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Rezension zu »Una lama di luce« von Andrea Camilleri

Una lama di luce

von


Kriminalroman · Teil der Serie »Il commissario Montalbano« · Sellerio · · 261 S. · ISBN 9788838927058
Sprache: it · Herkunft: it

O me miserum! O me infelicem!

Rezension vom 05.08.2014 · noch unbewertet · noch unkommentiert

[Rezension des Fernsehfilms] Was ist das Gegenteil von ›Einbrecher‹? Was Gas­pare Intelisano eines Ta­ges im Kommissariat von Vigàta meldet, lässt diese Frage aufkommen. Als er des Morgens sein von Trocken­mauern gesäumtes Weideland inspiziert, stellt er nämlich fest, dass ›Aus­sper­rer‹ eine seiner bau­fälligen flachen Hütten mit einer soliden Holztür versehen und verschlossen sowie die Fensterhöhlen ver­barrikadiert haben. Und es kommt noch merkwürdiger: Beim polizeilichen Ortstermin ist alles wieder ab­gebaut, der Eigentümer hat wieder freien Zugang. Weggenommen wurde nichts. Aber Montalbano findet Spuren, dass schwere Gegenstände verschoben und mit Waffen hantiert wurde. Ins Fadenkreuz der Er­mittlungen geraten als erste zwei tunesische Arbeiter, die das Land be­wirt­schaf­ten. Mit Hut und Sonnen­brille getarnt und von Intelisano begleitet, täuscht ihnen der commissario am nächsten Tag vor, das Land kaufen zu wollen, und sieht sich um ...

Die Angelegenheit wird jedoch schnell von der antiterrorismo-Einheit übernommen, da Waffenschieberei nach Nordafrika dahinterstecken könnte, wo gerade die Freiheitskämpfe ihren Lauf nehmen. Dass ihm der Fall ausdrücklich entzogen wird, hält den starrköpfigen und misstrauischen, aber stets aufmerksamen Mon­tal­ba­no freilich nicht davon ab, für sich weiterzuermitteln, zumal die beiden tunisini sich kurz nach seinem Besuch davongemacht haben. Wie konnten sie erkennen, dass der harmlose ›Immobilienkäufer‹ ih­nen auf der Spur war?

Wie fast immer entwickelt sich parallel ein zweiter Fall, und auch der ist seltsam. Signor Salvatore Di Marta zeigt an, dass am Abend zuvor seine junge Frau Loredana beraubt worden sei, während sie um Mit­ternacht die Tageseinnahmen seines Supermarktes (30.000 Euro) zum Bankschließfach bringen wollte. Der Ganove habe sich seinem Opfer darüber hinaus unsittlich genähert.

Wenige Tage später scheint der Fall schon gelöst. Loredanas früherer Verlobter Carmelo Savastano wird tot aufgefunden. Nachdem der Kleinkriminelle Loredana schon öfter bedrängt und jetzt auch noch beraubt und vergewaltigt hatte, hat Salvatore Di Marta wohl die Schändung seiner Gattin gerächt und den lästigen Rivalen ein für allemal beseitigt. Staatsanwalt Tommaseo lässt Di Marta verhaften und schließt erfreut die Akten.

Wirklich alles klar? Bei näherem Hinsehen fallen Salvo Montalbano diverse Unstimmigkeiten auf. Warum zum Beispiel hat Loredana den hohen Geldbetrag nicht gleich nach Geschäftsschluss zur Bank gebracht, sondern zu ihrer guten Freundin Valeria Bonifacio mitgenommen? Wie lange waren die beiden zusammen, ehe Loredana zur Bank fuhr? Warum hat der Räuber, als er floh, den wertvollen Schmuck seines Opfers nicht mitgehen lassen? Haben die beiden Freundinnen gemeinsam etwas ausgeheckt, um die Vergewalti­gung zu vertuschen? Oder hat der Zwischenfall womöglich gar nicht stattgefunden?

Wer ist in der Lage, Valeria Bonifacio auf den Pelz zu rücken, ihr Vertrauen zu gewinnen und ihr Geheim­nis zu knacken, sofern sie denn eines hütet? Wieder einmal kommt die verführerischste Geheimwaffe des Kommissariats zum Einsatz: Mimì Augello, der Latin lover par excellence. Auch wenn er inzwischen ziemlich angegraut ist und dafür Salvos Häme über sich ergehen lassen muss, gelingt es ihm, sich bei Vale­ria als hilfsbereiter avvocato Diego Croma für juristische und private Gefälligkeiten anzudienen.

Während die Rätsel um Di Marta und die beiden jungen Frauen mit dieser Strategie übersichtlich gelöst werden können, entwickeln die Vorgänge um den Waffenschmuggel erheblich stärkere Dynamik. Ein drit­ter Nordafrikaner muss zugegen gewesen sein und den Kommissar trotz Verkleidung identifiziert haben. Mon­tal­ba­no selber war ein reflektierter Sonnenstrahl aufgefallen, der aus dem Dachfenster des Schuppens grell hervorblitzte, und es ist diese »lama di luce«, die ihn auf den Pfad der Erkenntnisse führt, um auch diesen Fall aufzuklären. Von seinem Kollegen bei der antiterrorismo-Einheit erfährt er, dass es zu einer Schießerei mit den nordafrikanischen Freiheitskämpfern gekommen sei, die aber entwischen konnten. Er ahnt noch nicht, was das bedeutet ...

Livia überrascht ihn mir ihrem Besuch. Daheim in Boccadasse hatten sie plötzlich aufkeimende Verlust­ängste und böse Vorahnungen gequält, die ihr noch jetzt in Marinella so stark körperlich zusetzen, dass sie auf Salvos Drängen einwilligt, einen Arzt zu konsultieren. Auch der Zuschauer ist beunruhigt, so intensiv und zugleich unbestimmt leidet sie. Aber mit Salvo, versichert sie ihm, habe das alles nichts zu tun. So er­leben wir beide im Umgang miteinander ungewohnt sanft, geduldig, liebenswürdig, Salvo gar heiter und gelöst mit ihr.

Das Drehbuch von »Una lama di luce« ist besonders kunstvoll und stimmig durchkomponiert. Die Hand­lung wartet mit überraschenden Wendungen auf; mehr als einmal glaubt man, nun sei alles zum Guten ge­wen­det, da bricht sich neues Unheil Bahn. Überzeugend werden gewisse Motivfäden am Ende zu einer sehr kurzen, ungeheuer dramatischen Abschlussszene zusammengeführt. Mit einem Mal wird klar – und erst jetzt ver­ständ­lich –, was für ein tragisches Schicksal sich während der gesamten Handlung im Hinter­grund voll­zo­gen hat. Es hat nicht nur mit dem Krimiplot zu tun, sondern trifft auch schmerzhaft Livias und Salvos pri­va­tes­ten Lebensnerv ...

Bemerkenswert:

• Obgleich dieser Film in einen erschütternden Schluss mündet, gibt es genügend amüsante Szenen aus Camilleris spitzer Feder. Bemerkenswert gleich die hintergründige Anfangssequenz, in der Catarella Cicero im Original zitiert ...

• Das im Film »Una voce di notte« eingeführte Motiv, dass ispettore Fazios Tüchtigkeit seinen cholerischen Chef zu sarkastischen Wutanfällen treibt, wird zu einem running gag ausgebaut. Kaum hat Montalbano die nächsten Schritte der Untersuchung formuliert, kann Fazio schon erste Ergebnisse vorweisen: »Già fatto.«

• Der Fernsehfilm weicht stärker als sonst üblich von der Romanvorlage ab. Es fehlen zwei Hand­lungs­strän­ge zur aktuellen Lampedusa-Flüchtlingsproblematik und zu illegalem Kunsthandel einschließlich der damit verbundenen Hauptpersonen. Die Konzentration tut dem Film gut; der Plot um Waffenschieberei nach Nord­af­ri­ka, den ›arabischen Frühling‹ und die privaten Machenschaften einiger Frauen und Männer wirkt über­sicht­li­cher als manch anderer der Reihe.

Weitere Angaben zur Verfilmung finden Sie hier.

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