Rezension zu »Gravesend« von William Boyle

Gravesend

von


Conway will tödliche Rache nehmen an Ray Boy, der seinen kleinen Bruder auf dem Gewissen hat und für die Schandtat sechzehn Jahre einsitzen muss. Es kommt zum Showdown, doch alles läuft anders als erwartet. Melancholisches Porträt eines trostlosen New Yorker Stadtviertels und seiner gebrochenen Bewohner.
Kriminalroman · Polar · · 280 S. · ISBN 9783945133552
Sprache: de · Herkunft: us

Die Hölle in dir

Rezension vom 08.05.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Gar nicht so weit weg von den goldenen Straßen Manhattans, wo der American Dream wohnt, liegt im Süden von Brooklyn das Stadt­viertel Graves­end. Ein Teller­wäscher ist dort noch nie zum Millionär geworden, kann sich aber schon wie einer fühlen, denn in seinem Umfeld hat er bereits das große Los gezogen. Die meisten anderen sind arbeitslos, bitterarm, dem Alkohol und anderen Drogen verfallen, die Familien zerbrochen, manche obdachlos.

Dies ist der trostlose Ort, aus dem die Figuren von William Boyles Kriminal­roman stammen, in dem die Handlung verwurzelt ist. Ob Haupt- oder Neben­rollen, alt oder jung – sie wissen, dass ihnen das Leben bisher nichts geschenkt hat und sie auch zukünftig nichts zu erwarten haben. Sollte sie augen­blicklich der Tod hinweg­raffen, so die verbrei­tete Menta­lität, nichts wäre ihnen genommen, nichts würden sie verpassen. Aus diesem Grund­stoff hat Boyle, selbst in Brooklyn aufgewach­sen, in seinem Debüt einen faszinieren­den Rache-Plot gewebt, den er bis zum außer­gewöhn­lichen, ergreifen­den Ausgang mit großer Sensibilität erzählt. Über allem liegt eine leicht melancho­lische Stimmung, die in der Überset­zung von Andrea Stumpf wunderbar erhalten ist.

Conway D’Innocenzio heißt der Protagonist, ein tragischer Antiheld ohne Selbst­vertrauen, ohne Talente, aber mit Herz und einem Plan. Sechzehn Jahre zuvor hat er seinen kleinen Bruder Duncan verloren. Der war wegen seiner Homo­sexuali­tät in der Schule lange Zeit gemobbt, geprügelt und schließlich in den Tod getrieben worden. An dem Verant­wort­lichen, Ray Boy Calabrese, will Conway jetzt Rache nehmen. Dazu muss er freilich erst einmal schießen lernen. Ein ge­scheiter­ter Ex-Cop übt mit ihm den Todes­schuss auf die Zielperson, repräsen­tiert durch ein auf­gekleb­tes altes Zeitungs­foto. Doch immer wieder lässt Conway seinen Arm von der Knarre verziehen. So, sagt McKenna, wird er »im echten Leben nie was treffen«, er solle seinen mörderi­schen Plan lieber fallen lassen. »Du wirst mit der Hölle in dir leben … Nicht die Vorhölle. Die richtige Hölle.«

Die gesetzliche Strafe für seine Untat hat Ray Boy derweil schon abge­sessen. Gleich nach der Tat hatte ein Gericht ihn und seine drei Kumpel zur Höchst­strafe verurteilt. Für die hinter­bliebe­ne Familie des Opfers wurde indes das schiere Weiter­leben zur Hölle. Duncans Mutter verfiel dem Alkohol, verließ Conway und ihren Mann, und niemand weiß, was aus ihr geworden ist. Frankie, Conways Vater, von Gicht und einem schweren Leben gequält, steckte auch diesen Tiefschlag ein, ohne gebrochen zu werden. Conway haust weiterhin mit ihm in seiner Bruchbude und jobbt für einen Hunger­lohn als »Regal­auffül­ler« im Super­markt. Mehr an eigener Lebens­gestal­tung ist für den inzwischen fast Dreißig­jähri­gen nicht drin. Aller­dings hatte er ohnehin noch nie etwas auf die Reihe bekommen, versackte zeitweise im Drogen­sumpf, versuchte, sich die Pulsadern auf­zuschlit­zen. Was ihn jetzt durch­halten lässt, ist einzig das dem Bruder ins Grab gegebene Versprechen, Rache an seinem Mörder zu nehmen.

Jetzt ist Ray Boy also draußen und hat sich nach Hawk’s Nest abgesetzt. Das Kaff im Upstate New York ist nicht weniger herunter­gekom­men als Graves­end, nur stiller. Am Rande längst nicht mehr befahr­barer Straßen verfallen un­bewohn­te Häuser, die Einfahrten mit Holz­böcken versperrt, die zerschla­genen Fenster mit Plastik­planen zugena­gelt, die Dächer zusam­menge­sackt. Eins von ihnen ist das seit Ewigkei­ten im Familien­besitz befind­liche versiffte Schindel­dach­haus, in das sich Ray Boy einquar­tiert hat und wohin sich Conway umgehend auf den Weg macht.

Wie es weitergehen soll, hat Conway nicht festgelegt. Würde ihm nach dem Mord die Flucht nach Kanada gelingen? Oder würde ihn die Polizei einbuchten? Oder würde es gar nicht so weit kommen, weil der »wahn­sinns­starke« Ray Boy ihm im Bruchteil einer Sekunde grinsend die Waffe aus der Hand schlüge und auch ihm, wie schon seinem Bruder, ein Ende bereiten würde?

Der Showdown folgt in Vorbereitung und Verlauf den Ritualen, wie man sie aus zünftigen Western kennt, hält aber manche Über­raschung bereit und nimmt ein völlig un­erwarte­tes Ende. Das trifft nicht nur die unmittel­bar Beteiligten und den Leser, sondern auch Ray Boys fünf­zehn­jähri­gen Neffen Eugene. Der hat schon sehn­lichst auf die Rückkehr seines Idols gewartet, auf dass er ihn aus seinem Frauen­haus­halt (allein­erziehende Mutter und Tante), dem Spott seiner Alters­genos­sen (wegen seines Hinkebeins), der Schule und allem, was er sonst noch hasst, heraus hole und mit ihm einen ultima­tiven Riesen­coup durchziehe.

Das Quartett der prekären Protagonisten komplettiert die überaus ansehnliche Ales­sandra Biagini. Mit achtzehn hatte sie noch Träume, brach aus dem elenden Gravesend aus und wollte in Los Angeles als Schau­spiele­rin reüssieren. Leider waren die Träume nichts als Schäume, ihr begrenztes Talent reichte nur für kleine Auftritte auf Home­shop­ping-Kanälen, aber ihr attraktives Äußeres (weniger ihre Stimme) verschaffte ihr eine Aus­weich­karrie­re als Frontfrau einer Tingel­band. Auftritte bei Hoch­zeiten und dergleichen halten sie seit zehn Jahren einiger­maßen über Wasser. Familiäre Umstände bringen sie zurück in die Heimat, wo sie nicht nur die Trost­losig­keit von Gravesend, sondern auch ihres eigenen versieb­ten Lebens erkennt. Würde sie jetzt auch »eins von diesen Gespens­tern im Viertel werden«?

Diesen Chor der Verlorenen beschreibt William Boyle mit realisti­schem Detail, ohne jegliche Be­schöni­gung, aber auch ohne demüti­gende Bloß­stellung. Ihre Sprache ist derb. Sie begleiten die Wege der Protagonisten, die parallel verlaufen, abwech­selnd erzählt werden, einander ab und an berühren und schließlich auf ein dramati­sches, infernali­sches Ende zusteuern. Den Sound­track dazu liefern ihnen Rap, Hip-Hop und Punk (Ice Cube, Dre, Snoop Dogg, Wu Tang, The Replace­ments, Pixies …).

In William Boyles Erstling herrscht eine tiefschwarze Atmosphäre, und doch rührt der Roman den Leser auf eigen­artige Weise durch seine Emp­findsam­keit, seine ein­fühl­samen Milieu­porträts und eine Handlung, bei der man sich die Haare raufen möchte und am Ende eine Gänse­haut bekommt.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Frühjahr 2018 aufgenommen.


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