Rezension zu »Eine wie Frankie« von Graham Norton

Eine wie Frankie

von


Eine um ihre Jugend betrogene junge Irin findet im London und New York der Sechzigerjahre zu einem selbstbestimmten Leben. Die vibrierenden Milieus der Kunst- und der LGBTQ+-Szene in den Metropolen sind der Raum, in dem Frances sich bewährt und emanzipiert, aber auch Schicksalsschläge erleidet.
Belletristik · Kindler · · 400 S. · ISBN 9783463000749
Sprache: de · Herkunft: gb

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Vom Pfarrhaus in die Partyszene: ein Leben erwacht

Rezension vom 14.12.2025 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Der irische Schriftsteller mit Künstlernamen Graham Norton, 1963 in einem Vorort von Dublin geboren, ist viel­seitig begabt. Als Best­seller­autor, Schau­spieler, Fernseh­mode­rator und Komiker erhielt er An­erken­nungen wie den Irish Book Award.

Ohne Kapitelüberschrift werden wir in die Rahmen­handlung seines neuesten Romans »Frankie« einge­führt. Damian, ein junger Ange­stellter bei der Lon­doner Pflege­firma »Hamilton Homecare«, tritt seinen Job bei einer neuen Klientin an: Frances Howe, 84, die Titel­figur, ist nach einem Sturz in ihrer Beweg­lichkeit einge­schränkt und pflege­bedürftig geworden. Die selbst­bewusste Dame sieht das aller­dings gar nicht so. Sie sei doch nur gestol­pert, stellt sie klar, und brauche keine fremde Hilfe. Tat­säch­lich war es Norah Forrester, ihre beste Freundin aus Kinder­tagen, die für Frankie ent­schieden und die Pflege bestellt hat.

Für Damian ist dies ein angenehmer Job. Der größte Teil der Nacht bleibt ihm für eigene Inter­essen. Nach anfäng­licher Ablehnung gewinnt Frances Vertrauen zu dem jungen Mann, auch weil er seine Wurzeln wie sie in Irland hat. So schafft es Damian, dass Frankie ihm jeden Abend ein bisschen mehr Einblick in ihr ver­gange­nes Leben gewährt, und ihre Erleb­nisse sind die eigent­liche Ge­schichte, die Binnen­handlung.

Sie setzt 1950 in Irland ein, als Frankie elf Jahre alt ist. Ihre Eltern sind bei einem Auto­unfall ums Leben gekommen. Geleitet von christ­lichem Pflicht­gefühl, weniger von Zuneigung, nehmen kinder­lose Verwandte, das Ehepaar Mona und Derek Roper (ein Geist­licher), die Waise auf. Für Frankie beginnt eine Zeit einsamer Lieb­losig­keit; Zuwendung und Offenheit findet sie allein bei ihrer Schul­freundin Norah und deren Familie. Im Lauf ihrer Jugend­jahre bekommt Frankie die Ge­legen­heit, einen halb­jähri­gen Kochkurs zu absol­vieren, und ent­wickelt Träume für ihre Zukunft. Eines Tages offenbart Alan Frost, ein 45-jähriger Dom­kapi­tular, Mona und Derek sein Interesse, Frankie zu ehelichen, und die beiden sind begeis­tert ange­sichts der guten Partie, die der jungen Frau Ansehen und ein sorgloses Leben ver­spricht. Rechtlos, abhängig und ohne Selbst­bewusst­sein kann Frankie sich dem Arrange­ment nicht wider­setzen, obwohl sie anderen Vorstel­lungen vom Leben nachhängt.

1957 zieht die Achtzehn­jährige als Pfarrers­frau in Castle­keen ein. Gefühle der Sicher­heit und Hoffnung auf ein erfül­lendes Leben in wär­mender, liebe­voller Zweisam­keit haben sich nach der Be­schaf­fung standes­gemäßer Kleidung durch die Haus­hälterin, nach der Hochzeit im kleinsten Kreise und nach einer zwei­tägigen Pseudo-Flitter­zeit nicht einge­stellt, und der eheliche Alltag mit seinen sexuellen Pflichten ist für die in der Liebe uner­fah­rene und unbe­darfte Frankie der blanke Horror. Bald schläft man in ge­trenn­ten Schlaf­zimmern, und der Ehefrau ist es nicht unlieb, dass Alans nächt­liche Besuche seltener werden.

Als Frankie ihren Mann beim Sex mit einer Nachbarin erwischt, zerbricht das gesamte fragile Familien­leben. Frankie flieht zu ihren Ersatz­eltern, doch die wollen nichts wissen von dem pein­lichen Zwischen­fall. Der feine Kirchen­mann kann sich raffi­niert von aller Schuld rein­waschen, während Frankie als »Straßen­dirne« abge­stem­pelt wird, nachdem jemand sie bei einem harmlosen Techtel­mechtel mit einem Knecht ertappt hat. Tante und Onkel setzen Frankie vor die Tür und spen­dieren ihr (sozu­sagen als Tritt in den Hintern) noch ein Zug­ticket nach London.

Mit dem Ortswechsel ändert sich der Roman nach etwa einem Drittel seines Umfangs in viel­facher Hinsicht. Das biedere, un­schul­dige Mädchen aus der erz­konser­vativ-katho­lischen Provinz zieht bei ihrer Freundin Norah ein, in eine Wohn­gemein­schaft über­wiegend frei­zügiger lesbi­scher Frauen. Urplötz­lich ist sie mitten in einer Welt gelandet, deren Existenz sie nicht einmal ahnen konnte (»Will­kommen in Sodom«), findet sich aber rasch in einer neuen Rolle zurecht und gewinnt an Selbst­bewusst­sein. Bei einer Party erweckt sie das Interesse einer reichen Lite­ratur­agentin, die sie nach kurzer Zeit mitnimmt in ihr abge­hobe­nes, ex­zentri­sches Leben im New Yorker Lite­raten­milieu. Doch die Dame ist ego­zent­risch und skrupel­los – wer ihr nicht mehr passt, wird mit einem »Fußtritt« ab­serviert.

In New York gibt es natürlich noch mehr unkon­ventio­nelle Charak­tere und groß­artige Wand­lungen: Frankie lernt Joe Haffen kennen, einen Taxi­fahrer, der bald als Künstler reüssiert und in der Szene Furore macht.

Die neue sexuelle Freiheit der 1960er Jahre hat be­kann­ter­maßen schwere gesund­heit­liche Folgen, gerade in den Metro­polen. Auch Frankie muss einen bitteren Verlust an die noch unbe­kannte Krankheit Aids hinnehmen. Der Autor, der offen zu seiner Homo­sexua­lität steht, hat diese brisante Thematik in den fiktio­nalen Lebens­ge­schich­ten seiner Figuren mit viel Fein­gefühl und Ernst­haftig­keit gestal­tet.

Graham Nortons Roman (übersetzt von Silke Jelling­haus) hat mir teilweise recht gut gefallen. Insbe­sondere die bleierne Atmos­phäre in Irland ist authen­tisch gestaltet, die dortigen Ge­scheh­nisse sind plausibel ent­wickelt und gehen zu Herzen. Obwohl die Prota­gonis­tin in ihren jungen Jahren miss­achtet und unter­drückt wurde, ist sie stark genug, danach ein außer­gewöhn­liches Leben voller tiefer Freund­schaften und Wider­stands­fähig­keit zu führen, und wird dadurch zu einem Vorbild.

Für den viel längeren zweiten Teil muss man aner­kennen, dass der Autor darin eine klare Botschaft von Liebe, Freund­schaft, Mitgefühl und Toleranz aus­sendet. Indem er ver­schie­dene Be­ziehungs­formen und Lebens­ent­würfe be­leuch­tet, die außer­halb der ge­sell­schaft­lichen Norm liegen, weckt er Ver­ständ­nis für queere Menschen.

Doch die radikalen Schwenks in Frankies Leben und Wesen, wie sie im Wechsel von Irland nach London und New York darge­stellt werden, empfinde ich als zu kon­struiert, als allzu extreme Brüche. Die Schil­derun­gen aus der schil­lern­den Künst­ler­szene in den Welt­städten mögen Fans der heutigen LGBTQ+-Szene begeis­tern, da sie das Streben nach einer frei­zügi­gen, hedonis­tischen Lebens­weise und mit­reißen­de Eman­zi­pations­prozesse vor­führen, ihre Gruppe wohl­wollend porträ­tieren und ihr Akzep­tanz ver­schaffen. Aus der Erzählung über rück­ständige irische Verhält­nisse wird ein Streif­zug durch die Ent­wicklung der Selbst­bestim­mung sexueller Minder­heiten.


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