Rezension zu »Der Freund« von Sigrid Nunez

Der Freund

von


Ein gealterter Literaturdozent und obsessiver Verführer nimmt sich das Leben und hinterlässt seiner langjährigen Seelenfreundin eine Dogge. Frau und Hund trauern gemeinsam, und die Autorin streut dazu eine literarische Blumenwiese.
Belletristik · Aufbau · · 235 S. · ISBN 9783351034863
Sprache: de · Herkunft: us

In Trauer und Liebe verbunden

Rezension vom 10.03.2020 · 10 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Namen fallen unendlich viele in diesem Roman, nur zwei nicht: der der Ich-Erzäh­lerin und der ihres verstor­benen Freundes. Die anonym bleibende Schrift­stellerin verfasst eine Art Trauer­buch an und für einen Lite­ratur­dozen­ten, der sich das Leben genommen hat. Was sie schreibt, ist teils Gespräch (notge­drungen mono­logisch), teils Tagebuch, teils litera­rische Exkur­sionen, teils Essay-, teils Inter­preta­tions­schnip­sel und vor allem viele, viele Zitate.

Die Titelbezeichnung ist hübsch doppeldeutig – wie auch die Handlung dieses anspruchs­voll formu­lierten Kunst­werks zwiege­näht ist. Der eine rote Faden ist die Ausein­ander­set­zung mit dem betrau­erten Literaten, seinem Handeln und Sterben. Der zweite ist die Annähe­rung der Erzäh­lerin an den hinter­bliebenen »Freund« des Verstor­benen, einen großen Hund, den er ihr hinter­lassen hat. (Dass dessen Bildnis gewichtig auf dem bunten Cover prangt, wider­spricht den Relatio­nen im Text und hebt die zarte Schwebe zwischen Mensch- und Tierwelt leider wieder auf.)

Zuerst also zum Menschen, dem namenlos bleibenden einst- und ein­mali­gen Liebhaber der Erzäh­lerin. Als Studentin in New York besuchte sie seine Schreib­kurse an der Univer­sität und verfiel wie viele ihrer Kom­milito­ninnen Charme, Esprit und Attrakti­vität des damals jüngsten Dozenten des Instituts. Der war kein Kostver­ächter. »In nahezu krank­haftem Maß unfähig […], allein zu sein«, hat er nach eigenem Bekunden vierzig Jahre lang »keine Nacht allein geschla­fen«. Zwischen seinen drei Ehefrauen hatte er stets Freun­dinnen, zwischen den Freun­dinnen »One-Night-Stands« und »Drive-bys«, und all die ihm zugetanen Studen­tinnen waren die Würze seines Lebens, »der Seminar­raum […] der erotisch­ste Ort der Welt«.

Das Altern erlebt der Mann, inzwischen Professor, als »Kastra­tion in Zeitlupe«. Die jungen Frauen begehren ihn nicht (mehr). Was sie in seine begie­rigen Arme treibt, ist Narziss­mus, der »Nerven­kitzel, einen älteren Mann in einer Macht­position auf die Knie zu zwingen«. Er aber braucht sie, denn seine ganze »Schaffens­kraft«, seine »Produk­tivität« zieht er aus seiner hemmungs­losen Promis­kuität. Sich zu ändern, »sexuelle Abstinenz« zu leben, hat er »nie ernsthaft in Betracht gezogen«.

Obwohl »Romeo« nur ein einmaliges sexuelles Erlebnis mit der zart­fühlen­den, zurück­halten­den Ich-Erzäh­lerin verbindet, bleiben die beiden zeit­lebens in schrift­lichem Kontakt und teilen eine Art subli­mierte erotische Verbin­dung auf intel­lektu­eller Ebene. Wie nah sie ihm emotional ist, gesteht sie ihm nie. Aber wann immer er eine neue Liebes­bezie­hung eingeht oder eine ver­brauchte kappt, löst das bei ihr einen »Stich« oder einen »Freuden­ausbruch« aus.

So einen wie ihn erwischt #MeToo gänzlich unvorbe­reitet, ahnungs­los. Nachdem in all seinen Unter­richts­jahren »kein einziger Pieps« dazu verlautet war, dass er jede seiner Studen­tinnen mit »meine Liebe« ansprach, erreicht ihn nun ein Brief, den alle Studen­tinnen unter­zeich­net haben – ein absurder Anlass, wie er findet, eine klein­liche Sache, ein unver­hältnis­mäßiger Aufstand, ein über­zogener Aufwand. Doch das demo­ralisie­rende Schreiben zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Er gibt nicht nur das Unter­richten auf, sondern nimmt sich gleich das Leben. Ihr Buch gibt der Erzäh­lerin Raum für den Versuch, diesen letzten Schritt – den sie respek­tiert, aber nur schwer nach­voll­ziehen kann – und das Wesen ihres (mensch­lichen) Freundes im Rückblick zu verstehen.

Die zweite Hauptrolle (oder ist es die erste – ist er der wahre »Freund«?) in der Gedanken­welt der Erzäh­lerin spielt »Apollo«. So heißt die schwarz-weiß gefleckte Dänische Dogge, ein Achtzig-Kilo-Brocken, den man nicht leicht­herzig zu sich nimmt, wenn man keine Hunde­freundin ist und in einer winzigen Miet­woh­nung in Manhattan wohnt, in der Hunde­haltung verboten ist. Aber das fein­fühlige Frauchen, mittler­weile längst selbst Schrift­stelle­rin und Dozentin für Creative Writing, sieht, dass das Erbstück offen­kundig um sein Herrchen trauert und in ähnlich inten­siver Weise mit ihm verbunden sein muss wie sie selbst.

So ist der zweite Handlungsstrang die Geschichte einer Über­windung und Annähe­rung und, insofern wie der erste, ein Versuch des Verstehen­lernens. Indem die Erzäh­lerin ihre anfäng­liche Hilf­losig­keit und Abneigung gegen das arthri­tische, sabbernde, stinkende, aber sanft­mütige, melancho­lische Tier bezwingt, meint sie in ihm fast mensch­liche Züge, Verhaltens­weisen und Empfin­dungen zu erkennen – oder schreibt sie ihm zu, etwa wenn sie am Arbeits­tisch sitzt, der Hund neben ihr steht und sich ihre Blicke auf Augenhöhe ineinan­der versenken. Zwischen den zwei einsamen Wesen, die nur einge­schränkt miteinan­der kommuni­zieren, sich aber dennoch verstehen können, ent­wickelt sich eine tiefe Beziehung gegen­seitiger Anteil­nahme, des Gebens und Nehmens.

Hiervon erzählt die Autorin in ihrem unsentimental emotio­nalen, kreativ humor­vollen und wunderbar zu lesenden Mensch-Tier-Roman. Die äußere Handlung ist schlicht, arm an Spannung und Über­raschun­gen. Dafür glänzt der Text durch unendlich viele litera­rische Einschübe, Zitate, Anspie­lungen inhalt­licher, stilisti­scher, philo­sophi­scher Natur. Unzählbar die Autoren seit Shake­speare, die nament­lich genannt oder ungenannt zitiert werden, zu denen Sigrid Nunez allerlei Interes­santes oder auch Bei­läufi­ges erläutert, seien es ihre Auf­fassun­gen zur Liebe, zur Beziehung zwischen Mensch und Tier, zur Einsam­keit, zum Erfolg, zu Aufgabe und Wirkung des Schrift­stellers oder zum Suizid. Dazu eine weitere Unend­lich­keit kursiv kenntlich gemachter Zitate ohne Quellen­angabe.

Und Nunez’ Zettelkasten gibt noch viel mehr her: Lite­ratur­kriti­sche Rand­bemer­kungen, Anekdoten über treue Hunde, Witze, Notizen, Seiten­hiebe auf »Möchte-gern-Schrift­steller«, die Erwar­tungen von Buch-Club-Mitglie­dern und den modernen Literatur­betrieb (»Jetzt schreibt jeder, so wie jeder kackt«), dies und das und Weiteres macht die Zutaten einer Salat­sauce, die den Hand­lungsver­lauf durch­spren­kelt und würzt.

Für »The Friend« Sigrid Nunez: »The Friend« bei Amazon hat Sigrid Nunez (1951 in New York City geboren) den National Book Award 2018 erhalten. Auch für die deutsch­spra­chige Ausgabe, von Anette Grube übersetzt, tönt nahezu einhellig höchstes Lob. Dem Unisono will ich nicht ohne Ein­schrän­kungen beistim­men. Ja, der Roman behandelt seine Themen (laut Verlag »Liebe, Freund­schaft und die Kraft des Erzählens – und die tröst­liche Verbin­dung zwischen Mensch und Hund«) anrührend, anregend, humorvoll und litera­risch reizvoll. Selbst wer nichts für Hunde übrig hat, kommt zwanglos ins Nach­denken. Für Lite­ratur­kenner bietet Nunez’ origi­nelle Aus­streu­ung ihrer über­wälti­genden Material­samm­lung jede Menge befriedi­gende Aha-Effekte. Doch die aus­schwei­fende, oft wie asso­ziativ dahin plät­schernde Überfülle aus der Datenbank wird anstren­gen und ermüden, wen die gleich­zeitige Hand­lungs­armut nicht bei der Stange hält.


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