Rezension zu »Rauhnächte« von Ellen Sandberg

Rauhnächte

von


Atmosphärischer Thriller in schöner, harter Winterlandschaft und geheimnisvoller Dorfdynamik, mit einem Finale, das überrascht. Unter der Kulisse zeigen sich jedoch Schwächen: flache, unrealistische Figuren, unzeitgemäße Dialoge, nervende Wiederholungen; die Rauhnachts-Mystik dekoriert mehr, als sie vertieft.
Belletristik · Penguin · · 352 S. · ISBN 9783328604372
Sprache: de · Herkunft: de

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Winterreise zu frostharten Wurzeln

Rezension vom 13.02.2026 · noch unbewertet · noch unkommentiert

»Rauhnächte« bietet vieles aus dem Programm, das wir uns von einer Winter­lek­türe zwischen den Jahren ver­sprechen: Kälte und Dunkel­heit, Nebel, Schnee, Eis und Feuer; dazu grauslich maskierte Schreck­gestalten, Dorf­gerüchte und eine Sagenwelt, die wie ein zweiter Schatten neben der Gegen­wart herläuft. Spannung und Atmos­phäre sind tat­säch­lich vorhanden – nur lohnt es sich, nach dem ersten Reiz dieser be­währ­ten Roman­zutaten genauer hinzu­sehen.

Auslöser für die Handlung ist ein doppelter Bruch im Familien­bild der 22-jähri­gen Pia Winter. An Heilig­abend belauscht sie ein Streit­gespräch der Eltern, erfährt von der Affäre des Vaters – und stößt kurz darauf auf die eigent­liche Zumu­tung: Sie ist adop­tiert, die ver­meint­liche Mutter ist in Wahr­heit ihre Tante, der lei­bliche Vater bleibt unge­nannt. In den zwölf soge­nann­ten »Rauh­nächten« (25. Dezem­ber bis 5. Januar) reist Pia aus München nach Wasser­burg am Inn und in ein nahe­gele­genes Dorf, in dem ihre fami­liären Wurzeln liegen. Dort, so heißt es, habe sie als Vier­jährige einen Brand überlebt. Um ihre Herkunft zu klären, muss sie sich nicht nur einer ver­dräng­ten Kind­heits­erinne­rung stellen, sondern auch einer Abwehr, die im kalten Dorfton spricht und zugleich deutlich macht, dass hier etwas ver­schwiegen wird.

Der Roman ist streng entlang der zwölf Rauh­nächte gebaut, und dieses Gerüst funk­tioniert erst einmal gut. Jede Nacht markiert eine Etappe, die Gegen­wart wird durch Erinne­rungs­fetzen und Rück­blenden unter­wandert, bis sich das Puzzle – samt Täter­frage – zu schließen beginnt. Kapitel­enden sind so gesetzt, dass man weiter­liest; wer die Lektüre tat­säch­lich auf diese zwölf Nächte verteilt, bekommt fast auto­matisch einen Rhythmus aus Ritual und Cliff­hanger. Im letzten Drittel zieht das Tempo deutlich an, die Auf­lösung ist vor­bereitet und besitzt eine Härte, die nach dem Zu­klappen noch im Kopf bleibt. Als Span­nungs­roman erfüllt »Rauh­nächte« damit sein Ver­sprechen.

Gerade hier zeigt sich jedoch auch die Schief­lage des Buches. Die mysti­schen Elemente wirken oft wie Dekor: Sie setzen Stimmung, geben dem Dorf sein Raunen und liefern die pas­sende Kulisse, sie ver­tiefen aber nicht immer das, was psycho­logisch eigent­lich inter­essant wäre. Bräuche, Sagen­motive und stän­diges An­deuten (»da stimmt etwas nicht«) ersetzen gele­gentlich Plausi­bilität. Mehr als einmal sind Gefahren­situa­tionen so angelegt, dass man weniger denkt: »Natürlich passiert das so«, sondern eher: »Jetzt braucht es halt die nächste Zu­spit­zung.« Die Rauh­nächte sind dann vor allem Zeit­rahmen und Atmos­phäre – wir­kungs­voll, aber nicht durch­gehend als innerer Motor.

Damit hängt ein zweiter Schwach­punkt zusam­men, der sich mit dem Ursprung als Jugend­roman erklären lässt. Im Nachwort heißt es, die Ge­schichte habe für die neue, an Erwach­sene gerich­tete Fassung »mehr Tiefe, mehr Dunkel­heit und mehr Reife« verlangt. Ein Teil davon ist einge­löst, vor allem im Finale und in den här­teren Kon­sequen­zen. Trotz­dem bleibt der Eindruck, dass hier an einigen Stellen ein altes Funda­ment durch­scheint. Pia wirkt in ihren Reak­tionen nicht selten jünger, als sie sein müsste, zugleich aber auch selt­sam unzeit­gemäß. Pias Mutter, als geal­terte Hippy-Gestalt ge­zeich­net, ist eine lebende Klischee­samm­lung und nicht so richtig aus unserer Welt. Manche Dialoge klingen nicht nach Gegen­wart, sondern nach einer vagen Vor­stellung davon. Hinzu kommen Wieder­holun­gen – Träume, Erinne­rungs­bilder, innere Be­schwö­rungen –, die Seiten füllen, ohne wirklich neue Er­kennt­nis zu liefern.

Auch stilistisch schwankt der Roman. Vieles ist solide und schlicht erzählt, und genau dann ist man gern dabei. Zwischen­durch greift der Text jedoch zu Bildern, die be­deu­tungs­schwer daher­kom­men wollen, aber nicht aus der Szene heraus er­wachsen und dadurch aufge­setzt, künst­lich wirken. Man hält dann kurz inne und fragt sich, ob hier wirklich ein Gefühl be­schrie­ben wird oder nur ein Effekt erhascht werden soll. Wenn dann noch Dialoge hölzern geraten, er­scheinen Figuren und Konflikte bis­weilen stereotyp statt lebendig und originell.

Und doch ist »Rauhnächte« nicht nur Hülle. Zwei Dinge gelingen besonders. Erstens: Die Autorin schildert die ver­schneite baye­rische Winter­land­schaft an­schau­lich – eisig und lieblich zu­gleich – und setzt die länd­liche Enge als Gegen­welt zu München über­zeugend ein. Wälder, Höfe, Inn-Auen, das halb­leere Städt­chen zwischen Feier­tagen und Frost: Das ist greifbar und macht Bedro­hung eher alltags­nah als spek­taku­lär. Zweitens: Das Dorf als sozialer Speicher ist gut getroffen – als Ort, in dem Ge­schich­ten herum­gereicht, zuge­spitzt und vererbt werden, bis selbst ein Brand zur Erzäh­lung gerinnt, die Schuld verteilt und Abwei­chung ahndet. In solchen Passa­gen ist der Roman am stärk­sten: weniger Nebel­maschine, mehr nüch­terne Be­obach­tung.

Ein kluger Zug ist außerdem, dass die zugrunde liegende Erzählung (»Fuxerl«), die die Autorin inspir­iert hat, im Anhang abge­druckt ist. Das macht Motive durch­sichtig, ohne sie zu ent­zaubern, und hilft, Quer­ver­bin­dun­gen zu ver­stehen. Das kleine Fuchs-Motiv auf der letzten Seite passt dazu: eine freund­liche Sig­natur nach einer langen Strecke Dunkel­heit.

So bleibt ein Buch, das man mit zwei Blicken lesen kann. Der erste folgt der winter­lichen Spannung: zügig, atmo­sphärisch, mit einem Finale, das über­rascht. Der zweite bleibt an den Nähten hängen: an Figuren, die zu wenig Tiefe bekom­men, an ner­venden Wieder­holun­gen, an Ent­schei­dungen, die kon­struiert wirken, und an einer Mystik, die mehr ver­spricht, als sie einlöst. Wer über diese Ein­wände hinweg­sehen kann, findet eine passende Zwi­schen-den-Jahren-Lek­türe. Wer mehr psycho­logi­sche Ge­nauig­keit und weniger Kulissen­zauber erwartet, wird sich öfter dabei ertappen, inner­lich die Augen­braue zu heben. In der Bilanz: solide Unter­haltung mit spür­baren Schwächen.


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