Rezension zu »Was vor uns liegt« von Alba de Céspedes

Was vor uns liegt

von


1938 wohnen acht unterschiedliche junge Frauen während ihrer Studien in einem eng geregelten katholischen Konvikt in Rom. Jede von ihnen trägt ihre Erfahrungen und Vorstellungen von Glück und Leid, Erfolg und Scheitern, Zwängen und Freiheit mit sich. Bei geheimen nächtlichen Treffen unter dem Schein einer Petroleumlampe öffnen sie sich einander, entdecken feministische Gedanken, den Wert von Freiheit und Selbstbestimmung – und deren Preis.
Belletristik · Insel · · 380 S. · ISBN 9783458645542
Sprache: de · Herkunft: it · Region: Rom

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Ein Zurück ist kein Ziel

Rezension vom 29.01.2026 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Im Mittelpunkt dieses für die damalige Zeit außergewöhnlich feministischen Romans stehen acht junge Frauen. Anna, Augusta, Emanuela, Milly, Silvia, Vantina, Vinca und Xenia leben und studieren im fik­tio­nalen Grimaldi-Konvikt in Rom, das von Nonnen streng regle­mentiert wird. Nach höherem Schul­ab­schluss ver­bringen sie hier wenige Jahre des Studiums bis zum Abschluss. Tradi­tio­nell folgt dann ein Leben mit Ehemann, Kindern und Haushalt. Diesem Frauen­bild wollen die intel­lek­tuell wachen und gebil­deten jungen Prota­gonis­tin­nen nicht folgen. Nur: Welche Wege stehen ihnen in ihrer Zeit zur Wahl?

Tagsüber ist das Konvikt für die aus verschie­denen Gesell­schafts­schich­ten zufällig zu­sam­men­ge­wür­fel­ten Studen­tinnen unter­schied­lichen Alters offen. Manche kommen aus kleinen Dörfern; in der Welt­stadt Rom spüren sie einen Hauch von Freiheit. Manche wollen sich nicht vor­stellen, in die alte Heimat zurück­zu­kehren. Dort erwartet sie die Dominanz eines rigiden Eltern­hauses oder ein fremd­be­stimm­tes, unter­geord­netes Dasein in einer tradi­tio­nel­len Ehe – »aus der Autorität des Vaters in jene des Ehemanns übergeben«. Am Abend müssen sich alle wieder im Konvikt einfinden. Um 22 Uhr wird das elek­trische Licht aus­ge­schal­tet. Dann treffen sie sich in Grüpp­chen im Schein einer Petro­leum­lampe in einem ihrer Zimmer. Jede hat ein oder mehrere Ge­heim­nisse, die möglichst vor den anderen gewahrt werden sollen. Und doch zeigt sich, wenn sie vor­sich­tig über ihre Träume und Sehn­süchte sprechen, ein Teil der wahren Per­sön­lich­keit. Manche sind einander als Freun­dinnen besonders nah, andere beäugen sich mit Skepsis und Eifer­sucht.

Alba de Céspedes (geboren 1911 in Rom, gestorben 1997 in Paris; Enkelin des ersten kuba­ni­schen Prä­si­den­ten und Tochter eines kuba­ni­schen Diplo­maten und einer italie­ni­schen Mutter) zeichnet die unter­schied­lichen Cha­rak­tere, ihre Gefühle und Sehn­süchte sehr präzise und ein­fühl­sam. Manche von ihnen tragen Bürden, die eine er­sehnte Zukunft nahezu un­mög­lich machen. Ema­nuela etwa stammt aus ver­mögen­dem Haus. Ihr Verlobter Ste­fano kam bei einem Flug­zeug­unfall ums Leben; die ge­mein­same, unehe­liche Tochter Ste­fania gilt als Makel, weshalb Ema­nue­las Vater sie in einem edlen, von Nonnen geführten Heim unter­brachte. Mutter und Kind finden nicht zu­ein­ander, das Kind weist die Mutter ge­fühls­kalt ab. In einer nächt­lichen Séance erfah­ren die anderen erstmals von dem Mann in Emanuelas Vor­ge­schich­te. Ema­nuela öffnet sich, spricht von Ver­gangen­heit und neuer Liebe – doch wird dieser Mann sie samt Tochter an­neh­men? Als Ste­fania an einer fiebrigen Ent­zün­dung erkrankt, quälen Ema­nuela düstere Gedanken: Ihr Leben wäre ein­facher, wenn es dieses Kind nicht gäbe.

Augusta – älter als Ema­nuela und wie sie verlobt – studiert Litera­tur, ohne sich dafür zu interes­sieren. Nachts schreibt sie an einem Roman über die Liebe; ein Verlag findet sich nicht. Sie ist die femi­nis­tische Vor­denke­rin der Gruppe. Gegen­über Ema­nuela spricht sie drastisch über die recht­liche und soziale Realität der Ehe: Wer hei­ratet, ist nicht mehr Herrin über sich, ver­liert den eigenen Namen, unter­liegt Erwar­tun­gen, Kon­trolle und recht­licher Vor­mund­schaft – selbst über die Kinder. Es sind Sätze, die das Schick­sal aller Frauen unter den patriar­chali­schen Struk­turen ihrer Zeit benennen. Ihre offen aus­ge­spro­che­nen Leit­ideen rütteln uns Leser eher auf als die Mit­be­wohne­rin­nen, denen solch un­ge­wohn­te, ihre Grund­festen er­schüt­tern­de Ge­danken unan­ge­nehm sind; Ema­nuela geht ihr aus dem Weg.

Italienische Ausgabe:
»Nessuno torna indietro«
(2022, Verlag Mondadori)
Alba de Céspedes: »Nessuno torna indietro« auf Bücher Rezensionen
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Neuübersetzung:
Esther Hansen

Xenia wiederum hat ihre Abschluss­prüfung nicht bestanden. Das Schlimmste wäre für sie die Rück­kehr ins Dorf, wo die armen Eltern ihren Wein­berg ver­pfän­det haben, um das Studium der begabten Tochter zu finan­zieren. Xenia verlässt das Konvikt mittel­los, nimmt eine Stelle in einem ameri­kani­schen Unter­nehmen an und lernt zufällig Dino kennen, einen win­digen Lebe­mann im Auto­handel. Er führt sie aus; Xenia fühlt sich um­schwärmt und avan­ciert für Dino, seine Freunde und Leute »aus ge­wis­sen Kreisen« zur »Num­mer-eins-Frau«. Wie tragfähig ist das?

Am Beispiel ihrer Protagonistinnen führt de Céspedes vor Augen, wie eng begrenzt die Mög­lich­keiten von Frauen zwischen den Welt­kriegen waren – selbst für diese acht, durch In­tel­li­genz, uni­ver­sitäre Bil­dungs­chance und ein streng ge­regel­tes Kon­vikts­leben privi­legier­ten jungen Frauen. Das Rom der 1930er Jahre, die Nonnen, die nächt­lichen Ge­sprächs­kreise: all das bildet mehr als Kulisse. Es ist die soziale Archi­tek­tur, die diese Lebens­läufe kana­lisiert – und an der die Figuren zu zweifeln beginnen, Wider­willen em­pfin­den, Wider­stand ins Auge fassen. Der Roman ist in­halt­lich dicht gefüllt; er zeigt Lebens­ent­würfe im Schatten einer Zeit, in der Musso­linis Faschis­ten an der Macht sind, und er fragt, was Selbst­be­stim­mung unter solchen Bedin­gun­gen heißen kann.

Stilistisch bleibt die Autorin nah an Empfin­dungen und Ent­schei­dun­gen der Figuren, ohne sie zu ver­klären. Es gibt keine Hel­din­nen, keine ein­fachen Ant­worten. Statt großer Plot­span­nung fas­zi­niert uns die innere Ent­wick­lung: Gespräche über Ehe, Begehren, Arbeit, Namen, Macht; kleine Akte der Selbst­be­haup­tung; das Schwei­gen über Geheim­nisse, das Reden unter einer fla­ckern­den Lampe. Der Ton ist ruhig, genau be­obach­tend, nie plaka­tierend. So entsteht ein Gruppen­porträt, das die einzel­nen Wege klar unter­scheid­bar macht und zu­gleich das Gemein­same sicht­bar hält: die Suche nach Frei­heit – und der Preis dafür.

»Was vor uns liegt« ist nicht nur ein Zeitbild, sondern als Lektüre heute erstaunlich gegenwärtig. Wenn eine Figur feststellt, man könne nicht vergessen, schon einmal über sich bestimmt zu haben, liegt darin die Erfahrung, die den Roman bewegt: Wer Freiheit gekostet hat, wird sie nicht wieder bruchlos abgeben. In Emanuelas Ambivalenz, in Augustas Thesen und in Xenias riskanter Selbstverortung verdichtet sich diese Einsicht jeweils anders. Dass der Text 1938 erschien und kurz darauf Zensur erfuhr, unterstreicht seine Sprengkraft – wichtiger ist jedoch, dass er sich nicht im Appell erschöpft. De Céspedes argumentiert nicht, sie zeigt.

So lässt der Roman am Ende weniger eine Botschaft zurück als eine Haltung: Acht junge Frauen, acht Linien ins Offene. Niemand kehrt einfach zurück – weder in die Kindheit noch in die Konventionen. Was vor ihnen liegt, ist nicht ausbuchstabiert; der Spielraum ist klein, aber er ist da. Genau darin liegt die anhaltende Kraft dieses Buches.


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