Rezension zu »Resto qui« von Marco Balzano

Resto qui

von


In der bewegten Geschichte Südtirols zwischen den Dreißigerjahren und 1950 wird die Bevölkerung in verfeindete Lager gespalten. Die Familie von Trina und Erich durchleidet das gesamte vielschichtige Drama. Über allem droht das Damoklesschwert des Staudammprojekts von Reschen, das ihre Heimat auch physisch vernichten wird.
Belletristik · Einaudi · · 180 S. · ISBN 978880623741
Sprache: it · Herkunft: it · Region: Südtirol

Lauter verlorene Schlachten

Rezension vom 19.04.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

An diesem Kirchturm fährt keiner vorbei, ohne anzuhalten und ein paar Fotos zu machen. Nicht seine schlichte Architektur noch sein Alter (fast sieben Jahrhun­derte) lässt die Touristen auf die Bremse treten, sondern seine frappie­rende Unvoll­ständig­keit. Nicht weit vom Ufer des Reschen­sees ragt nur seine obere Hälfte mit dem simplen Spitz­pyramiden­dach aus dem Wasser. Ihm fehlt ein Funda­ment, ein Portal, seine Kirche.

Das Wasser hat ihm auch seinen Gottesacker genommen, das Dorf, dessen Mittel­punkt er war, die Äcker, Weiden, Wälder und das ganze grüne Tal, das er über­ragte. So treibt er jetzt einsam und verlassen auf der riesigen Wasser­ebene, ein maleri­scher und ›deprimie­render Anblick. Ein Schau­kasten informiert die Besucher, was es mit dem wunder­lichen Bauwerk auf sich hat.

Umfassender und ergreifender, als ein Schaukasten das vermag, hat der Mailänder Autor Marco Balzanodie Hinter­gründe beschrieben, die mit der Schaffung des Stausees im Vinschgau verbunden waren. Das Titelbild zeigt den berühm­ten halben Kirchturm, aber der Roman setzt andere Schwer­punkte. »Resto qui« erzählt im Grunde die Geschichte Südtirols, wie sie die Familie der Ich-Erzählerin Trina schmerz­voll erlebt hat. Der Turm ohne Unterleib steht darüber wie ein Symbol.

Trinas Geburtsort ist das Bauerndorf Graun. Italienisch sprach damals niemand in Südtirol – es gehörte bis 1918 zu Öster­reich. Ihr Vater (Pa’) betreibt eine Tischlerei in Reschen, die Mutter (Ma’) führt den Hof. Sie ist eine kantige Frau mit einfachen Ansichten und raschem Urteil. Das Leben ist für sie ein Kampf, für Emotio­nen und Räson­nieren ist da kein Platz. Trina scheint zu ihrem Ärgernis aus der Art geschlagen, denn das Mädchen liest wie besessen, ist wissbe­gierig und nachdenk­lich. Die Sprache, glaubt sie, sei das mächtigste Werkzeug für eine Frau: »Credevo che mi potessero salvare, le parole.« Zu Ma’s Leidwesen lernt sie Italienisch, steckt sogar ihre Freun­dinnen Maja und Barbara an mitzu­machen, damit sie alle drei einmal Lehrerin­nen werden.

Der Wunsch erfüllt sich anders als erwartet, denn nach dem 1. Weltkrieg wird Südtirol von Italien annektiert. Um die wider­spens­tige deutschspra­chige Provinz zu italiani­sieren, fördert die Regie­rung in Rom (ab 1924 unter Musso­lini) die Industriali­sierung der Städte, die Zuwande­rung italieni­scher Arbeiter und Beamter aus dem Süden, verordnet das Italieni­sche als Amts­sprache, übersetzt alle geographi­schen Bezeichun­gen, verbietet die deutsche Sprache. Aus Graun wird Curon, aus Reschen Resia, aus der Etsch der Adige, aus dem Vinschgau das Val Venosta, aus Südtirol Alto Adige. In den Schulen unterrich­ten nun Lehrkräfte aus dem Süden, die die Sprache ihrer Schüler nicht verstehen, und die Kinder verstehen die ihrer Lehrer nicht. Süd­tirolerin­nen wie Trina, Maja und Barbara haben keine Chance, eine Stelle zu bekommen.

Assimiliert werden die Südtiroler durch diesen Druck nicht. Sie sprechen weiter Deutsch und organi­sieren für ihre Kinder heimlichen Deutsch­unter­richt. Obwohl dafür Verschlep­pung und Haft droht, engagie­ren sich Trina und ihre Freundin­nen hier – und zahlen einen hohen Preis. Am Tag, als Trina ihren seit Langem verehrten Erich Hauser heiratet, wird Barbara von den Carabi­nieri abgeholt.

Waren sich die Südtiroler im Kampf gegen die Italianisierung noch einig, so bringt das Hitler-Musso­lini-Abkom­men 1939 eine tiefgrei­fende Spaltung bis in die Familien hinein. Denn jede Familie muss sich nun entschei­den, ob sie alles hinter sich lassen und nach Deutsch­land umsie­deln (»Optanten«) oder auf ihrem Besitz bleiben und damit die Zuge­hörig­keit zu Italien hinneh­men will (»Restanten«).

Egal wie die Wahl ausfällt, man hat fortan die anderen zu erbitter­ten Feinden. Während eine große Mehrheit aus­zuwan­dern beschließt, kommt die Option für Erich, einen starken, eigensin­nigen, eher schweig­samen Mann, nicht in Frage, er würde niemals seine Heimat aufgeben. Aber seine Schwester und ihr Mann machen sich eines Nachts klamm­heim­lich auf den Weg »heim ins Reich«. Trinas und Erichs Tochter Marica, um die sie sich liebe­voll geküm­mert hatten, wenn die beiden in der Schreinerei oder auf dem Hof arbeiteten, nehmen sie mit. Den abschieds­losen Verlust ihrer Tochter verwindet Trina nie. Für sie schreibt sie die Familien­geschich­te auf.

»Sembrava che quassú la storia non arrivasse.« An so einen Bergfrieden konnte man vielleicht zu Zeiten der Öster­reicher noch glauben. Doch schon um 1911 ahnen die Vinsch­gauer, dass ihr Heimat­tal nicht nur durch die inter­natio­nale Politik, sondern auch durch den techni­schen Fortschritt bedroht werde. Man munkelt, die Kraft der Etsch­zuflüsse solle genutzt werden. Nach dem Krieg entwickeln die Italiener Pläne, den Reschen­see um fünf Meter aufzu­stauen. Doch erst ab 1937 werden konkrete Projekte in Angriff genom­men, über die die Bevölke­rung aller­dings durch eine infame Infor­mationspo­litik im Unklaren belassen wird. Nach Beginn der Baumaß­nahmen wird 1939 scheibchen­weise bekannt, dass der Wasser­spiegel um 22 Meter erhöht, somit das ganze Tal über­flutet und Acker­bau und Viehwirt­schaft, seit Jahr­hunder­ten Existenz­grund­lage der Menschen, unmög­lich werden würde.

Das ominöse Staudammprojekt wirbelt die große Politik in die Köpfe der Menschen. »I fascisti hanno tutto l’interesse a rovinarci e a sparpa­gliarci per l’Italia.« Hitler-Deutsch­land erscheint vielen als natür­licher Verbün­deter, als ersehn­ter Erlöser von italieni­scher Unter­drückung. Wenn Südtirol deutsch würde wie Öster­reich, würde Hitler dem Volk niemals seinen Boden wegneh­men lassen. Der Kriegs­eintritt Italiens im Juni 1940 bringt eine Atempause: »Almeno adesso la piante­ranno con questa storia della diga … ora avranno altro a cui pensare.« Die Dammar­beiten ruhen.

Als nach Mussolinis Sturz 1943 die Deutschen einmar­schie­ren, jubeln viele. Aber Trina und Erich (»Non siamo nazisti né fascisti!«) fliehen mit Deser­teuren und Partisa­nen für über ein Jahr ins eisige Hochge­birge, um der all­gemei­nen Wehr­pflicht zu entgehen. Nach Kriegs­ende kehren viele »Optanten« desillusio­niert zurück, doch auf ihren Höfen leben jetzt Italiener, und die frühe­ren Nachbarn beschimp­fen sie als Nazis.

Die neue italienische Republik setzt auf Industrialisierung und fädelt einen Deal mit Schweizer Investoren ein, um den Staudamm nun endlich fertigzu­stellen. Die Methoden ändern sich nicht. Wer sich nicht auf Ent­schädi­gungs­verspre­chen einlässt (die Zahlungen werden lächerlich niedrig ausfallen), wird in Baracken­siedlun­gen umgesie­delt. Massen süd­italieni­scher Arbeiter treffen ein. 1950 ist der Damm fertig, alle Häuser – außer dem Kirchturm von Graun/Curon – sind abge­rissen, der Wasser­spiegel steigt und steigt.

Erstaunlich, dass der Widerstand gegen den Staudamm erst an Kraft gewinnt, als es längst zu spät ist. Jahrelang hatte Erich seine Landsleute vor den Planungen und dem drohenden Existenz­verlust gewarnt, an ihre Heimat­liebe appel­liert, Ingenieure zur Rede gestellt, Versamm­lungen organi­siert, von Trina formu­lierte Flugblät­ter verteilt und Eingaben verschickt, doch Solida­rität konnte er nicht schaffen. Er wird als Queru­lant angesehen, der Damm werde schon keinen Schaden anrich­ten. »Quello che non vedono non esiste«, sagt Erich über seine trägen Mitbür­ger. Die Geist­lich­keit zuckt mit den Schultern und mahnt zur Besonnen­heit ange­sichts eines übermäch­tigen Gegners, nur padre Alfred kämpft entschlossen an Erichs Seite. Erst 1947 – die Bauar­beiten sind bereits weit fort­geschrit­ten – ist die Wut groß genug für organi­sierte Aktio­nen. Man schreibt an hochran­gige Politiker in Rom, erhält eine Audienz bei Papst Pius XII., doch ändern wird sich nichts mehr. »Se non vi occupate di politica la politica si occuperà di voi« – was Barbaras Vater den Mädchen einge­bläut hatte, bewahr­heitet sich.

Die Geschichte ihrer Familie, ihrer Freunde, des Dorfes, des Tales und Süd­tirols – all diese dramati­schen Ereig­nisse erzählt Trina im sach­lichen Ton einer Chronik. Ihre Aus­drucks­weise ist schmuck­los, die Sätze sind kurz; allen­falls klingt etwas Pathos an. Der Autor (der selbst am Schau­kasten für den Stoff motiviert wurde) hat aufwän­dig recher­chiert und führt die Handlung sehr nah an der histori­schen Realität entlang, stets aus der Perspektive der Ein­heimi­schen. Aus deren Sicht kommen die Italiener schlecht weg: »cialtroni«, »orde di barbari«, »semi­analfa­beti siciliani e delle campagne venete«, »con le bocche bovine.«

Dass Balzano (ein Sizilianer) diese Sichtweise unverblümt abbildet, ist bemer­kens­wert, denn die meisten Italiener sehen ihre Ver­gangen­heit vor und während des Faschis­mus noch immer unkritisch. So ist das Verhält­nis altein­gesesse­ner Südti­roler zu Italien trotz erheb­licher Zuge­ständ­nisse Roms an die auto­nome Region Trentino-Alto Adige bis heute ange­spannt. Dort wird das Buch bestimmt ein Bestseller, weiter im Süden dagegen vielleicht auf gerin­geres Interesse stoßen. Immerhin wurde »Resto qui« heute (am 19. April) in die Schlussrunde der letzten zwölf (von vierzig) Kandi­daten für den renommierten Premio Strega 2018 auf­genom­men.
Aktualisierung vom 13.6.2018: Heute wurde »Resto qui« in die Endrunde der letzten fünf Kandi­daten gewählt.
Aktualisierung vom 6.7.2018: »Resto qui« ist zweiter Sieger des Premio Strega 2018. Wäre er Erster geworden, wäre er der erste und einzige Autor dieses seit 1947 vergebenen Preises, der ihn zwei Mal erhielt, denn immerhin war Marco Balzano mit »L’ultimo arrivato« [› Rezension] schon Strega-Sieger 2014 ...

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