Rezension zu »Der große Plan« von Wolfgang Schorlau

Der große Plan

von


Eine Beamtin des Auswärtigen Amtes wird entführt. Dengler soll sie finden und kommt nebenbei dahinter, was bei der »Griechenlandrettung« alles schief lief und wer die Milliarden der Steuerzahler eingesackt hat.
Politkrimi · Kiepenheuer & Witsch · · 448 S. · ISBN 9783462046670
Sprache: de · Herkunft: de

Werden Sie reich: Retten Sie einen Staat!

Rezension vom 24.07.2018 · noch unbewertet mit 1 Kommentaren

Jahrelang beherrschte die »Rettung Griechenlands« die Schlagzeilen. Hochrangige Politiker aus mehreren Ländern diskutierten erbittert, wie zu verfahren sei, und jonglierten dabei mit Fach­termini, die dem Laien eher ver­schleier­ten als offen­legten, ob nun Milliarden­pakete rein theore­tisch im Haushalt vorge­sehen oder tatsäch­lich in den Süden über­wiesen wurden und wer die Rechnung, ob in echtem oder Buchgeld, bezahlen würde. Viele wundern sich, dass Griechen­land trotz aller »Rettungs­aktionen« heute nicht nennens­wert besser dasteht und viele Hellenen noch immer in ärmlichen Verhält­nissen leben. Milliarden sind geflossen, doch wo sind sie geblieben?

Wolfgang Schorlau könnte man einen investigativen Romancier nennen. Er verbindet kontrovers diskutierte politische Ereignisse und Themen von höchster Brisanz nach sorgfäl­tiger Recherche mit einem fiktiona­len Plot aus dem Krimi­genre. Mit dieser Methode ging er zuletzt den Morden der NSU nach (»Die schüt­zende Hand« [› Rezension]), jetzt hat er sich die Hinter­gründe der »Griechen­land­rettung« vorge­knöpft. Sein Protagonist ist der Privat­detek­tiv Georg Dengler, den wie gewohnt seine IT-affine Partnerin Olga unter­stützt. Dazu engagiert er Petra Wolff, die nicht auf den Mund gefallen, richtig tüchtig und hübsch anzu­schauen ist. Alleine könnte er nämlich nicht stemmen, was ihm von höchster Ebene gegen gute Bezah­lung aufge­tragen wird: Er soll heraus­finden, was es mit der Entfüh­rung von Anna Hartmann auf sich hat, die des Nachts mitten im Berliner Bot­schafts­viertel in einen schwarzen Van gezogen und nie mehr gesehen wurde. Die Sache ist inso­fern heiß, als die Beamtin zum Mitar­beiter-Team der »Troika« gehörte, dem Dreige­stirn der Geld­geber zur »Rettung Griechen­lands« (Zentral­bank, Inter­natio­naler Währungs­fond und Europä­ische Kommis­sion).

Was Dengler und seine Damen im Zuge ihrer Ermitt­lungen heraus­finden, lässt unseren Atem stocken angesichts unglaub­licher Vorgänge, und die Geld­gebirge, um die es geht, lassen uns schwindeln. Sie decken verbor­gene Machen­schaften auf, die keines­wegs der Besse­rung von Griechen­lands objektiv desolater Wirt­schafts­lage diente. Vielmehr hatte sich ein Netz­werk europä­ischer und amerika­nischer Banken, Hedge­fonds und Inves­toren mit Anleihen und Wetten ordent­lich verzockt. Der mil­liarden­schwere »Rettungs­schirm«, vom europä­ischen Steuer­zahler finanziert, wurde über denjeni­gen aufgespannt, die, so impliziert Schorlau, die griechi­sche Schulden­krise letztlich verur­sacht hatten und noch aus jeder Krise Geld heraus­schlagen.

Unweigerlich stellen sich den Lesern dieser Art von Enthüllungs-Krimis Fragen: Geht es dem Autor um politische Aufklärung? Verwässert dann der Krimiplot nicht sein hehres Ziel? Ist ein Unter­haltungs­roman ein geeig­netes Medium, um ein komplexes, abstraktes Wirt­schafts­thema verständ­lich aufzube­reiten? Selbst ein Fachbuch­autor hätte Mühe, Fakten zu verschlun­genen Vorgängen, die je nach Intention der Agieren­den verhüllt, ver­fälscht oder ver­leugnet werden und wo keine Theorie un­wider­sprochen bleibt, zu ermitteln und über­zeugend zu präsen­tieren.

Oder geht es dem Autor um fetzige Unterhaltung? Konter­kariert ein so umfängliches Thema wie inter­natio­nale Wirt­schafts­politik dann nicht die beabsich­tigte Wirkung? Wie viele Elemente des Romans sind »wahr«, wie viele hat er zurecht­geschnitzt oder frei erfunden, um die Handlung spannend zu gestalten oder das Publikum zu schocken?

Wenn es dem Autor tatsächlich gelungen ist, bislang ungekannte Wahr­heiten aufzu­decken, wie konnten sie all den profes­sionel­len Journa­listen und Wissen­schaft­lern verborgen und der Öffent­lich­keit vorent­halten bleiben? (Ver­schwörungs­theorien, dass irgend­welche Eliten sich verab­redet hätten, ein ganzes Volk dumm zu halten, können mich nicht über­zeugen.) Schorlau verweist im Nachwort (»Finden und Erfinden«) auf seine Home­page, wo er für interes­sierte Leser Material und Literatur verlinkt hat.

Kurzum, Schorlau hat eine schwere Kiste an Land gezogen – und sich nach meinem Empfinden ordent­lich daran verhoben. Denn auch die histo­rische Dimension will er ange­messen ausge­stalten. Die deutsche Wehr­macht hat, wie im Zuge der »Griechen­land­rettung« umfäng­lich berichtet wurde, das Land besetzt, ausge­beutet und die Bevölke­rung mitleid­los misshan­delt. Nach dem Krieg hat die Bundes­repub­lik daraus resultie­rende Schuld­zuweisun­gen und Ent­schädigungs­ansprüche in diploma­tischen Verhand­lungen zu den Akten zu legen versucht, doch in der aktuellen Diskus­sion leiteten viele Griechen aus der histori­schen Schuld mehr oder weniger radikale Forde­rungen nach deutschen Finanz­spritzen ab. So bekommt der Politik-/Wirt­schafts-/Ge­schichts-Krimi auch noch eine moralische Dimen­sion, aber die gestaltet Schorlau über­sichtlich: Auf der einen Seite stehen die Deutschen als Nazi-Verbrecher, Komman­deure, Geiz­hälse und Raff­geier, auf der anderen Seite die Griechen, misshan­delt, ausge­saugt, ihrer Chancen beraubt, aber trotz aller Misere gast­freund­lich und tugend­sam wie eh und je. (Mit Recht prangert der Autor an, wie Teile der deutschen Medien­land­schaft »die Griechen« systema­tisch als initiativ­los, faul, korrupt und raffi­niert porträ­tier­ten.)

Wie bringt man nun in so einer dichten Gemengelage auch noch eine adäquate Krimi­hand­lung unter? Dazu konstruiert Schorlau die Familie der entführ­ten Anna Hartmann und pflanzt ihr alle relevan­ten Zutaten ein. Ihr gestrenger Großvater Otto, prin­zipien­treu, national gesinnt, Banker in leitender Position, gründet im Ruhe­stand eine Stiftung, die seine Vision eines geeinten Europas unter deutscher Führung reali­sieren soll. Leider ist sein Sohn renitent. Nicht einmal die Ent­erbung hindert ihn, eine Griechin zu eheli­chen. Erst die Geburt der Enkelin Anna vermag den Alten zu erweichen. Sie wird sein Ziehkind und soll nach seinem Tod die Stiftung führen.

Der Entführungsplot dümpelt über viele Seiten vor sich hin. Recherchen laufen ins Leere, Team­bespre­chun­gen fassen die dürfti­gen Ergeb­nisse zusam­men, Alltags­geschäft und Bezie­hungs­gedöns nehmen breiten Raum ein. Zwischen­durch gibt es ein paar Tote: »Free­lancer«, die im Dunst­kreis der Entführer bzw. ihrer Auftrag­geber davon­wabern bzw. zu Asche kompri­miert und ermitt­lungs­tech­nisch folgen­los entsorgt werden.

Viel aufwühlender ist die erschütternde und beschämende Schreckens­geschich­te auf histo­risch verbürgter Grund­lage, die parallel zur Arbeit des Teams erzählt wird. Im Mittel­punkt steht Otto Hart­manns ost­preußi­scher Kriegs­kame­rad Gero von Mahnke (eine fiktive Figur). Wie all diese Hand­lungs­stränge mit­einander verknüpft sind, erschließen erst die letzten sechzig Seiten. Dann legt das Krimi­geschehen richtig los, und Dengler riskiert sein Leben. Was man an Vor­ahnun­gen gehegt hatte, erweist sich nur als Kaffee­satz, denn der Autor zieht ein über­raschen­des Ass aus dem Ärmel, und das Tatmotiv ist nach all den Höhen­flügen dann doch banal.

Mir war der 450-Seiten-Schmöker zu diffus, als dass er mich über­zeugen konnte. Was Schorlau alles pingelig recher­chiert und aufwän­dig erläutert hat (inklu­sive Ab­bildun­gen, Grafiken, Zitaten und Webseite), ist schlicht­weg beein­druckend und lehr­reich, aber vieles ist aus den kritischen Medien durchaus bekannt. Seine Bot­schaf­ten über den Zustand Europas und der Finanz­welt frustrieren zutiefst und rütteln hoffent­lich die Leser­massen auf (ohne dass sie simplen Parolen auf­sitzen). Aber der Krimiplot klemmt zwischen allen Stühlen, als gehöre er nicht dazu, und faszi­niert nur wenig. Schorlaus Erzähl­stil klingt oft dröge und lehr­buch­haft, was mit der schab­lonen­haften Gestaltung mancher Figuren zu wenig Leben aufkom­men lässt.


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Kommentare

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Zu »Der große Plan« von Wolfgang Schorlau wurden 1 Kommentare verfasst:

Daniel schrieb am 14.10.2018:

Ich kann die Rezension nicht in Gänze teilen. Meines Erachtens legt die Rezension die Latte für Herrn Schorlau zu hoch. Meines Erachtens ist der Anspruch des Herrn Schorlau auf unterhaltsame Weise für Skandal-Themen zu sensibilisieren.

Das ist ihm aus meiner Sicht auch mit diesem Dengler wieder voll und ganz gelungen.

Ich habe das Buch in 2 Tagen verschlungen. Insbesondere nach der vorhergehenden Lektüre des lahmen vierten Stachelmanns von Christian v. Ditfurth war das Buch geradezu eine Offenbarung. Schnell, unterhaltsam und gleichzeitig lehrreich.

Natürlich bleibt das Thema Griechenlandrettung an der Oberfläche. Aber die dargestellten Thesen öffnen einem durchaus die Augen und regen eine Reflexion der eigenen Positionen zur europäischen Integration und dem Kapitalismus im Allgemeinen an.

Der Krimi-Plot insgesamt rundum die Familie Hartmann inklusive der geschichtlichen Hintergründe ist natürlich arg konstruiert - aber sehr gut und unterhaltsam konstruiert. Das genretypisch Informationen zurückgehalten werden und die Auflösung des Falls erst auf den letzten 100 Seiten in's Rollen kommt, mag ich dem Autor nicht vorwerfen.

Mein einziger Kritikpunkt sind die unsäglichen Verfilmungen der Dengler-Romane. (Insbesondere die Verfilmung "Der schützenden Hand" war unerträglich.) Sie haben meine Vorstellung von Dengler und Olga leider nachhaltig verändert. Darüber hinaus hatte ich den Eindruck, dass Herr Schorlau seine Hauptfiguren auch ein wenig an die Fernsehfiguren angepasst hat. Ich kann mich bspw. nicht erinnern, dass Olga von Anfang an eine nerdige Hackerin war. Ich meine mich vielmehr zu erinnern, dass Sie zu Beginn der Reihe eine kleinkriminelle Taschendiebin war.

Aber nichts desto weniger gibt es von mir wieder 5 Sterne und ich freue mich bereits auf das nächste Thema, was Herr Schorlau anpackt.

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