Was vor uns liegt
von Alba de Céspedes
1938 wohnen acht unterschiedliche junge Frauen während ihrer Studien in einem eng geregelten katholischen Konvikt in Rom. Jede von ihnen trägt ihre Erfahrungen und Vorstellungen von Glück und Leid, Erfolg und Scheitern, Zwängen und Freiheit mit sich. Bei geheimen nächtlichen Treffen unter dem Schein einer Petroleumlampe öffnen sie sich einander, entdecken feministische Gedanken, den Wert von Freiheit und Selbstbestimmung – und deren Preis.
Ein Zurück ist kein Ziel
Im Mittelpunkt dieses für die damalige Zeit außergewöhnlich feministischen Romans stehen acht junge Frauen. Anna, Augusta, Emanuela, Milly, Silvia, Vantina, Vinca und Xenia leben und studieren im fiktionalen Grimaldi-Konvikt in Rom, das von Nonnen streng reglementiert wird. Nach höherem Schulabschluss verbringen sie hier wenige Jahre des Studiums bis zum Abschluss. Traditionell folgt dann ein Leben mit Ehemann, Kindern und Haushalt. Diesem Frauenbild wollen die intellektuell wachen und gebildeten jungen Protagonistinnen nicht folgen. Nur: Welche Wege stehen ihnen in ihrer Zeit zur Wahl?
Tagsüber ist das Konvikt für die aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zufällig zusammengewürfelten Studentinnen unterschiedlichen Alters offen. Manche kommen aus kleinen Dörfern; in der Weltstadt Rom spüren sie einen Hauch von Freiheit. Manche wollen sich nicht vorstellen, in die alte Heimat zurückzukehren. Dort erwartet sie die Dominanz eines rigiden Elternhauses oder ein fremdbestimmtes, untergeordnetes Dasein in einer traditionellen Ehe – »aus der Autorität des Vaters in jene des Ehemanns übergeben«. Am Abend müssen sich alle wieder im Konvikt einfinden. Um 22 Uhr wird das elektrische Licht ausgeschaltet. Dann treffen sie sich in Grüppchen im Schein einer Petroleumlampe in einem ihrer Zimmer. Jede hat ein oder mehrere Geheimnisse, die möglichst vor den anderen gewahrt werden sollen. Und doch zeigt sich, wenn sie vorsichtig über ihre Träume und Sehnsüchte sprechen, ein Teil der wahren Persönlichkeit. Manche sind einander als Freundinnen besonders nah, andere beäugen sich mit Skepsis und Eifersucht.
Alba de Céspedes (geboren 1911 in Rom, gestorben 1997 in Paris; Enkelin des ersten kubanischen Präsidenten und Tochter eines kubanischen Diplomaten und einer italienischen Mutter) zeichnet die unterschiedlichen Charaktere, ihre Gefühle und Sehnsüchte sehr präzise und einfühlsam. Manche von ihnen tragen Bürden, die eine ersehnte Zukunft nahezu unmöglich machen. Emanuela etwa stammt aus vermögendem Haus. Ihr Verlobter Stefano kam bei einem Flugzeugunfall ums Leben; die gemeinsame, uneheliche Tochter Stefania gilt als Makel, weshalb Emanuelas Vater sie in einem edlen, von Nonnen geführten Heim unterbrachte. Mutter und Kind finden nicht zueinander, das Kind weist die Mutter gefühlskalt ab. In einer nächtlichen Séance erfahren die anderen erstmals von dem Mann in Emanuelas Vorgeschichte. Emanuela öffnet sich, spricht von Vergangenheit und neuer Liebe – doch wird dieser Mann sie samt Tochter annehmen? Als Stefania an einer fiebrigen Entzündung erkrankt, quälen Emanuela düstere Gedanken: Ihr Leben wäre einfacher, wenn es dieses Kind nicht gäbe.
Augusta – älter als Emanuela und wie sie verlobt – studiert Literatur, ohne sich dafür zu interessieren. Nachts schreibt sie an einem Roman über die Liebe; ein Verlag findet sich nicht. Sie ist die feministische Vordenkerin der Gruppe. Gegenüber Emanuela spricht sie drastisch über die rechtliche und soziale Realität der Ehe: Wer heiratet, ist nicht mehr Herrin über sich, verliert den eigenen Namen, unterliegt Erwartungen, Kontrolle und rechtlicher Vormundschaft – selbst über die Kinder. Es sind Sätze, die das Schicksal aller Frauen unter den patriarchalischen Strukturen ihrer Zeit benennen. Ihre offen ausgesprochenen Leitideen rütteln uns Leser eher auf als die Mitbewohnerinnen, denen solch ungewohnte, ihre Grundfesten erschütternde Gedanken unangenehm sind; Emanuela geht ihr aus dem Weg.
Xenia wiederum hat ihre Abschlussprüfung nicht bestanden. Das Schlimmste wäre für sie die Rückkehr ins Dorf, wo die armen Eltern ihren Weinberg verpfändet haben, um das Studium der begabten Tochter zu finanzieren. Xenia verlässt das Konvikt mittellos, nimmt eine Stelle in einem amerikanischen Unternehmen an und lernt zufällig Dino kennen, einen windigen Lebemann im Autohandel. Er führt sie aus; Xenia fühlt sich umschwärmt und avanciert für Dino, seine Freunde und Leute »aus gewissen Kreisen« zur »Nummer-eins-Frau«. Wie tragfähig ist das?
Am Beispiel ihrer Protagonistinnen führt de Céspedes vor Augen, wie eng begrenzt die Möglichkeiten von Frauen zwischen den Weltkriegen waren – selbst für diese acht, durch Intelligenz, universitäre Bildungschance und ein streng geregeltes Konviktsleben privilegierten jungen Frauen. Das Rom der 1930er Jahre, die Nonnen, die nächtlichen Gesprächskreise: all das bildet mehr als Kulisse. Es ist die soziale Architektur, die diese Lebensläufe kanalisiert – und an der die Figuren zu zweifeln beginnen, Widerwillen empfinden, Widerstand ins Auge fassen. Der Roman ist inhaltlich dicht gefüllt; er zeigt Lebensentwürfe im Schatten einer Zeit, in der Mussolinis Faschisten an der Macht sind, und er fragt, was Selbstbestimmung unter solchen Bedingungen heißen kann.
Stilistisch bleibt die Autorin nah an Empfindungen und Entscheidungen der Figuren, ohne sie zu verklären. Es gibt keine Heldinnen, keine einfachen Antworten. Statt großer Plotspannung fasziniert uns die innere Entwicklung: Gespräche über Ehe, Begehren, Arbeit, Namen, Macht; kleine Akte der Selbstbehauptung; das Schweigen über Geheimnisse, das Reden unter einer flackernden Lampe. Der Ton ist ruhig, genau beobachtend, nie plakatierend. So entsteht ein Gruppenporträt, das die einzelnen Wege klar unterscheidbar macht und zugleich das Gemeinsame sichtbar hält: die Suche nach Freiheit – und der Preis dafür.
»Was vor uns liegt« ist nicht nur ein Zeitbild, sondern als Lektüre heute erstaunlich gegenwärtig. Wenn eine Figur feststellt, man könne nicht vergessen, schon einmal über sich bestimmt zu haben, liegt darin die Erfahrung, die den Roman bewegt: Wer Freiheit gekostet hat, wird sie nicht wieder bruchlos abgeben. In Emanuelas Ambivalenz, in Augustas Thesen und in Xenias riskanter Selbstverortung verdichtet sich diese Einsicht jeweils anders. Dass der Text 1938 erschien und kurz darauf Zensur erfuhr, unterstreicht seine Sprengkraft – wichtiger ist jedoch, dass er sich nicht im Appell erschöpft. De Céspedes argumentiert nicht, sie zeigt.
So lässt der Roman am Ende weniger eine Botschaft zurück als eine Haltung: Acht junge Frauen, acht Linien ins Offene. Niemand kehrt einfach zurück – weder in die Kindheit noch in die Konventionen. Was vor ihnen liegt, ist nicht ausbuchstabiert; der Spielraum ist klein, aber er ist da. Genau darin liegt die anhaltende Kraft dieses Buches.
· Herkunft:
· Region: Rom


