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Rezension zu »Ein Monat auf dem Land« von J. L. Carr

Ein Monat auf dem Land

von


Belletristik · Dumont · · Gebunden · 158 S. · ISBN 9783832198350
Sprache: de · Herkunft: gb

Alles wird gut

Rezension vom 25.09.2016 · 34 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Wer an diesem Sommertag 1920 aus dem Zugabteil oder aus dem Stations­vorsteher­haus von Oxgodby, Yorkshire, zuschaut, wie Tom Birkin seine Sieben­sachen aus dem Waggon auf den Bahnsteig hievt, wird es sich gleich denken: Einer dieser verhärmten, mittel­losen und trauma­tisierten Kriegs­heim­kehrer. Der Mantel zu groß und geflickt, die linke Gesichts­hälfte ständig von einem furcht­erregen­den Zucken verzerrt. Was niemand sieht: Überdies ist ihm vor Kurzem seine Ehefrau wegge­laufen.

Doch der Fünfundzwanzigjährige ist voller Tatendrang aus London angereist. Endlich hat er einen Auftrag ergattert – seine erste eigen­ständige Arbeit als Restau­rator, seit er vor dem Krieg das London College of Arts besuchte. Freilich hat das Gemälde, dem er seine Kunst­fertig­keit widmen soll, seit Jahr­hunder­ten nie­mand mehr gesehen, wenn es denn über­haupt existiert. Man mutmaßt lediglich, dass etwas Derartiges unter dem Putz der Chorwand des Dorf­kirchleins verborgen sei.

Toms Ansprechpartner, Reverend Arthur Keach, ist nur wenige Jahre älter und eine sehr irdische Krämer­seele. Zügig und keines­falls teurer als ausge­macht soll Tom die Malerei irgend­wie ans Licht bringen. Es handle sich wohl nur um die fixe Idee einer kürzlich verstor­benen Dame. Nachdem Miss Adelaide Hebron selbst schon an der Wand herum­gekratzt und ein, zwei Köpfe gefunden habe, habe sie die Frei­legung des Kunst­werks in ihrem Letzten Willen verfügt, und erst wenn alle ihre Vorgaben erfüllt sind, wird ihr Ver­mächt­nis einer groß­zügigen Kirchen­stiftung ausbezahlt. Die ist dem Ortsgeistlichen wichtig, das Wandbild gleichgültig. Tom könne nach Belieben ausbessern, übermalen, ergänzen, so lange er mit dem verein­barten Lohn von ein paar Guineen hinkomme.

Das ist nicht einfach, aber für einen, der wie Tom schwere Jahre hinter sich hat, nicht unmöglich. Er braucht nicht mehr als Brot, etwas Käse und am Wochen­ende ein Ale, und da er sich ein anstän­diges Privat­zimmer nicht leisten kann, quartiert er sich in der Glocken­turm­kammer über seinem Arbeits­platz ein. Was wiederum das Missfallen des Reverend erregt, dessen anderer Wesens­zug eine ewig skeptische, sauer­töpfische Miese­petrig­keit ist. Tom – hoffent­lich Kirch­gänger? – sei sich ja wohl bewusst, dass er an einem geweihten Ort wirke. Ärgerlich genug, dass die Andacht der Gläubigen jetzt durch die Arbeiten, das Bau­gerüst und womög­lich den freige­legten Wand­schmuck abge­lenkt werde.

Tom – schon lange kein Kirchgänger mehr – nimmt's leicht, genießt seine kleinen Frei­heiten und macht sich voller Enthu­sias­mus ans Werk. Schon nach wenigen Tagen erkennt er, dass an der großen Fläche zwischen dem Chor­bogen und dem Dachfirst unter unzäh­ligen Putz- und Ruß­schichten, aber gut erhalten eine hoch­wertige Darstel­lung des »Jüngsten Gerichts« auf ihn wartet. In zahl­reichen fach­kundigen Details voll­ziehen wir nach, wie sich Tom seinem namen­losen mittel­alter­lichen Kollegen, seiner Denkweise, seinen Techniken und sogar als Mensch annähert.

Verbergen und aufdecken, sich entfernen und annähern, zweifeln und vertrauen – dies sind die gegen­läufi­gen Kräfte, die die Handlung dieser zarten Geschichte sanft voran­treiben. Das Dorf Oxgodby, seine Be­wohner, deren Menta­lität und Gewohn­heiten sind der andere Schatz, den Tom Birkin hebt. Es sind einfa­che Landleute, deren natürliche Zurück­haltung (und breiter Dialekt) sie anfangs abweisend wirken lassen. Ein paar Vorboten – die vierzehn­jährige Kathy Ellerbeck, klug und ein wenig naseweis, ihre tüchtigen Eltern, der kauzige Archäologe Moon, der in einem Zelt über einer Art Mini­schützen­graben wohnt und nach den Knochen eines unseligen Hebron-Vor­fahren sucht – öffnen dem aufge­schlosse­nen, unpräten­tiö­sen Tom den Zugang zu einer gast­freund­lichen, arglosen Gemein­schaft, den Reverend Keach noch nicht gefunden hat.

Eine besondere Rolle spielt Alice, eine rehäugige Botti­celli-Schönheit. Ihr changie­rendes Wesen von mal frappie­render Unbe­kümmert­heit, mal scheuer Zurück­haltung fasziniert Tom ebenso wie ihre Wohl­gestalt. Mehr als einen bloß erträumten Kuss von ihr darf er sich bei aller gegen­seitigen Sympathie nicht erhoffen, denn sie ist verheiratet. Wie und warum ausge­rech­net mit Reverend Keach, das ist Stoff für allerlei Speku­lationen zwischen Tom und seinem baldigen Vertrauten Moon.

Dass es eine jenseitige Hölle gibt, führt der mittel­alter­liche Meister seinem modernen Hilfs­arbeiter (denn nur als solcher versteht sich Tom demütig) mit der Emble­matik seiner Zeit drastisch vor Augen. Dass es auch dies­seitige Höllen gibt, haben Tom, Moon und andere selbst durchlebt. Von den grau­samen Kriegs­er­fah­rungen in Flandern, denen die beiden durch glück­liche Fügung entkamen, lesen wir nur skizzen­hafte Stich­wörter; die Folgen, die die Männer alltäg­lich quälen, sprechen eine hinrei­chend deutliche Sprache.

Lebensfreude, Wissbegier, Zufriedenheit in einem schlichten, aber ausge­füllten Leben mit der Natur, un­ver­stellte Offen­heit und eine Art kollegial-tolerantes, fried­liches Mitein­ander erlebt Tom als bislang unbe­kannte beglückende Erfah­rungen. Sie verdrängen kaum merklich alte Ängste und Skepsis. Am Ende dieses Sommers ist Toms Gesichts­zucken verschwunden.

Es ist eine zarte Geschichte, die dieses kleine Büchlein – eher eine leichte Novelle als ein Roman­univer­sum – erzählt. »A Month in the Country« J. L. Carr: »A Month in the Country« bei Amazon ist in Groß­britan­nien ein moderner Klassiker. Er erschien bereits1980, erhielt den Guardian First Book Award, wurde für den Booker Prize nominiert und 1987 mit Colin Firth und Kenneth Branagh verfilmt. Sein Autor, J.L. Carr, starb 1994 mit 82 Jahren. Jetzt bringt DuMont die erste deutsche Über­setzung auf den Markt, sehr stil­sicher und sensibel ange­fertigt von Monika Köpfer.

Von dem einzigartigen, strahlenden Sommer, den er, »beseelt vom Gefühl unend­licher Zufrie­denheit«, als »eine glück­liche, geseg­nete Zeit« erlebte, erzählt Tom Birkin fast sechzig Jahre später in einer Rückschau voller Wehmut. Wir können seine Glücks­empfin­dungen nach­voll­ziehen, wie »der Mann, der in der Kirche wohnt«, in der Dorf­gemein­schaft freundlich aufge­nom­men wird. Sonntags laden ihn die Ellerbecks regel­mäßig zum Mittags­mahl, in respekt­voller Anerken­nung seiner Kom­petenzen drängt man ihn – gelegent­lich mit einer Portion Boshaf­tigkeit – in ihm teilweise wesens­fremde Vertrauens­positionen: Laien­prediger, Schieds­richter beim Cricket­spiel, Har­monium­käufer. Ganz von selbst macht er sich an seinem freien Tag auf dem Feld nützlich, darf später beim Ernte­dank­ausflug mitfahren.

Wie im Brennglas leuchtet in dem kurzen Sommer 1920 eine längst vergangene Epoche auf – das Ende des Pferde­zeit­alters, mit Dampflok, Kutsch­wagen und »Gabel­imbiss«. Eine unzeit­gemäße Suche nach einer verlore­nen Idylle? Rück­wärts­gewandte Sehn­sucht nach einer heile­ren Welt? Naja, eine Portion Eskapis­mus darf man bei dieser Lektüre schon ausleben. Aber der Kitsch-Verdacht zieht nicht. Der Autor blendet die harte Realität der Zeit – Armut, Krank­heit, Kriegs­leiden – keines­wegs aus, stellt sie aber nicht zur Schau. Und die klein­bürger­liche Enge der Dorf­gesell­schaft kritisiert er in bester britischer Tradition statt durch Drastik lieber durch einen feinen, süffi­santen Erzähl­ton voller be­schwing­ter Ironie. Tatsäch­lich erinnert sein Stil an Altmeister Thomas Hardy (der zwei Mal nament­lich erwähnt wird), und viele Szenen lassen dessen Stim­mungen anklingen: die Ernte­arbeit, das Fest mit Picknick im Grünen, erste Maschinen; ständig trinkt man Tee, bringt einander frische Eier, Speck und Beeren­küchlein; dazu wunder­volle Be­schreibungen lieb­licher Land­schaften mit blühenden Wiesen, Wäldern, Wegen.

Während die wuchtigsten von Thomas Hardys Roman­hand­lun­gen auf der Folie schein­barer länd­licher Idylle gewaltige mora­lische Konflikte auf­bauen und ihre Prota­gonisten auf ver­schlunge­nen Wegen in die Hölle stürzen, befreit diese Geschichte der feinen Spannungs­bögen und subtilen Motiv­geflechte ihren Ich-Erzäh­ler aus den Fängen seiner Ver­gangen­heit und offen­bart ihm, dass er auf Erlösung hoffen darf. Doch die Perspek­tive der melan­choli­schen Rück­schau aus großer Distanz lässt befürch­ten, dass Glück und Hoff­nung den erzählten Sommer nicht unbe­schadet über­dauern konnten. J.L. Carr hat ein virtuoses kleines Meister­werk geschaffen, das die Mittel der viktoria­nischen Ära transpo­niert, in eine neue Zeit mit neuen Arten von Himmeln und Höllen.


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