Rezension zu »Die ewigen Toten« von Simon Beckett

Die ewigen Toten

von


In einem verfallenen Hospital, wo sich Fledermäuse und Junkies wohlfühlen, findet man Leichen und zugemauerte Krankenzimmer, von deren Existenz niemand weiß. Dr. David Hunter berichtet ausführlich, wie er den Toten ihre Geheimnisse Schicht für Schicht aus dem Leib schnippelt.
Thriller · Wunderlich · · 480 S. · ISBN 9783805250023
Sprache: de · Herkunft: gb

Doktor Hunters Forensipedia

Rezension vom 27.03.2019 · 4 x als hilfreich bewertet mit 1 Kommentaren

St. Jude im Norden Londons war einmal ein Krankenhaus, doch das ist lange her. Dann wurde es geschlossen und dem Verfall preisge­geben. In den verlassenen, dunklen Gängen, Gemächern, Sälen, Treppen­häusern und Dach­stühlen sind Flora und Fauna eingezogen. Fleder­mäuse haben Kolonien gegründet und flattern gespens­tisch durch das Biotop besonderer Art. Obdachlose finden dort Unter­schlupf, und Junkies verschaffen sich Zugang, um in dem weitläu­figen Gemäuer ihren Süchten zu frönen.

Demnächst soll der in gewisser Weise idyllische Komplex abgerissen werden. Doch daraus wird vorläufig nichts werden. Nicht nur die Menschen, die darin unter­tauchen, und ihre Vertreter protes­tieren, auch engagierte Tier­schützer treten auf den Plan, um die ideale Heimstätte der gefährdeten Nacht­flieger zumindest noch für ein Weilchen zu bewahren. Obendrein entdecken sie bei ihren Erkundungs­gängen eine in Plastik verpackte, dank der günstigen Atmosphäre des Dachbodens teilmumi­fizierte Leiche. Kein Zweifel: Dies ist der Schauplatz eines vor langer Zeit geschehenen Kapital­verbre­chens, und der darf nicht so einfach plattge­macht werden.

Während die Polizei die menschlichen Bewohner vertreibt, den Tatort abriegelt und der Abriss­unter­nehmer zum untätigen Abwarten verurteilt ist, setzt die Tätigkeit des in bereits fünf Vor­gänger­bänden bewährten Protago­nisten ein. In Ermangelung irgend welcher Objekte, Indizien oder Augenzeugen kann nur der leblose Körper selber über Täter, Motiv, Tatwaffe und Tathergang Auskunft geben. Deswegen ist Dr. David Hunter, forensi­scher Anthropo­loge und Ich-Erzähler, Dreh- und Angelpunkt der Ermitt­lungen, und alle anderen – Kommissare, Spuren­siche­rung, Kriminal­techniker, Rechts­mediziner – sind auf seine Erkennt­nisse angewiesen.

Hunters akribische, streng wissenschaftliche Vorgehens­weise verordnet dem Thriller zunächst einmal eine ganz genre-untypische Art Slow-Motion im Rück­wärts­gang. Systema­tisch legt er Schicht für Schicht der Leiche von außen nach innen frei, analysiert jedes Bio-Bauteil, bestimmt Geschlecht, Alter, Größe, Todes­zeit­punkt und rekons­truiert den Sterbe­prozess. Weitere Aufschlüsse verschaffen ihm Röntgen­aufnah­men, DNA-Analysen, Finger- und Kieferab­drücke, dazu die Arbeit von Schmeiß­fliegen, Würmern, Maden und Nagetieren. Auf der Grundlage all dieser uns sorgsam erläuterten Befunde starten die Vertreter der anderen Disziplinen ihre Arbeit und forschen im sozialen Umfeld des Opfers, beim Personal des ehemaligen Kranken­hauses und in der Nachbar­schaft. So krabbelt die Handlung peu à peu der Aufklärung entgegen, gelehrsam, geduldig und gemächlich.

Frisches Leben kommt erst auf, als weitere Tote gefunden werden, und das auch noch in zuge­mauer­ten, fenster­losen Räumen, die auf keinem Bauplan verzeichnet sind und von denen keiner zu wissen scheint, dass es sie jemals gab. Dabei stehen jetzt noch Kranken­betten darin.

Mehr Bewegung als die mysteriöse Station der eingemauerten Leichen bringt neues lebendes Personal auf die Seiten, so ein zweiter Forensiker, aus dem privaten Sektor hinzuge­zogen, und ein ehemaliger Pfleger des St.-Jude-Hospitals mit kleinkrimi­neller Ver­gangen­heit und Mitleid erregender Krank­heitsge­schichte. Als der bedauerns­werte Mann, der unter ärmlichsten Bedingungen von seinem ver­bitter­ten alten Mütterlein gepflegt wird, in Verdacht gerät und verhaftet wird, schlägt die Stunde eines rührigen Natur- und Sozial­aktivis­ten: Umgehend bietet ihm ein forscher Anwalt, der sich schon gegen den Abriss des Kranken­hauses stark macht, unent­gelt­liche Rechtshilfe als Verteidiger an. Ein Menschen­freund?

Die Ereignisse überschlagen sich geradezu, als eine Figur nach der anderen zum Opfer wird. Eine verliert ihr Auskommen (der Abriss­unter­nehmer), eine andere ein Bein, eine weitere ihr Leben. Zufälle oder kriminelles System?

Wenn nach fast fünfhundert Seiten alle Leichen seziert und alle Rätsel gelöst sind, bleiben immer noch zwei Fragen offen: Was an diesem Buch legitimiert die Genre­bezeich­nung »Thriller«? Und was macht Simon Becketts Reihe um Dr. David Hunter eigentlich so erfolgreich?

Spannungsspitzen sind in »The Scent of Death« Simon Beckett: »The Scent of Death« bei Amazon (Karen Witthuhn und Sabine Längsfeld haben den Band übersetzt) nämlich aus­gespro­chen scheue Rehe. Die Ereignisse kriechen mit den ausführlich kommen­tierten Arbeits­gängen des Protago­nisten im Schnecken­tempo voran. Das hat im Prinzip den spröden Reiz einer Anatomie-Vorlesung, würde der Autor nicht auf den Effekt der Sinnesein­drücke setzen, die die für Laien makabre Tätigkeit begleiten und dem sensiblen Leser manchen Schauder den Rücken hinunter­jagen, wenn nicht seinen Magen umdrehen: der ungewohnte Anblick des offen­liegen­den Körper­inneren, die üblen Ausdüns­tungen der Weichteile, das Knacken der Gelenke, das Flutschen beim Abziehen der Haut, das an eine Brathendl-Mahlzeit erinnernde Auslösen der Knochen.

Für Grusel können die Beschreibungen der baulichen Zustände des verfal­lenen Kranken­hauses sorgen, aber die sprachliche Gestaltung ist keineswegs so fulminant, un­gewöhn­lich, originell oder zupackend, dass man vom Weiterlesen nicht ablassen mag. Diese wünschens­werte Wirkung wirklicher Thriller kann auch die Handlung nicht entfalten – eine Mischung aus den Solo-Perfor­mances des Spezia­listen Hunter, seiner Koope­ration mit den Ermittlern, dem üblichen Kom­petenz­gerangel und persön­lichen Befind­lich­keiten der Beteiligten, die die Geduld manchen Lesers strapa­zieren können. Immerhin herrscht diesmal Flaute im Privatleben des Protago­nisten selbst, da seine neue Lebens­abschnitts­gefährtin Rachel derzeit auf Forschungs­reise in der Ägäis dümpelt. Dafür suchen ihn die Dämonen der Ver­gangen­heit wieder heim – von Parfüm­spuren ausgelöste Panik­attacken, Albträume, die ihm den Nachtschlaf rauben: Erinne­rungen an eine psychisch gestörte Stalkerin, die wieder nicht locker lässt, bis sie ganz in seine Nähe vorge­drungen ist.

Erst auf den letzten hundert Seiten rücken die Ausschläge des Voltmeters etwas dichter zusammen. Dann aller­dings geht es zur Sache mit Einker­kerung, fürchter­lichen Qualen aus dem Elektro­schocker und akuter Lebens­gefahr, bis die Spannungs­kurve ihren Höhepunkt erklimmt und endlich alles wieder gut wird.


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Kommentare

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Zu »Die ewigen Toten« von Simon Beckett wurden 1 Kommentare verfasst:

Christian Brand schrieb am 12.06.2019:

Das schwächste aller Hunter Bücher!

Lange und sehr ausführliche und leider mit der Zeit immer langweiligere Schilderungen um Morde in einem alten Krankenhaus.
Dialoge und Erklärungen verlaufen zäh und ohne Spannungsbogen.
Es dauert 372 Seiten bis es spannender wird. Am Ende das Duell bei dem es auch schon in einem früheren Roman von Simon Beckett geht. Erst zum Ende des Romans‘ liest man Beckett wie man ihn kennt....zu spät!

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