Rezension zu »Seht, was ich getan habe« von Sarah Schmidt

Seht, was ich getan habe

von


In schwärender Augusthitze werden ein puritanischer Familientyrann und seine vulgäre Frau mit der Axt erschlagen. Angeklagt wird die Tochter Lizzie, aber drei weitere Personen hätten in dieser verfaulten Familie ebenso gute Gründe zum Zuschlagen gehabt.
Kriminalroman · Pendo · · 384 S. · ISBN 9783866124356
Sprache: de · Herkunft: gb

Trautes Heim, Glück allein

Rezension vom 29.05.2018 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Der Mordfall Lizzie Borden ist einer der berühmtesten in der Geschichte der US-Justiz. Sie wurde 1892 angeklagt, ihren Vater und ihre Stiefmutter mit der Axt erschlagen zu haben. Verteidigt von den besten Anwälten, wurde sie mangels hinreichender Indizien freigesprochen. Stets hatte sie ihre Unschuld beteuert, und ohnehin konnte man sich kaum vorstellen, dass Frauen überhaupt ein derartiges Verbrechen begehen könnten.

Als die australische Bibliothekarin und Autorin Sarah Schmidt zufällig auf den Fall stieß, war sie sogleich fasziniert – von der Protago­nistin, dem Hype, den die Bericht­erstat­tung ausgelöst hatte (Literatur, Musik, selbst die Spiel­zeug­indus­trie vermarktete die Geschichte), von der Nach­lässig­keit der polizei­lichen Ermittlungen, die zur Folge hatten, dass viele Fragen zum Tathergang bis heute offen blieben. Aus dem, was sie re­cherchie­ren konnte, gestaltete Sarah Schmidt ihren Debüt­roman »See What I’ve Done« Sarah Schmidt: »See What I’ve Done« bei Amazon (2017), eine sinnliche literari­sche Aufberei­tung der histori­schen Ereignisse, die nun in der Übersetzung von Pociao auf Deutsch erschienen ist.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei Tage, der 3. und der 4. August 1892 (der Tag des Doppel­mords). Neben dem wohl­haben­den Textil­unterneh­mer Andrew Borden und seiner zweiten Ehefrau Abby befinden sich nur seine Tochter Lizzie, 32, und das Dienstmäd­chen Bridget, 26, im Haus, das im Übrigen sicher verschlossen ist. Was sich darin abspielt, erzählen alternie­rend vier Betroffene in Vor- und Rück­blenden. Das verschafft dem Leser einen diffe­renzier­ten Blick in die Vergangen­heit, die jeweilige Rolle im innersten Familien­zirkel, die subjek­tive Befindlich­keit und die unterschied­liche Wahrneh­mung des Verbrechens.

Unvermittelt beginnt der Roman mit Lizzies Aufschrei »Jemand hat Vater getötet!«. Und sofort beein­druckt uns eine Spezialität der Autorin, die ungefilterte Darstellung intensiver Wahr­nehmun­gen, eingefangen von allen fünf Sinnen. Lizzie nimmt alle Details der dahin­gemetzel­ten Körper ihres Vaters und ihrer Stiefmutter wahr (wie »eine Mahlzeit, Reste eines Gelages, zurückgelassen von einem wilden Hund. Die Hautfetzen auf seiner Brust, das Auge, das auf seiner Schulter lag. Sein Körper als Buch der Offen­barung«), sie berührt, riecht und schmeckt das Blut, ehe Nerven und Emotionen sie überwältigen. Erst eine starke Be­ruhigungs­spritze des herbeige­holten Hausarz­tes verleiht ihr wieder Fassung. Und diese sensible Frau soll eine blutrüns­tige Schlächterin sein? Wie wir im Laufe der mehr­stimmi­gen Geschichte heraus­hören werden, hat ihr Charakter in der Tat auch berech­nende, dominante, kalt­blütige Seiten, die eine Täter­schaft plausibel erscheinen lassen.

Um den Beweis überzeugend zu führen, hätte es freilich einer sorgfältigen Sicherung des Tatorts, des Auffindens der Mordwaffe, der einfühl­samen Befragung der wenigen Zeugen bedurft. Dazu sind die Polizisten vor Ort nicht in der Lage, und wozu auch, wo die junge Mörde­rin doch offen­sicht­lich vor ihnen steht, verwirrt und benebelt und ohne jede Erinnerung.

Motive, ihren Vater zu töten, finden wir bei Lizzie wie bei ihrer zehn Jahre älteren Schwester Emma genug. Andrew Borden ist ein starrköp­figer Geizhals. Sein pat­riarcha­lisch strenges Regiment nach puritani­scher Tradition duldet keine Widerworte. Um den erwach­senen Töchtern abwegige Hirnge­spinste wie das Malen oder die Tauben­zucht auszutrei­ben, macht er sich lustig über sie oder verprügelt sie gleich. So bestimmen Be­vormun­dung, Neid, Unterdrü­ckung und Hass das Zusammen­leben der Bordens und machen die Tage für alle unerträg­lich. Bei den geselligen Abenden im Wohn­zimmer kaschiert Schein­heilig­keit die latenten Spannun­gen. Vater liest, die Stiefmutter stickt: »Trautes Heim, Glück allein. Hier ist mein Zuhause.«

Als Andrew Lizzies liebevoll gehütete Tauben allesamt mit der Axt köpft, prophezeit sie ihm: »Gott wird dich strafen.« Hat er mit der Gewalttat den Bogen überspannt? Hat er damit Lizzie zu blutiger Rache angestoßen?

Emma, die ältere Tochter, hat sich kurz zuvor zu einer Freundin abgesetzt, fest entschlossen, nie mehr in ihre Familie zurück­zukeh­ren. Denn auch zwischen den beiden Schwestern herrschen seit dem Tod ihrer leiblichen Mutter nur Zwietracht, Bos­haftig­keit und Missgunst. Und auch Hausmädchen Bridget kann es nicht erwarten, dieses Haus zu verlassen. Sie ist für aus­nahms­los alle Fußab­treter, Blitzab­leiter und Sünden­bock. Jeder tyranni­siert, schikaniert und demütigt sie, hinter­lässt ihr ge­danken­los sein unauf­geräum­tes Zimmer, seinen Nachttopf, verschmutzte Kleidung, Essens­reste auf Tisch und Teppich. Sie hätte allen Grund, einmal kräftig zurück­zuschla­gen.

Als wären diese historischen Personen nicht schon schauder­haft genug, um das Verbrechen plausibel herbeizu­führen, erweitert die Autorin den Kreis der Ver­dächti­gen noch um eine fiktionale Gestalt, den sonderbaren Fremden Benjamin. Der hat bereits »dies und das« auf dem Kerbholz, als ihm John Morse, Bruder der verstor­benen Mutter von Emma und Lizzie, einen Deal nahelegt. Er weiß, wie seine Nichten unter Schwager Andrew und seiner vulgären zweiten Ehefrau Abby zu leiden haben, und bietet »tausend Dollar, wenn alles gut läuft«. Ein Mordauf­trag? Jeden­falls ist Benjamin am 4. August mit gewissen Vorsätzen auf dem Anwesen der Bordens, beobachtet so manches aus einem Versteck heraus und überlegt gut, wie er daraus Kapital schlagen könnte.

Differenziert und drastisch erzählt Sarah Schmidt die Vorgänge in dieser seelisch ver­kruste­ten Familie. Jede Erzähl­stimme kocht das gruselige Verbrechen neu auf und serviert die Details bis zum Überdruss. Alles ist aufgeheizt von der hoch­sommerli­chen Glut und durchdrungen von deren biologisch un­ausweichli­chen Folge­erscheinun­gen. Die Luft ist schwer von den Körper­gerüchen der Lebenden, ihren Schweiß­absonde­rungen, ihren unkontrol­lierten Ausgasun­gen, in die sich der Blut- und Ver­wesungs­geruch der Ermordeten mischt. Die beiden Leichen mit ihren klaffen­den Wunden sind auf dem Esstisch aufgebahrt. Das Haus ist durch­zogen von Schwaden aus den Nachttöp­fen, von fauligen Gerüchen nach verdorbe­nem Essen und der wider­lichen Hammel­brühe mit Mais­kuchen, die, immer gleich, jeden Morgen zubereitet wird. Ungehin­dert lassen die Herr­schaf­ten ihren Verzehr- und Ver­dauungs­geräu­schen freien Lauf. Die morbide, animali­sche Atmosphäre macht die allgemeine Verwahr­losung der Personen, ihrer Bezie­hungen zueinander, des ganzen Anwesens sinnfällig, aus der das Böse und die Katastrophe wie zwangs­läufig zu erwachsen scheinen.


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