Rezension zu »Exit West« von Mohsin Hamid

Exit West

von


Zwei moderne junge Leute in einem der Krisengebiete dieser Welt verlieben sich ineinander. Als sich die Lage in ihrer Heimatstadt lebensbedrohlich zuspitzt, fliehen sie nach London, wo sie Frieden und Freiheit suchen. Doch dort begegnet den Geflohenen Feindseligkeit, die in einem Gewaltakt gipfelt. Die Liebe geht verloren, aber es bleibt Hoffnung auf ein besseres Leben.
Belletristik · Dumont · · 224 S. · ISBN 9783832198688
Sprache: de · Herkunft: us

Die Liebe auf der Flucht

Rezension vom 01.02.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Ihre Stadt bleibt namenlos. Es ist eine von vielen in den Krisen­herden östlich und südlich Europas, wo militante Gruppen ihre Ideologie durch­setzen wollen, Gewalt und Zerstörung um sich greifen, Ressourcen verknappen. Und doch gehen die Menschen in solch einer »Stadt am Rand des Abgrunds« ihrem Alltag nicht anders nach als wir.

Die junge Nadia beispielsweise führt ein Leben, das nach unseren Maßstäben völlig ›normal‹ scheint. Sie wohnt allein, arbeitet bei einer Versiche­rungsge­sell­schaft, fährt Motorrad, hat einen gleich­gesinn­ten Bekann­tenkreis (»Frei­geister«), den ihre Familie miss­billigt. Um »heikle Situa­tionen zu meiden«, macht sie nach außen hin gewisse Konzes­sionen, wie ein langes schwarzes Gewand zu tragen.

Bei einem Abendkurs über Corporate Identity lernt sie Saeed kennen. Der Mit­arbei­ter einer Werbe­agen­tur lebt noch bei seinen Eltern, aufge­schlos­sene Leute, die die Gebote ihrer Religion respek­tieren wie ihr Sohn. Nadia und er treffen sich in Cafés, halten per Smart­phone Kontakt, aber öffent­lich dürfen sie ihre wach­sende Liebe nicht zeigen. Außer­dem will Saeed bis zur Ehe­schlie­ßung keusch bleiben.

Doch die Lage der Stadt verschlechtert sich. Extremisten unter­jochen ganze Viertel, Willkür herrscht, Bomben explo­dieren, Menschen sterben zwischen den Fronten. Nadia nimmt Saeeds fürsorg­liches Angebot an, ins Haus seiner Eltern einzu­ziehen, wo sie sicherer sei, und wird dort liebevoll als »Tochter« auf­genom­men. Als die Stadt schließlich nahezu vollstän­dig in die Hand radikaler Funda­mentalis­ten übergeht, verlassen immer mehr Menschen ihre Heimat, darunter Saeed und Nadia. Sie bezahlen Vermittler, landen auf Myko­nos, fliehen weiter nach London.

Im Hauptteil seines Romans »Exit West« Mohsin Hamid: »Exit West« bei Amazon (den Monika Köpfer aus dem Engli­schen übersetzt hat) führt Mohsin Hamid eindring­lich vor Augen, wie in der briti­schen Metro­pole zwei Welten aufeinan­der prallen. Die Flücht­linge leben in Auffang­lagern, Zelt­städten und Camps, manche besetzen leer­stehende Häuser. Die Einheimi­schen betrachten diese Zugezo­genen als Bedrohung ihrer Sicher­heit und ihres Wohl­standes. Ängste und Wut wachsen, ein Mob formiert sich. Polizei und Armee können nicht verhindern, dass bei einem Massa­ker Hunderte Ausländer grausam getötet werden. Migranten aus allen mögli­chen Nationen und Kulturen werden schließlich am Rande der Stadt in bewachten Ghettos zusammen­gepfercht. Saeed und Nadia stellen fest, dass ihre Flucht – anders als erwartet – nichts an ihrer grund­sätzli­chen Lebens­lage verbessert habe, verändert hätten sich »lediglich die Gesich­ter und Gebäude«.

Diesen Werdegang erzählt Mohsin Hamid, in Lahore (Pakistan) geborener Autor, auf recht distan­zierte Weise. Dennoch macht sein Roman betroffen. Er führt vor Augen, wie für viele Millio­nen Menschen in aller Welt nacktes Über­leben, Flucht und Exil zum einzi­gen Lebens­inhalt werden, wenn die Menschen­rechte in ihrer Heimat mit Füßen getreten werden, die Menschen selber verrohen und jedes Aufbe­gehren, jede Vernunft nieder­gemet­zelt wird.

Gleichzeitig stellt er am Beispiel der britischen Finanzmetropole die Proble­matik der europäi­schen Reaktion auf den Zustrom der Migranten dar. Sie reicht von der (anfäng­lich gehypten) ›Will­kommens­kultur‹ über Gleich­gültig­keit und Skepsis bis zu blankem Hass auf alles Fremde, der nach Abgren­zung, Mauerbau, Abschie­bung und Gewalt schreit.

Dass das Phänomen der Ressentiments gegen Fremde ein allgemein mensch­liches sei, deutet der Autor durch einige Miniatur-Alltags­szenen aus aller Welt an, die unvermit­telt in den Handlungs­fortgang einge­schoben sind. Ob in Sydney, Wien oder Tokio, überall lösen spontane Begeg­nungen mit Fremden erst einmal Argwohn, Angst oder auch unter­drückte Aggres­sion aus.

In der letzten dieser Einblendungen sinniert eine alte Frau in Palo Alto über die Verände­rungen in der Nach­bar­schaft ihres Eltern­hauses, in dem sie ihr Leben verbracht hat. Lange Zeit kannte sie alle Namen der Gegend, »alte kalifor­nische Familien«, doch seit ein paar Jahren werden die Häuser in immer rasche­rem Wechsel verkauft und gekauft, »so, wie sie Aktien kauften und verkauf­ten«, und neuer­dings ist sie »umgeben von allen möglichen merkwür­digen Menschen, Menschen, die hier mehr zu Hause schienen als sie selbst, sogar die obdach­losen, die kein Englisch konnten, wirkten heimi­scher als sie«, und sie kommt zu einer Erkennt­nis, die die Kern­bot­schaft des Autors an uns Leser sein mag: »Wir sind alle Migran­ten in der Zeit.«

Was aber macht all das mit dem Innenleben derer, die in ihrer desola­ten Heimat alle Zelte abge­brochen haben und nun vom Land ihrer Hoffnung so bitter ent­täuscht werden? Saeed und Nadia, den Identi­fikations­figuren, setzen nicht nur die Gewissens­bisse zu, ihre Verwandten im Stich gelassen zu haben. Sie müssen sich auch neu orien­tieren in der freien Kultur des Westens. Beide folgen dem, was schon früher ihre Wesens­art war. Nadia schließt sich einem Häuser­rat an, um die unerträg­lichen Bedin­gungen im Camp zu verbessern. Saeed sucht Halt in der Religion, im Gebet, bei einem Prediger. Ihre Liebe finden sie nicht mehr. Was begann wie die einfühl­sam erzählte Geschichte einer sanften Liebes­bezie­hung, hinter­fragt und wohl gehütet, verläuft sich am Ende im Flüchtlings­elend.

Der teils sperrige Sprachstil des Autors widersetzt sich jeder Emotio­nalisie­rung. Die Syntax spiegelt die vielfäl­tigen Unsicher­heiten von Saeeds und Nadias Existenz. Eindrücke und Überlegungen, deren Alterna­tiven, Zurück­weisung und Wider­legung fließen in einem einzigen wider­sprüch­lichen Satzge­bilde zusam­men: »Er rollte furcht­erre­gend die Augen. Ja: furcht­erre­gend. Oder vielleicht auch nicht furcht­erre­gend. Vielleicht blickte er sich einfach nur um …« – »Er war bereit zu sterben, auch wenn er nicht vorhatte zu sterben, er hatte vor am Leben zu bleiben, und er hatte vor Großes zu tun, solange er lebte.« Voraus­verweise auf eine unabwend­bare Zukunft durch­löchern die Gegen­wart: »Bald sollte der Krieg die Fassade ihres Gebäudes gänzlich zerstören, so als hätte er am Rad der Zeit gedreht; die Kampf­handlun­gen eines einzigen Tages würden mehr Tribut fordern als ein ganzes Jahr­zehnt.«

Befremdlich auch die minimalisierte Gestaltung des Fluchtwegs – inhaltlich eine Leer­stelle, denn wir lesen nichts von ausbeute­rischen Schleppern, rost­zerfres­senen Seelen­verkäu­fern, nächt­lichen Märschen und was wir derglei­chen aus den Medien kennen. Der Autor reduziert den »Exit«, subli­miert ihn zum Symbol von Türen: »In diesen Tagen hieß es, das Durch­schrei­ten einer dieser Türen sei wie Sterben und Geboren­werden zugleich.« Konkret meint das das Passie­ren der Räume, wo die zur Flucht Ent­schlos­senen versammelt, geprüft und weiterge­leitet werden, doch beschrieben ist es als eine Art Beamen, die magische Überfahrt in eine andere Welt (»West«), zu Orten wie Mykonos oder London.

Damit gibt die Form dem Roman einen artifiziellen, abstrakten Charakter, der die erzähl­ten Ereig­nisse und Schick­sale intellek­tuell verarbei­ten lässt, ohne dass sie unter die Haut gehen. So ist wohl auch der Optimis­mus zu verstehen, den Mohsin Hamid im letzten Drittel aufkeimen lässt. Coura­gierte Menschen sehen keinen Sinn mehr im Kampf gegen die andere Seite, und man findet einen gemein­samen Weg der Koexis­tenz. Vernunft und Mensch­lich­keit gewinnen wieder die Ober­hand – in London. Der Rest ist Hoff­nung.


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