig zurück auf ein roman­tisch verklär­tes Mittel­alter als mysti­sche Zeit natio­naler Identität und Größe. In diesem Spannungs­feld wuchs der Dom seiner Voll­endung entgegen: als Gottes­haus und als Symbol natio­nalen Stolzes.

In der Neubearbeitung hat Ralf Günther seinem Buch ein Kapitel hinzu­gefügt, das den Dom in den neuesten gesell­schaft­lich-politisch-kultu­rellen Kontext nach der Wieder­vereini­gung rückt. Er zieht Paral­lelen mit dem Wieder­aufbau der Dresdner Frauen­kirche und kom­mentiert die Renais­sance archai­scher Anschau­ungen etwa in Computer­spielen und der Fantasy-Literatur. »Härte und Grausam­keit des Umgangs in unserer Gesell­schaft« sieht er als Indiz, dass wir uns »im Übergang von einer christ­lich-humanis­tisch geprägten Gesell­schaft mit strengen Vorstel­lungen von Moral und Gemein­schaft hin zu einer archai­schen Gesell­schaft« befinden, »die wieder mehr den Gesetzen der Natur verhaftet zu sein scheint«. Auch in dieser Phase werde der Dom als Teil des »Super­organis­mus Mensch­heit« uralte, verän­derte und neue Rollen über­nehmen wie seit jeher.


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