Rauhnächte
von Ellen Sandberg
Atmosphärischer Thriller in schöner, harter Winterlandschaft und geheimnisvoller Dorfdynamik, mit einem Finale, das überrascht. Unter der Kulisse zeigen sich jedoch Schwächen: flache, unrealistische Figuren, unzeitgemäße Dialoge, nervende Wiederholungen; die Rauhnachts-Mystik dekoriert mehr, als sie vertieft.
Winterreise zu frostharten Wurzeln
»Rauhnächte« bietet vieles aus dem Programm, das wir uns von einer Winterlektüre zwischen den Jahren versprechen: Kälte und Dunkelheit, Nebel, Schnee, Eis und Feuer; dazu grauslich maskierte Schreckgestalten, Dorfgerüchte und eine Sagenwelt, die wie ein zweiter Schatten neben der Gegenwart herläuft. Spannung und Atmosphäre sind tatsächlich vorhanden – nur lohnt es sich, nach dem ersten Reiz dieser bewährten Romanzutaten genauer hinzusehen.
Auslöser für die Handlung ist ein doppelter Bruch im Familienbild der 22-jährigen Pia Winter. An Heiligabend belauscht sie ein Streitgespräch der Eltern, erfährt von der Affäre des Vaters – und stößt kurz darauf auf die eigentliche Zumutung: Sie ist adoptiert, die vermeintliche Mutter ist in Wahrheit ihre Tante, der leibliche Vater bleibt ungenannt. In den zwölf sogenannten »Rauhnächten« (25. Dezember bis 5. Januar) reist Pia aus München nach Wasserburg am Inn und in ein nahegelegenes Dorf, in dem ihre familiären Wurzeln liegen. Dort, so heißt es, habe sie als Vierjährige einen Brand überlebt. Um ihre Herkunft zu klären, muss sie sich nicht nur einer verdrängten Kindheitserinnerung stellen, sondern auch einer Abwehr, die im kalten Dorfton spricht und zugleich deutlich macht, dass hier etwas verschwiegen wird.
Der Roman ist streng entlang der zwölf Rauhnächte gebaut, und dieses Gerüst funktioniert erst einmal gut. Jede Nacht markiert eine Etappe, die Gegenwart wird durch Erinnerungsfetzen und Rückblenden unterwandert, bis sich das Puzzle – samt Täterfrage – zu schließen beginnt. Kapitelenden sind so gesetzt, dass man weiterliest; wer die Lektüre tatsächlich auf diese zwölf Nächte verteilt, bekommt fast automatisch einen Rhythmus aus Ritual und Cliffhanger. Im letzten Drittel zieht das Tempo deutlich an, die Auflösung ist vorbereitet und besitzt eine Härte, die nach dem Zuklappen noch im Kopf bleibt. Als Spannungsroman erfüllt »Rauhnächte« damit sein Versprechen.
Gerade hier zeigt sich jedoch auch die Schieflage des Buches. Die mystischen Elemente wirken oft wie Dekor: Sie setzen Stimmung, geben dem Dorf sein Raunen und liefern die passende Kulisse, sie vertiefen aber nicht immer das, was psychologisch eigentlich interessant wäre. Bräuche, Sagenmotive und ständiges Andeuten (»da stimmt etwas nicht«) ersetzen gelegentlich Plausibilität. Mehr als einmal sind Gefahrensituationen so angelegt, dass man weniger denkt: »Natürlich passiert das so«, sondern eher: »Jetzt braucht es halt die nächste Zuspitzung.« Die Rauhnächte sind dann vor allem Zeitrahmen und Atmosphäre – wirkungsvoll, aber nicht durchgehend als innerer Motor.
Damit hängt ein zweiter Schwachpunkt zusammen, der sich mit dem Ursprung als Jugendroman erklären lässt. Im Nachwort heißt es, die Geschichte habe für die neue, an Erwachsene gerichtete Fassung »mehr Tiefe, mehr Dunkelheit und mehr Reife« verlangt. Ein Teil davon ist eingelöst, vor allem im Finale und in den härteren Konsequenzen. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass hier an einigen Stellen ein altes Fundament durchscheint. Pia wirkt in ihren Reaktionen nicht selten jünger, als sie sein müsste, zugleich aber auch seltsam unzeitgemäß. Pias Mutter, als gealterte Hippy-Gestalt gezeichnet, ist eine lebende Klischeesammlung und nicht so richtig aus unserer Welt. Manche Dialoge klingen nicht nach Gegenwart, sondern nach einer vagen Vorstellung davon. Hinzu kommen Wiederholungen – Träume, Erinnerungsbilder, innere Beschwörungen –, die Seiten füllen, ohne wirklich neue Erkenntnis zu liefern.
Auch stilistisch schwankt der Roman. Vieles ist solide und schlicht erzählt, und genau dann ist man gern dabei. Zwischendurch greift der Text jedoch zu Bildern, die bedeutungsschwer daherkommen wollen, aber nicht aus der Szene heraus erwachsen und dadurch aufgesetzt, künstlich wirken. Man hält dann kurz inne und fragt sich, ob hier wirklich ein Gefühl beschrieben wird oder nur ein Effekt erhascht werden soll. Wenn dann noch Dialoge hölzern geraten, erscheinen Figuren und Konflikte bisweilen stereotyp statt lebendig und originell.
Und doch ist »Rauhnächte« nicht nur Hülle. Zwei Dinge gelingen besonders. Erstens: Die Autorin schildert die verschneite bayerische Winterlandschaft anschaulich – eisig und lieblich zugleich – und setzt die ländliche Enge als Gegenwelt zu München überzeugend ein. Wälder, Höfe, Inn-Auen, das halbleere Städtchen zwischen Feiertagen und Frost: Das ist greifbar und macht Bedrohung eher alltagsnah als spektakulär. Zweitens: Das Dorf als sozialer Speicher ist gut getroffen – als Ort, in dem Geschichten herumgereicht, zugespitzt und vererbt werden, bis selbst ein Brand zur Erzählung gerinnt, die Schuld verteilt und Abweichung ahndet. In solchen Passagen ist der Roman am stärksten: weniger Nebelmaschine, mehr nüchterne Beobachtung.
Ein kluger Zug ist außerdem, dass die zugrunde liegende Erzählung (»Fuxerl«), die die Autorin inspiriert hat, im Anhang abgedruckt ist. Das macht Motive durchsichtig, ohne sie zu entzaubern, und hilft, Querverbindungen zu verstehen. Das kleine Fuchs-Motiv auf der letzten Seite passt dazu: eine freundliche Signatur nach einer langen Strecke Dunkelheit.
So bleibt ein Buch, das man mit zwei Blicken lesen kann. Der erste folgt der winterlichen Spannung: zügig, atmosphärisch, mit einem Finale, das überrascht. Der zweite bleibt an den Nähten hängen: an Figuren, die zu wenig Tiefe bekommen, an nervenden Wiederholungen, an Entscheidungen, die konstruiert wirken, und an einer Mystik, die mehr verspricht, als sie einlöst. Wer über diese Einwände hinwegsehen kann, findet eine passende Zwischen-den-Jahren-Lektüre. Wer mehr psychologische Genauigkeit und weniger Kulissenzauber erwartet, wird sich öfter dabei ertappen, innerlich die Augenbraue zu heben. In der Bilanz: solide Unterhaltung mit spürbaren Schwächen.
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