Rezension zu »Am Hügel von Capodimonte« von Wanda Marasco

Am Hügel von Capodimonte

von


Am Totenbett von Vincenzina Umbriello sitzt ihre Tochter Rosa Maiorana. Sie betrachtet die Verstorbene, spricht eindringlich mit ihr. Sie will sich der Seele ihrer Mutter annähern, ihr Wesen verstehen. In einer langen Zwiesprache mit ihr erzählt sie Vincenzinas Lebensgeschichte.
Familienroman · Zsolnay · · 240 S. · ISBN 9783552059023
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Neapel und Golf

Das Purgatorium als Mosaik

Rezension vom 22.08.2018 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Vincenzina Umbriello ist tot. Rosa Maiorana, ihre Tochter, betrachtet ihren verdorrten Körper, die »Spuren aller abge­schlosse­nen Handlungen« darauf. Etwas in ihr drängt sie, mit ihrer Mutter und über sie zu sprechen. Wer war diese Frau? Was hat sie erlebt? Wer, was hat sie geprägt?

Dies ist die Ausgangssituation von Wanda Marascos Roman »La compagnia delle anime finte«, der soeben in der ausgezeich­neten Übersetzung von Anna Kopetzki auf Deutsch erschienen ist. Er ist nicht weniger als ein erzähleri­sches Glanz­stück zwischen Prosa und Poesie, Familien­epos und Psycho­gramm, indivi­duellen Schick­salen und dem Portrait einer ganzen Stadt, das für den Premio Strega 2017 kandi­dierte und bis in die Schluss­runde der letzten fünf Titel mit­mischte.

Rosa hält einen langen Monolog, der eine Unmenge kleiner Szenen aus Vincen­zinas Familien­geschichte aneinan­derreiht. Wie eine auktoriale Erzählerin schaut sie hinein ins Innen­leben der Menschen, kennt ihre Stimmun­gen und Gedanken, ihre Träume und die Gespens­ter, die sie heim­suchen. Das meiste entspringt natürlich ihrer kühnen Imagi­nation: »Ich weiß nicht, ob dies deine wahre Geschichte ist, aber ich lerne gerade, eine zu konstru­ieren, die dir ähnelt.« Immer wieder wendet sich Rosa an die Mutter (»Hörst du mich, Ma?« – »Du bist aus dem Nichts und der Angst gekommen, Ma.«), wie um Nähe, Verge­wisse­rung, Anknüp­fungs­punkte zu suchen. Zwar folgt ihre Erzählung insgesamt der Chrono­logie, aber im Detail sind die kurzen Epi­soden (zwei oder drei Seiten lang) eher assoziativ verknüpft. Der Roman hat keine Gliede­rung in Kapitel und keinen durch­gehen­den Plot.

Italienische Originalausgabe:
»La compagnia delle anime finte«
(2017, Verlag Neri Pozza)
Wanda Marasco: »La compagnia delle anime finte« auf Bücher Rezensionen
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Das Leben von Vincenzina und ihrer Familie, wie wir es über mehr als einhun­dert Jahre hinweg geschildert bekommen, ist dramatisch, in mancher Hinsicht tragisch. Es sind freudlose Lebens­läufe, die keinen Raum lassen für Herzens­wärme und Liebe (nicht einmal für Freund­lichkeit), deren Heraus­forde­rungen ohne Chancen sind, die keine Zuver­sicht zulassen, Hoff­nungen zerstören, herbe Ent­schlossen­heit und Entsagung fordern. Sie sind ange­füllt mit Armut und Leid, Nieder­lagen und Demüti­gungen, Gewalt, Krankheit und Tod, sie sind gezeichnet von starken Emo­tionen wie Enttäu­schung, Missgunst, Eifersucht, Rache­gelüsten und Hass.

Es sind zwei Familien, deren Wege sich im März 1946 verschränken, als Rafele Maiorana, »ein echter Herr«, der siebzehn­jährigen Vincen­zina Umbriello begegnet. Deren Groß­mutter Adelì verbrachte ihr Leben in Villaricca, einem Land­städt­chen wenige Kilo­meter nördlich von Neapel. Hierar­chien und Zwänge begrenzten Denken und Verhalten, die kargen Lebens­umstände diktier­ten Sparsam­keit und Strenge auch gegen­über den drei Töchtern Iolanda, Vincen­zina und Italia. Adelìs Seele war verhärtet. Brutal rechnete sie mit ihrem un­treuen Ehemann Biasino ab, mitleid­los trieb sie ihre hüb­scheste Tochter Iolanda aus Eifer­sucht und Miss­gunst in den Wahn­sinn.

In der engen Umgebung ist Vincenzina ein bescheidenes, aber aufge­schlosse­nes, willens­starkes Kind. Erst Rafele weitet ihren Horizont, spricht vom Meer, von Amerika. Er stammt aus der Aka­demiker­familie Maiorana – Ärzte, Anwälte, Land­besitz, ein palazzo gleich am Dom –, ist darin aber ein Fremdling, der sich dem Leistungs­druck verweigert. Er verliebt sich in die arme Dienst­magd Vincen­zina, macht ihr den Hof und heiratet sie schließ­lich im Oktober 1947 – aus einer Mischung von Schwäche, Angst (vor Vincen­zinas Brüdern, die den Verführer zum Ehever­sprechen nötigen) und Trotz (gegen seine kontroll­süchtige, intri­gante Mutter Lisa, die die Schwieger­tochter ihr Leben lang verachtet). Durch ihre jewei­ligen Milieus geprägt – beide voller Zwänge –, erlangen beide keine persön­liche Souve­ränität. Wie ihre Mutter wird Vincen­zina eine harte, illusions­lose Frau, die auch die Untreue ihres Mannes schweigend erträgt.

Die Familie bezieht eine winzige Wohnung im elenden Rione Sanità an einer der Treppen­gassen, die hinauf zum Capodi­monte führen. Die Bewohner sind eine »compagnia«, eine Schicksals­gemein­schaft. Hier wächst Rosa, die Erzählerin, auf. Lehrer Nunziata, gebildet, klug und verrückt zugleich, fördert sie, Freundin Anna­rella fordert sie, und wie ein griechi­scher Chor begleiten »die Hauskrähen«, die Tratsch­weiber, alle uner­hörten Vorkomm­nisse im Viertel, etwa das Gebaren des Nachbar­jungen »Mariomaria«, der lieber eine Frau wäre und ein tragisches Ende findet. Früh mit allen Härten des Lebens kon­fron­tiert, wird Rosa schnell erwachsen.

Als Rafele an Krebs erkrankt, verschuldet sich seine lebens­tüchtige Frau bei einem Wucherer, um die Medika­mente bezahlen zu können. Nach dem frühen Tod ihres Mannes beginnt sie selbst, Geld zu verleihen. Bei ihren Geschäfts­gängen zu den Unglück­lichen in den düsteren bassi des Viertels muss Rosa sie begleiten, weil sie rechnen und die Bücher führen kann.

Der Überblick zeigt, dass Vincenzina der Brennpunkt eines Romans über Frauen ist. Während die wenigen Männer darin schwach, unent­schieden oder charakter­lich frag­würdig erschei­nen, sagt die Autorin in einem Interview von ihren Prota­gonis­tinnen, sie seien »Frauen, die von einfacher Herkunft, schlechter Erziehung und dem Still­stand der Lebens­verhält­nisse gekenn­zeich­net, aber keine passiven Opfer sind«. Sie seien keines­wegs vollstän­dig verloren, sondern trügen genügend mensch­liche Eigen­schaften in sich, um Verände­rung und Fort­schritt herbeizu­führen. Mütter und die Kirche sind die wahren Autori­täten dieses Univer­sums; wer sich mit ihnen anlegt, erntet Rache.

Eine weitere Protagonistin des Romans ist Neapel. Selten habe ich die Atmos­phäre der Stadt am Vesuv so hautnah erlesen wie in Maras­cos Roman. Er greift tiefer und höher, vom könig­lichen Berg Capodi­monte über die Innen­stadt mit dem schwarzen Straßen­pflaster bis hinab in die fins­teren Einge­weide der Stadt. Dabei beschreibt Rosa die Schau­plätze gar nicht so explizit. Vielmehr erschaf­fen die Bewohner die engen Gassen, Treppen, Einraum­wohnun­gen, indem sie reden, schauen, sich bewegen. Die besten Szenen sind die, in denen Vincen­zina die vielen Stufen der Cento­scale hinab­läuft, ihre Blicke alles erfassen, was vor sich geht, hierhin und dorthin ruft, und später, wenn es schon dunkelt, mit Gemüse und Einkäufen beladen Stufe um Stufe empor­steigt. (Deswegen ist das Cover, ein Schwarz-Weiß-Foto von Pier­giorgio Branzi, ein wahrer Glücks­griff.) Andere faszinie­rende Wegbe­schreibun­gen führen zum Hafen hinunter oder durch eine versteckte basso-Tür in den uralten, bis in die Neuzeit genutzten Unter­grund der Stadt.

Mit den Elendsvierteln des Rione Sanità kontrastieren die weit­läufige Stadt­villa der Maio­rana an der via Duomo mit ihrer verstaub­ten, freudlosen, einge­sperrten Vornehm­heit und die länd­lichen Szenen in Villa­ricca, wo es wenigs­tens Sonne und einen weiten Himmel gibt. Die Fahrt im Bummel­zug dorthin geht durch buko­lische Land­schaften und schenkt dem Reisen­den Muße zum Nach­denken.

Während die Erzählerin Feuerwerke von Impressionen liebt und in Aufzäh­lungen und sprudelnde Satzreihen kleidet, sind die Dialoge der Figuren spröde wie ihr Leben. Ihre Sätze sind kurz, die Bot­schaften deutlich, das Idiom ist der neapo­litani­sche Dialekt. Den kann kein Übersetzer in eine andere Sprache mitnehmen, aber Annette Kopetzki trifft gut den Ton und schließt, um den Klang erlebbar zu machen, ein wenig Original­text ein: »Sie muss sich in Hitze reden, wenn sie Rabatt fordert, sich in den Schatten unter dem Bogengang stellen, aus einem Fondaco-Gewölbe heraus­kommen, das den Weg abkürzt, alles Nötige einkaufen, durch einen obszönen Gesang und eine Prozession qualmender Kerzen im Vico dei Cristallini hin­durch­gehen, keine Miene vor einem Bettler verziehen, der ihr den Weg versperrt, sagen, ich habe nichts, oder nichts sagen, doch mit zusammen­gebisse­nen Zähnen fluchen, ›stu muorto ‘e famme, iesse a fatica‹, soll er doch arbeiten gehen, der Hunger­leider, und mit der Last der vollen Taschen wieder hinauf­steigen …«.

Dies ist kein Roman, der Nostalgie aufkommen lässt, und keine leichte Lektüre. Das Gewirr von Namen, Orten, Episoden und die Zeit­sprünge erschweren den Über­blick, mancher Passus ist rätsel­haft. Aus den Mosaik­stein­chen der Szenen setzt sich aber nach und nach ein groß­artiges Bild zusam­men. Die Sprach­kraft der Autorin (und der Übersetzerin) verleiht ihm seine reiz­vollen Schattie­rungen. Der ruhige Erzähl­duktus schafft einen festen Boden des Realis­mus. Am beste­chends­ten ist freilich Marascos Fähig­keit, mit ihrer lebhaften Bilder­sprache (»Der Palazzo, wo Rafele wohnt, kommt ihr entgegen wie eine Rüstung.« »Die vier Grund­rechen­arten waren für sie wie die vier Reiter der Apokalypse.«) und der poeti­schen Schönheit ihrer Prosa den Seelen ihrer Figuren, ihren Erlebnis­sen und der Stadt Neapel einen eigen­artigen Zauber zu verleihen.


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