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Rezension zu »Una voce di notte« von Andrea Camilleri

Una voce di notte

von


Kriminalroman · Teil der Serie »Il commissario Montalbano« · Sellerio · · 269 S. · ISBN 9788838927621
Sprache: it · Herkunft: it

Montalbano gegen die Korruption

Rezension vom 15.08.2013 · noch unbewertet · noch unkommentiert

[Rezension des Fernsehfilms] Die Mafia beklauen – wer käme denn auf so eine Idee? Was im Einflussbe­reich der ›ehrenwerten‹ Familie Cuffaro liegt, ist so sicher, dass es nicht einmal einer Bewachung bedarf, und dazu gehört auch der supermercato in Cava d'Aliga. Trotzdem wurden in der Nacht die gesamten Ta­ges­ein­nah­men aus dem Schreibtisch des Marktleiters Guido Nicotra (im Roman heißt er Borsellino) ge­klaut. Wer mag so dreist – oder töricht? – gewesen sein?

Als commissario Montalbano und sein Kollege Mimì Augello sich Nicotra vornehmen, ist er äußerst ner­vös und gereizt. Seine Geschichte vom defekten Nachttresor der Bank nehmen sie ihm nicht ab. Da es keine Auf­bruchs­spu­ren gibt, muss der Dieb einen Schlüssel besitzen. Der Zweit­schlüs­sel liegt beim con­siglio dell'am­mi­nis­tra­zio­ne (der aus aus vier Cuffaro-Stroh­män­nern bestehenden Ge­schäfts­füh­rung unter dem Vorsitz des onorevole Mongibello, Anwalt der Cuffaro), den anderen hat Nicotra selbst ... Doch der weist jeden Tatvorwurf ungehalten von sich.

Am nächsten Morgen findet man Nicotra erhängt in seinem Büro. Selbstmord aus Einsicht, Reue, Verzweif­lung, Angst? Im Lokalfernsehen Televigàta polemisiert der Kommentator Pippo Ragonese, die Kommissare hätten den armen Marktleiter durch ihre ruppige Befragung in die Enge und in den Suizid ge­trieben. Ge­richts­arzt dottor Pasquano hat Montalbano allerdings bereits über seinen Befund in Kenntnis gesetzt, dem­ge­mäß Nicotra eindeutig ermordet wurde. Das hieb- und stichfest nachzuweisen, sagt er scha­denfroh im Ab­gang, sei jedoch Montalbanos Problem ...

Inzwischen beschäftigt die Polizei ein zweiter unnatürlicher Todesfall. Eine junge Frau wurde grausam er­sto­chen. Ihr Lebensgefährte Giovanni Strangio fand sie und fuhr sogleich zum Kommissariat, um den Mord anzuzeigen. Trotz seines eigentümlichen Verhaltens – warum hat er nicht einfach angerufen? – kommt er als Täter nicht in Betracht, denn sein Alibi überzeugt. Auch diese Untersuchung wird in höheren Kreisen mit Argusaugen verfolgt, denn Giovannis Vater ist der presidente della Provincia di Montelusa, Michele Stran­gio.

Damit wird die Tentakelspitze einer Krake sichtbar, die, wie sich im Verlauf der Untersuchungen heraus­stellt, eine Vielzahl von Aktivitäten fest im Griff hat und jeden kaltblütig und mitleidlos in den Würgegriff nimmt, der aus der Reihe zu tanzen droht. Das gut organisierte Verbrechen auf familiärer Basis wird ge­deckt und gestützt von einer ganzen Reihe einflussreicher Herrschaften in führenden Positionen der Politik, bei den Medien und sogar der Justiz, die alle ihr eigenes Süppchen kochen und nichts als ihren höchst pri­vaten Vorteil im Blick haben. Was dieses System des stillen Gebens und Nehmens (»sensibile alle lusin­ghe«) an wirtschaftlichen, politischen und moralischen Schäden verursacht, interessiert sie ebenso wenig wie die Menschenleben, die wie ›Kollateralschäden‹ ihrer eiskalten Strategien einkalkuliert werden.

Da gibt es für Montalbano viele Nüsse zu knacken, um all den sorgsam verborgenen Verbindungen auf die Spur zu kommen und zwischen den Fronten des Eigennutzes seinen eigenen Kurs durchzuhalten. Von der Politik bekommt er Druck, in den Medien wird er vorgeführt, der Staatsanwalt favorisiert ganz andere The­o­ri­en als er, und der questore Bonetti-Alderighi jammert: »Lei mi ha fregato la carriera!« ...

Wie Krakenarme tauchen mehrere Handlungsfäden aus der trüben Realität, tangieren einander, tauchen wieder ab, bis endlich zu ahnen ist, wer alles involviert ist, wo alles zusammenläuft. Bis dahin sind drei Morde geschehen, es gibt gleich mehrere Geständige zur Auswahl, und schließlich freut sich sogar der questore Bonetti-Alderighi: »Abbiamo vinto!«

Dieser Film ist besonders dialogintensiv. Polizisten und Verhörte liefern Informationen, Montalbano er­läutert seine Schlussfolgerungen, und der Zuschauer muss gut zuhören und mitdenken, um am Ende das kom­ple­xe Gesamtbild aus Realität und Täuschungsmanövern erfassen zu können. Zum Glück für uns stra­nieri ist die Dialektschwelle sehr niedrig; man spricht zumeist Italienisch, nicht Sizilianisch.

Montalbano findet dieses Mal kaum Muße, sich melancholischen Grübeleien über das Altern hinzugeben. Dafür stimmen ihn die Resultate seiner Nachforschungen pessimistisch. Jahrzehnte seines Lebens hat er Verbrechern gewidmet, um der Gerechtigkeit auf die Sprünge zu helfen, und was hat er bewirkt? Mit Mimì Augello sinniert er über das Große und Ganze: »Che paese è diventato il nostro? ... un paese in cui un mi­nistro della Repubblica, poco tempo fa, ... ha detto che con la mafia bisogna convivere ... sono preoccupato per il mio paese ...« Camilleri selbst beklagt (in »Camilleri racconta«, einem zweiminütigen Monolog, der den Ausstrahlungen auf Rai Uno neuerdings vorausgeht), wie die Korruption in Italien fort­schreitet, auch nach mani pulite, ihrer offiziellen konzertierten Bekämpfung in den Neunzigern, und er re­sümiert, »Una voce di notte« sei »un romanzo contro la corruzione ... un romanzo che vince i corrotti ... ma forse perché è solo un romanzo.« Dies ist ein politischer Kriminalroman.

Bemerkenswert:

Ispettore Fazio erweist sich als wahre rechte Hand des commissario. Er steht nicht nur mit seinen Notiz­zetteln bereit, um pingelig zu berichten, was er fleißig recherchiert hat, sondern liefert seinem Chef witzi­ger­wei­se Auskünfte, ehe der ihn überhaupt mit den Nachforschungen beauftragt hat (»Già fatto.«). Mont­al­ba­no staunt ungläubig über diesen Beweis von Kongenialität, aber er bügelt die Sonderleistung lieber mit einem Sarkasmus weg, statt seinen Assistenten einmal kräftig zu loben.

• Dass Montalbano Geburtstag hat (58 wird er), hat er natürlich vergessen (oder vielleicht verdrängt). Cata­rella erinnert ihn daran, indem er ihn herzlich umarmt (gut gemeint, aber dem Chef deutlich unangenehm), und der Anruf von Livia bewirkt (wie so oft) nur Missstimmung ...

• Catarella darf über die gewohnte Rolle des Tolpatschs und Wortverdrehers (avvocato Nullo Manenti wird zu »Nulla Facenti«) hinaus wieder einmal als Computerexperte glänzen. Das gibt ihm die seltene Chance, seinem meist ruppigen Chef mal etwas zu erklären (»Ha capito?« ...).

• Der Film enthält viele ruhige Szenen, die Kamera konzentriert sich oft auf das feine Mienenspiel der Pro­ta­go­nis­ten.

Weitere Angaben zur Verfilmung finden Sie hier.

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