Eine wie Frankie
von Graham Norton
Eine um ihre Jugend betrogene junge Irin findet im London und New York der Sechzigerjahre zu einem selbstbestimmten Leben. Die vibrierenden Milieus der Kunst- und der LGBTQ+-Szene in den Metropolen sind der Raum, in dem Frances sich bewährt und emanzipiert, aber auch Schicksalsschläge erleidet.
Vom Pfarrhaus in die Partyszene: ein Leben erwacht
Der irische Schriftsteller mit Künstlernamen Graham Norton, 1963 in einem Vorort von Dublin geboren, ist vielseitig begabt. Als Bestsellerautor, Schauspieler, Fernsehmoderator und Komiker erhielt er Anerkennungen wie den Irish Book Award.
Ohne Kapitelüberschrift werden wir in die Rahmenhandlung seines neuesten Romans »Frankie« eingeführt. Damian, ein junger Angestellter bei der Londoner Pflegefirma »Hamilton Homecare«, tritt seinen Job bei einer neuen Klientin an: Frances Howe, 84, die Titelfigur, ist nach einem Sturz in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt und pflegebedürftig geworden. Die selbstbewusste Dame sieht das allerdings gar nicht so. Sie sei doch nur gestolpert, stellt sie klar, und brauche keine fremde Hilfe. Tatsächlich war es Norah Forrester, ihre beste Freundin aus Kindertagen, die für Frankie entschieden und die Pflege bestellt hat.
Für Damian ist dies ein angenehmer Job. Der größte Teil der Nacht bleibt ihm für eigene Interessen. Nach anfänglicher Ablehnung gewinnt Frances Vertrauen zu dem jungen Mann, auch weil er seine Wurzeln wie sie in Irland hat. So schafft es Damian, dass Frankie ihm jeden Abend ein bisschen mehr Einblick in ihr vergangenes Leben gewährt, und ihre Erlebnisse sind die eigentliche Geschichte, die Binnenhandlung.
Sie setzt 1950 in Irland ein, als Frankie elf Jahre alt ist. Ihre Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Geleitet von christlichem Pflichtgefühl, weniger von Zuneigung, nehmen kinderlose Verwandte, das Ehepaar Mona und Derek Roper (ein Geistlicher), die Waise auf. Für Frankie beginnt eine Zeit einsamer Lieblosigkeit; Zuwendung und Offenheit findet sie allein bei ihrer Schulfreundin Norah und deren Familie. Im Lauf ihrer Jugendjahre bekommt Frankie die Gelegenheit, einen halbjährigen Kochkurs zu absolvieren, und entwickelt Träume für ihre Zukunft. Eines Tages offenbart Alan Frost, ein 45-jähriger Domkapitular, Mona und Derek sein Interesse, Frankie zu ehelichen, und die beiden sind begeistert angesichts der guten Partie, die der jungen Frau Ansehen und ein sorgloses Leben verspricht. Rechtlos, abhängig und ohne Selbstbewusstsein kann Frankie sich dem Arrangement nicht widersetzen, obwohl sie anderen Vorstellungen vom Leben nachhängt.
1957 zieht die Achtzehnjährige als Pfarrersfrau in Castlekeen ein. Gefühle der Sicherheit und Hoffnung auf ein erfüllendes Leben in wärmender, liebevoller Zweisamkeit haben sich nach der Beschaffung standesgemäßer Kleidung durch die Haushälterin, nach der Hochzeit im kleinsten Kreise und nach einer zweitägigen Pseudo-Flitterzeit nicht eingestellt, und der eheliche Alltag mit seinen sexuellen Pflichten ist für die in der Liebe unerfahrene und unbedarfte Frankie der blanke Horror. Bald schläft man in getrennten Schlafzimmern, und der Ehefrau ist es nicht unlieb, dass Alans nächtliche Besuche seltener werden.
Als Frankie ihren Mann beim Sex mit einer Nachbarin erwischt, zerbricht das gesamte fragile Familienleben. Frankie flieht zu ihren Ersatzeltern, doch die wollen nichts wissen von dem peinlichen Zwischenfall. Der feine Kirchenmann kann sich raffiniert von aller Schuld reinwaschen, während Frankie als »Straßendirne« abgestempelt wird, nachdem jemand sie bei einem harmlosen Techtelmechtel mit einem Knecht ertappt hat. Tante und Onkel setzen Frankie vor die Tür und spendieren ihr (sozusagen als Tritt in den Hintern) noch ein Zugticket nach London.
Mit dem Ortswechsel ändert sich der Roman nach etwa einem Drittel seines Umfangs in vielfacher Hinsicht. Das biedere, unschuldige Mädchen aus der erzkonservativ-katholischen Provinz zieht bei ihrer Freundin Norah ein, in eine Wohngemeinschaft überwiegend freizügiger lesbischer Frauen. Urplötzlich ist sie mitten in einer Welt gelandet, deren Existenz sie nicht einmal ahnen konnte (»Willkommen in Sodom«), findet sich aber rasch in einer neuen Rolle zurecht und gewinnt an Selbstbewusstsein. Bei einer Party erweckt sie das Interesse einer reichen Literaturagentin, die sie nach kurzer Zeit mitnimmt in ihr abgehobenes, exzentrisches Leben im New Yorker Literatenmilieu. Doch die Dame ist egozentrisch und skrupellos – wer ihr nicht mehr passt, wird mit einem »Fußtritt« abserviert.
In New York gibt es natürlich noch mehr unkonventionelle Charaktere und großartige Wandlungen: Frankie lernt Joe Haffen kennen, einen Taxifahrer, der bald als Künstler reüssiert und in der Szene Furore macht.
Die neue sexuelle Freiheit der 1960er Jahre hat bekanntermaßen schwere gesundheitliche Folgen, gerade in den Metropolen. Auch Frankie muss einen bitteren Verlust an die noch unbekannte Krankheit Aids hinnehmen. Der Autor, der offen zu seiner Homosexualität steht, hat diese brisante Thematik in den fiktionalen Lebensgeschichten seiner Figuren mit viel Feingefühl und Ernsthaftigkeit gestaltet.
Graham Nortons Roman (übersetzt von Silke Jellinghaus) hat mir teilweise recht gut gefallen. Insbesondere die bleierne Atmosphäre in Irland ist authentisch gestaltet, die dortigen Geschehnisse sind plausibel entwickelt und gehen zu Herzen. Obwohl die Protagonistin in ihren jungen Jahren missachtet und unterdrückt wurde, ist sie stark genug, danach ein außergewöhnliches Leben voller tiefer Freundschaften und Widerstandsfähigkeit zu führen, und wird dadurch zu einem Vorbild.
Für den viel längeren zweiten Teil muss man anerkennen, dass der Autor darin eine klare Botschaft von Liebe, Freundschaft, Mitgefühl und Toleranz aussendet. Indem er verschiedene Beziehungsformen und Lebensentwürfe beleuchtet, die außerhalb der gesellschaftlichen Norm liegen, weckt er Verständnis für queere Menschen.
Doch die radikalen Schwenks in Frankies Leben und Wesen, wie sie im Wechsel von Irland nach London und New York dargestellt werden, empfinde ich als zu konstruiert, als allzu extreme Brüche. Die Schilderungen aus der schillernden Künstlerszene in den Weltstädten mögen Fans der heutigen LGBTQ+-Szene begeistern, da sie das Streben nach einer freizügigen, hedonistischen Lebensweise und mitreißende Emanzipationsprozesse vorführen, ihre Gruppe wohlwollend porträtieren und ihr Akzeptanz verschaffen. Aus der Erzählung über rückständige irische Verhältnisse wird ein Streifzug durch die Entwicklung der Selbstbestimmung sexueller Minderheiten.
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