Rezension zu »Wege, die sich kreuzen« von Tommi Kinnunen

Wege, die sich kreuzen

von


Der Autor erzählt ein Jahrhundert im hohen Norden. Drei starke Frauen suchen ihren Weg. Nicht nur die Konventionen der Gemeinschaft und herkömmliche Geschlechterrollen belasten sie, sondern auch ein düsteres Geschehen in der Vergangenheit.
Belletristik · DVA · · 336 S. · ISBN 9783421047717
Sprache: de · Herkunft: fi

Ort ohne Lächeln

Rezension vom 14.08.2018 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Irgendwie ist sie besonders, die skandinavische Literatur. Weltweites Interesse lösten die Krimis von Adler-Olsen, Mankell, Nesbø, Nesser aus, die, oft in land­schaft­licher Kargheit und Einsam­keit, ungekannte mensch­liche Abgründe zelebrier­ten. Weniger durchschla­gend erfolg­reich, aber litera­risch nicht minder überzeu­gend sind die Erzäh­lungen von bemerkens­werten Menschen, die sich in den dunklen, lebens­feind­lichen Gegenden des Nordens bewähren (oder nicht), wo Tragödien antiker Wucht ihren unaufhalt­samen Lauf nehmen (Kettu, Lundberg, Mytting, Rinnekangas, Steinsdottir). Andere Autoren wiederum halten mit einem sprühend skurrilen Humor dagegen (Jonasson, Tuomainen).

Nun ist 2014 ein neuer Stern am nördlichen Schriftsteller­firma­ment erschienen. Tommi Kinnunen (1973 in Finnland geboren und im Hauptbe­ruf Lehrer) hat gleich mit seinem Debüt »Neljän­tienris­teys« Leser und Kritiker beein­druckt. Der Roman wurde unter anderem für den renom­mierten Finlandia-Preis und den Europäi­schen Literatur­preis nominiert, führte wochen­lang die Bestseller­listen an und wurde in viele Sprachen übersetzt.

Kinnunen stammt aus einer Familie von Fotografen. Bilder aus deren Vergangen­heit inspirier­ten ihn zu der erschüt­ternden, fesseln­den Familien­saga, die ein Jahr­hundert und drei Genera­tionen umspannt. Im Mittel­punkt stehen drei starke, unter­schied­liche Frauen. Alle »Wege, die sich kreuzen«, treffen räumlich an einem Punkt zusam­men, in einem Dorf, das dem Heimat­ort des Autors nachemp­funden ist und wo ein Haus die Verände­rungen über die Jahr­zehnte versinn­bild­licht. Maria Tuomela, die erste und kraft­vollste der drei Prota­gonis­tinnen, ließ die kleine Kate 1925 am Nordrand des Dorfes errichten, als eine Art Symbol für ihren hart erkämpf­ten neuen Status. Danach erweiterte sie das Haus regelmäßig um neue Kammern und Zimmer. Noch vierzig Jahre nach ihrem Tod ist es das größte und ansehn­lichste des Dorfes.

Aber 1996, am Ende des Romans, sind die meisten Räume überflüssig geworden. Seit ein paar Jahren wohnen nur noch drei Personen im Haus: Marias Tochter Lahja, deren Sohn Johannes und seine Frau Kaarina. Früher gab es noch Lahjas Ehemann Onni, beider blinde Tochter Helena und Lahjas unehe­liche Tochter Anna. Als Lahja jetzt stirbt, bedeutet das für Kaarina eine Befreiung. Sie räumt den Dachboden auf – und entdeckt dabei einen Jahr­zehnte alten Brief der Schwieger­mutter, der eine schreck­liche Tragödie in der Vergangen­heit enthüllt und auch sie selbst betrifft. Damit nimmt die Roman­hand­lung ihren Lauf, und an diesem Punkt endet sie auch, nachdem ein allwis­sender Erzähler die Erleb­nisse der vier Protago­nisten – Maria, Lahja, Kaarina, Onni – jeweils aus deren Perspek­tive geschil­dert hat. Aber damit wird die Familienge­schichte weder chronolo­gisch serviert noch lücken­los erfasst – es bleiben weiße Flecken.

Maria hatte gerade die Prüfung der Hebammen­schule in Helsinki bestanden, als sie 1895 in das Dorf ihrer Bestim­mung kam, um die Aufgaben der Gemeinde­heb­amme zu überneh­men. Ihre Vorgän­gerin, alt und dem Alkohol verfallen, vernach­lässigte ihre Pflichten. Ohnehin ließ man seine Leibes­frucht lieber von vertrauten »Wehmüt­tern« ans Licht der Welt ziehen, so lange alles einiger­maßen gut ging. Nur im äußersten Notfall rief man die Hebamme. Der jungen, unerfah­renen Neuen aber trauten die einfachen Leute schon gleich nicht, zumal sie mit einem Kind, doch ohne Mann anrückte.

Maria nimmt die Herausforderung an. Selbstlos setzt sie sich ein, reist mit Rentier­gespann oder auf Skiern über viele Kilo­meter an, kann die Sterblich­keit der Wöchne­rinnen und Kinder senken und gewinnt so das Zutrauen der Frauen. Sie nutzt es, um die Lage der alljähr­lich erneut geschwän­gerten, blutarmen Mütter drastisch zu kommen­tieren. Zu viele Wöchne­rinnen hat sie unter erbärm­lichen Umstän­den sterben sehen. Während Trauer­weiber die ausge­laugte Verstor­bene waschen, nicken sie dem »herein­stiefeln­den Haus­herren« Zuversicht zu, dass ja bald eine neue Frau für ihn da sei, die sich um ihn, den Haushalt und die Kinder kümmern werde. Maria missbilligt das »Tun und Treiben der Männer«, dem die Kirche ihren Segen erteilt, indem sie auf Erden untertä­nigen Frauen »himm­lische Wonnen« im Jenseits in Aussicht stellt, und sie billigt jeder Frau zu, sich dem Mann zu verweigern. Dass der Herr Pfarrer sie mehrfach einbe­stellt, um sie »wegen ihres ungehö­rigen Verhaltens« zu tadeln, kann sie nicht einschüch­tern.

Binnen eines Jahrzehnts ist Marias respektabler Ruf gefestigt. Die resolute Frau erregt Staunen und Bewunde­rung, als sie sich ein Fahrrad kauft, selber erlernt, es zu fahren, und damit schnell vor Ort ist, wann immer sie gerufen wird. Sie ist stolz und glücklich, sich nie an einen Mann gebun­den zu haben. Niemand komman­diert sie herum, und die Vorstel­lung, »irgendein Dick­wanst würde sie besteigen, wann immer es ihm beliebte«, lässt sie schaudern.

Ganz anders denkt darüber ihre Tochter Lahja, inzwischen selbst Mutter einer uneheli­chen Tochter, Anna. Lahja sehnt sich nach der Verbin­dung mit einem fürsorg­lichen, leiden­schaft­lichen Partner und heiratet Onni Löytö­vaara. Der ist fleißig, kümmert sich um seine Frau, um Anna und seine beiden leibli­chen Nachkom­men, entdeckt dann aber mit Entsetzen seine Anders­artig­keit – eine Art »Krankheit«, »Anfechtung«, etwas Verbotenes. So sehr ihn dies aufwühlt, offen sprechen kann er darüber nicht einmal mit seiner Frau. Die Konse­quenzen sind entsetzlich.

Im Krieg ist Maria durch ihre Fahrten und Kontakte stets auf dem Laufen­den über dessen Verlauf, aber ihr Haus wird zerstört, und den fried­ferti­gen Onni verändern sechs Jahre an der Front. Als Held kehrt er zurück, um als Zimmer­mann beim Wiederauf­bau des Dorfes zu helfen. Aber mit sich selbst kommt er nicht ins Reine. Er hat große Schuld auf sich geladen, die er bald nicht mehr ertragen kann.

Während anderswo die Umwälzungen der Sechziger­jahre der Freiheit den Weg bahnen, trifft die restrik­tive, vorein­genom­mene Kritik der streng­gläubi­gen Dorfge­mein­schaft Marias selbstbe­wusste Tochter Lahja, die unter Schwierig­keiten ihren eigenen Weg finden muss. Als Foto­grafin erringt sie wie ihre Mutter ein Stück Selbst­ständig­keit, findet aber weder als Frau bei Onni noch bei ihren Kindern als Mutter Erfüllung. Sie verbittert mehr und mehr, wird auch für ihre sorgende Schwieger­tochter Kaarina uner­reich­bar und versteinert förmlich, innerlich wie äußerlich.

Später kommt es zu einer ausführlichen Szene der Versöhnung, die Kinnunens schrift­stelleri­sches Talent und Angela Plögers Überset­zung überzeu­gend gestalten, ohne an den Klippen von Kitsch und Sentimen­talität zu scheitern. Kaarina, als Schwieger­tochter nie für gut genug befunden, wäscht mit einem Wasch­lappen die vor ihr kauernde Schwieger­mutter. Lahja, einst eine dominante Gestalt, die die Jüngere vier Jahrzehnte lang drangsa­liert hat, ist nur noch ein ge­schlechts­loser, vertrock­neter »Knochen­haufen«. Wie sie gekrümmt auf ihrem »Schemel hockt wie ein nasses Eichhörn­chen« und weinend um Verzeihung bittet, während Kaarina sie mit liebevollen Gesten beruhigt und ihr ihre ganze Zuwen­dung schenkt, ist ein zutiefst anrüh­rendes Bild.

»Wege, die sich kreuzen« ist trotz des wunderbar klaren Erzählstils keine ganz reibungs­lose Lektüre. Jede einzelne Perspek­tive stellt detail­reich das Alltags­leben einer anderen Phase des Jahrhun­derts dar und kann insoweit zügig und interes­siert gelesen werden. Anderer­seits nimmt jede Partien des zuvor Gesche­henen wieder auf. Und trotzdem stellt sich das Gefühl ein, es fehle etwas in der Handlungs­folge, man habe etwas verpasst. Wer sich hinsicht­lich des Unaus­gesproche­nen nicht mit eigenen Spekula­tionen zufrieden geben will, sollte sich die lohnende Mühe machen und ab und zu zurück­blättern oder am Ende noch einmal die fünf Anfangs­seiten lesen. Der Effekt kann wuchtig sein. Die Lücken haben jedoch auch damit zu tun, dass sowohl Maria als auch ihre Nach­fahren Schweigen für die beste Stra­tegie halten, wenn sie in Unan­nehmlich­keiten geraten sind. Vielleicht haben sich Schweig­samkeit und Verschwiegen­heit als zweck­mäßige, Ressour­cen sparende Eigen­schaften unter den harten Umstän­den des einsamen hohen Nordens bewährt.


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