Rezension zu »Trophäe« von Gaea Schoeters

Trophäe

von


Ein ambitionierter amerikanischer Großwildjäger steht vor der Krönung seiner Karriere, dem Abschuss eines seltenen Nashorns. Doch ihn erwartet noch Größeres.
Gesellschaftsroman · Zsolnay · · 256 S. · ISBN 9783552073883
Sprache: de · Herkunft: nl

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Lizenz zum Töten

Rezension vom 02.05.2024 · 3 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

John Hunter White heißt der Protagonist dieses umwerfenden Romans aus den Niederlanden, und der Name ist Programm. Sein Vorname ist so allgemein ver­breitet, dass er keinem seiner Träger Kontur verleiht – er ist im Grunde ein Jedermann. Über seine Biografie oder sein Wesen erfahren wir so gut wie nichts. »Hunter« aber verkündet eine Passion: das Jagen. Und »White« ist das Etikett, das ihn dem Men­schen­typ zuordnet, dem heutzu­tage so viel Böses ange­lastet wird. Also nicht er als Indivi­duum, aber pauschal sollen ja schon alle seiner Art Mitver­antwor­tung dafür über­nehmen, was »der weiße Mann« über die Jahr­hun­derte so alles verbro­chen hat. Interes­santer­weise gründet dieses Urteil auf der Hautfarbe des Beschul­digten, was bislang als eine der verwerf­lichs­ten Formen von »Rassis­mus« galt, im »anti­rassis­tischen« Diskurs aber neuer­dings gegen­über Weißen legiti­miert ist. Doch ich schweife ab, verzeihen Sie.

Jedenfalls ist John Hunter White, ein Ameri­kaner, unterwegs dorthin, wo das Jagen für einen wie ihn noch unge­trübtes Abenteuer ver­spricht: Afrika. In einem nicht näher bezeich­neten Natur­reser­vat erwartet ihn der Jagd­leiter van Heeren, ein Freund seit zwei Jahr­zehn­ten. Gemeinsam wollen sie Hunters Karriere mit einem un­glaub­lich exklu­siven Beute­tier krönen. Dessen Abschuss ver­voll­stän­digt die sagen­hafte Serie der »Big Five«, die Süd­afrika noch heute auf seinen Bank­noten verherr­licht. Nach Kaffern­büffel, Elefant, Löwe und Leopard muss nun noch ein Spitz­maul­nas­horn vor die Flinte. Da dieses Tier nahezu ausge­stor­ben ist und unter Natur­schutz steht, musste van Heeren dem erfah­renen Hunter eine Lizenz zum außer­gewöhn­lichen Töten beschaf­fen, die nur auf ver­schlunge­nen Wegen und gegen außer­gewöhn­lich viel Geld erteilt wird. (Mit den Ein­nahmen daraus finan­ziert das Land seine Natur­reser­vate und Maß­nah­men zum Schutz seltener Tiere.) Zur blei­benden Erinne­rung an den denk­würdi­gen Schuss wird Hunter die Trophäe seiner Frau als De­votio­nalie dar­bringen – ein uraltes Sinn­bild wahrer Männ­lich­keit, selbst wenn es am Ende als Bett­vor­leger dient.

Was bedeutet einem Großwild­jäger solchen Kalibers Afrika, was die Jagd? Für Hunter ist sie eine Form des Kräfte­messens. Seine Beute muss ein gefähr­liches und ihm eben­bürtiges Wesen sein. Auge in Auge stehen Mensch und Tier einander gegenüber, das Tier bedroht den Menschen ebenso wie er es im tödlichen Visier hat. Wenn Hunter zielt, abwägt, schließ­lich schießt und seinen Gegner erledigt hat, ist sein »En­dorphin­schub« zer­platzt. Während andere gern mit der erlegten Beute posieren, ist deren Tod für Hunter kein Grund zu trium­phieren – er ist im Gegenteil eine »bedauer­liche, aber unver­meid­liche Begleit­erschei­nung seines Sieges«. Der Konti­nent, auf dem dieses Duell zele­briert wird, interes­siert Hunter ebenso­wenig wie die Lebens­um­stände seiner Bewohner. Afrika ist für ihn »ein großes Natur­reservat, von Gott geschaf­fen, um ihm Freude zu bereiten; […] sein Ver­gnü­gungs­park, sein Jagd­gebiet. Mehr nicht.«

Überdies liegt Hunter die Großwild­jagd förmlich im Blut. Schon sein Großvater war mit berühmten anderen Jägern immer mal wieder in Afrika, um das Hobby auszu­leben. Als besondere Ehrer­bietung für einen phäno­menalen Berufs­jäger gab er seinem Enkel dessen Namen. Als Lehr­meister auf gemein­samen Safari­touren, als Erzähler auf­regen­der Abenteuer prägte er seinen Enkel als Vorbild und hinter­ließ ihm seine schwere alte Doppel­lauf­büchse, die Hunter jedem modernen Modell vorzieht. Auch der Vater ging auf Jagd, verstarb aber in jungen Jahren nach einem un­glück­lichen Unfall während einer Bären­jagd.

Schnell nimmt die Jagd Fahrt auf. Einhei­mische Fährten­leser bringen die Jäger in den Busch, wo man das Tier bald zu Gesicht bekommt. Es ist ein alter Bulle, von seiner Herde ausge­stoßen, »genetisch aus­rangiert« und für den Bestand seiner gefähr­deten Art sogar eine Bedrohung. Kein Grund also für Ge­wissens­bisse, John Hunter White! Leider erwartet ihn eine böse Über­raschung. Wilderer kommen ihm zuvor und zermet­zeln seine kostbare Trophäe zu einem »wertlosen Fleisch­berg«. Seine Wut bricht in einem tieri­schen »Urschrei« aus ihm heraus, er sinkt als Versager in sich zusammen.

Doch van Heeren, der Jagd­reisen organi­siert und die Illusion eines authen­tischen Afrikas zu verkaufen weiß, eines freien, unbe­schwerten Lebens auf einem wilden, unbe­rührten Kontinent, vermag den bitter Ent­täusch­ten aus seiner depres­siven Stimmung wieder ins Licht zu holen. Die Dimen­sionen seines »ver­locken­den« Vor­schlags – »Schon mal von Big Six gehört?« – schlei­chen sich ihm (wie auch uns Lesern) erst langsam ins Bewusst­sein, zerbrö­seln dann aber förmlich sein (und unser) stabil ge­glaub­tes Fundament abend­ländi­scher Ethik unter den Füßen. Wer oder was könnte Big Five über­trump­fen, wenn nicht die Krone der Schöpfung, das höchst­ent­wickel­te Lebewesen, das anerkannt gefähr­lichste Raubtier der Welt, somit der ultima­tive, wahrhaft gleich­ran­gige Gegner für einen Groß­wild­jäger? Auch Hunter gerät ins Grübeln, als er beob­achtet, wie geschickt und wehrhaft die jungen Ein­heimi­schen ihrer Beute nach­stellen. Aber steht der Wert einer Big-Six-Trophäe in akzep­tabler Relation zu dem eines Büffels oder Leoparden? Wenn das Spitz­maul­nas­horn unter welt­weitem Schutz steht, hat ein farbiger Afrikaner keinen Schutz verdient?

Während Hunter zunächst »vor sich selbst und seinem Verlangen« kopflos wegrennt, haben wir Gelegen­heit, uns mit den grenz­wertigen Implika­tionen aus­ein­ander­zu­setzen, vor die uns Gaea Schoeters’ hammer­harter Aus­nahme­krimi stellt. Indem Menschen Tiere jagen und Tiere Menschen, indem die Menschen einander bekämpfen wie Raub- und Herden­tiere, indem die Handlung immer neue Haken schlägt, immer neue Ab­gründe eröff­net, geraten mora­lische Brand­mauern ins Wanken, werden wir mit neuen Heraus­forde­rungen des Denkens kon­fron­tiert.

Die Autorin ent­wickelt all dies nicht reiße­risch, ober­fläch­lich oder plakativ, wenn­gleich klischee­hafte Muster nicht aus­bleiben.

So spielt natürlich die koloniale Geschichte Afrikas eine wichtige Rolle im Plot. Die Aus­beutung der Roh­stoffe, der Natur, der Menschen des Konti­nents, deren respekt­lose Vertrei­bung aus ange­stamm­ten Sied­lungs­ge­bieten, ihre Ver­skla­vung und Ver­schlep­pung über Ozeane hinweg sowohl durch euro­päische als auch andere Mächte (ein­schließ­lich afrika­nischer Stämme) ist gut erforscht und doku­men­tiert, und einige westliche Staaten arbeiten an Mög­lich­keiten der Kom­pen­sation, soweit so etwas nach tausend­fachem Tod und dem Verlust von Rechten, Kultur und Würde überhaupt möglich ist. Im Rahmen der Unab­hängig­keits­bewe­gungen wurden den Afrika­nern seit den Fünf­ziger­jahren eigene Staaten zuge­standen, doch gerieten viele nur in neue Ab­hängig­keiten, von strengen Vorgaben inter­natio­naler Geld­geber und Ent­wick­lungs­hilfe­insti­tutio­nen, vom Wohl­wollen eigener korrupter Regie­rungen und Clans. Einfluss­reiche Aus­länder aus Europa, Amerika und Asien waren nie ver­schwun­den und kochten ihre mehr oder minder eigen­nützigen Süppchen, ob es um Missio­nierung, Ideo­logien, Kunst­gegen­stände, Waffen, Elfen­bein, Stell­ver­treter­kriege ging – oder neuer­dings um Boden­schätze, die andere unbe­dingt aus­beuten wollen, um bei sich zu Hause Umwelt und Klima zu retten. Auf diesem globalen Spielfeld haben Afri­kaner – schon gar nicht die ein­fachen Bürger – kaum Mittel und Wege, ihren eigenen Lebens­stan­dard zu sichern, ge­schweige denn nach­haltig zu verbes­sern, und es ver­wundert nicht, dass nicht wenige bereit sind, sich auf frag­würdige Deals einzu­lassen. In der Fiktion des Romans ist es van Heeren, der so geschickt wie skrupel­los Kon­ditio­nen ausheckt, die allen Seiten das ver­schaf­fen, was sie benöti­gen oder wünschen, und die moderne Kate­gorien mit uralten Atavis­men ver­knüpfen. Moral spielt dabei keine Rolle.

In der breiten Differenzierung ihrer Argumen­tation und der höchst drama­tischen Zu­spit­zung ihrer Handlung findet die Autorin immer noch genug Raum für Pinsel­striche zarter Ironie. Der schwer­reiche Ameri­kaner, der gerne »Hunter« genannt werden will, ist ein durchaus viel­schich­tiger Charakter. Zweifel­los erscheint er zunächst skrupel­los, hat aber einen guten Instinkt fürs Ge­schäft­liche. Er verdient sein Geld, indem er gierigen Inves­toren »finan­zielle Fata Morganas« empfiehlt. Anderer­seits kauft er schon seit Länge­rem im großen Stil »unbe­rührte Natur­gebiete« auf, um sie dem Markt zu entziehen, lange bevor Super­reiche und Super­mächte in Zeiten des Klima­wandels große Land­flächen als wert­volles Zukunfts­invest­ment für sich ent­deckten. Eine Art Seelen­ver­wandt­schaft verbindet Hunter mit seiner (namen­los blei­benden) Gemah­lin, charak­teri­siert als Raubtier von anzie­hender Schön­heit, »dessen träge Eleganz inner­halb eines Augen­auf­schlags in tödliche Effizienz umschlägt«. Sie handelt mit moderner Kunst und Antiqui­täten, die Hunter nicht einmal ansatz­weise interes­sieren, außer dass auch deren Wert – ähnlich dem seiner Immo­bilien – »ganz und gar von der Glaub­würdig­keit des Anbieters abhängt, von der wirk­lichen oder erfun­denen Selten­heit«.

Gaea Schoeters (geboren 1976) ist mit »Trofee« (so der Original­titel) ein großer Wurf gelungen, der zu Recht inter­national Aufsehen erregt und viele Preise einge­heimst hat. Mit ihrem packenden Erzähl­stil evoziert sie Sinnes­ein­drücke von großer Inten­sität, so dass wir den Rausch einer afrika­nischen Groß­wild­jagd mit allen Ein­blicken, Ge­räu­schen, Ge­rüchen und Ge­fahren sinn­lich miter­leben, selbst wenn wir bisher keiner­lei Bezug zu diesem Thema hatten. Als Folge der Erzähl­per­spek­tive werden die Vorgänge zwar mit einem gewissen Ver­ständ­nis für tradi­tionell west­liche Sicht­weisen prä­sentiert, doch ver­wickelt uns die fesselnde Handlung darüber hinaus un­wider­steh­lich in einen Komplex ethischer, kultu­reller Dilem­mata, aus denen es keinen einfachen Ausweg geben kann. In der groß­artigen Über­setzung von Lisa Mensing entführt uns dieses Buch mitten hinein in ein weiteres »Herz der Fins­ternis« in einem Afrika, wo alles und nichts möglich scheint.

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblingsbücher im Frühjahr 2024 aufgenommen.


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