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Rezension zu Richard Flanagan: »Die unbekannte Terroristin«

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Die unbekannte Terroristin

Thriller · Piper · · Gebunden · 336 S. · ISBN 9783492057103
Sprache: de · Herkunft: au

Bewertung: 4 Sterne
Wenn ein Anschein von Wahrheit ausreicht

Rezension vom 15.02.2017 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Ein Jahrzehnt ist in der Entwicklung des Terroris­mus eine lange Zeit. Zehn Jahre ist es her, dass Richard Flanagans Thriller »The Unknown Terrorist« Richard Flanagan: »The Unknown Terrorist« bei Amazon in Australien erschien, und erst jetzt können wir ihn in Eva Bonnés Über­setzung auf Deutsch lesen. Hat der Plot schon Staub angesetzt? Er erzählt von einer Ge­sell­schaft, die nach einem Terror­anschlag in eine panische Gefühls­lage es­kaliert und um jeden Preis Ge­wiss­heiten und Sicher­heit ein­fordert. So ein Szenario könnte im Früh­jahr 2017 in Deutsch­land kaum aktueller sein. Der eigent­liche Erzähl­kern spitzt die Pro­ble­matik inso­fern zu, als der von diversen Interes­sen be­feuerten Hyste­rie eine Un­schul­dige zum Opfer fällt.

Auch im abgelegenen Austra­lien herrscht nach 9/11 und Amerikas Feld­zug gegen die »Achse des Bösen« ein ange­spann­tes Klima. Lange war das Land offen gewesen für Migranten aus vielen Kulturen. Seit den Siebziger­jahren stieg besonders die Zahl muslimi­scher Einwan­derer aus Indo­nesien, Malay­sia, dem Liba­non, dem Sudan und den palästi­nensi­schen Gebieten stark an. Ein Nähr­boden für terro­ris­tisches Ge­dan­ken­gut?

Hier setzt Flanagans Fiktion ein. Als im Olympia­stadion von Sydney ein Rucksack mit drei Bomben ent­deckt und die Um­gebung eva­kuiert wird, erobern grauen­hafte Befürch­tungen die Köpfe der Bevöl­kerung. Was, wenn die Sydney Opera, Wahr­zeichen der Stadt und Treff­punkt für Touristen und Ein­heimi­sche, zum Ziel eines Anschlags würde? Die Polizei findet nicht heraus, wer die Bomben platziert hat, und während eine Hitze­welle die Stadt schier zu erdrü­cken droht, be­schleicht allge­meine Verun­siche­rung das sonst so unbe­schwerte Leben dieser Stadt.

Da konzentriert sich der Fokus des Erzählers auf die Aktivi­täten einer attrak­tiven jungen Frau, die alle nur »die Puppe« nennen. Als Stripperin an der Stange einer Lounge verdient Gina Davies gutes Geld, und ein reicher Roll­stuhl­fahrer verschafft ihr für private Be­glückun­gen noch ein Zubrot. Gina ist eine viel­seitig schil­lernde Ver­wandlungs­künstlerin, mal kindlich-naiv, mal lasziv-ver­führe­risch, mal rätsel­haft verhüllt. Höhe­punkt des Abends ist ihre Insze­nierung als »Schwarze Witwe«, bei der ein Projektor arabische Schrift­zeichen auf ihre nackte Haut wirft. Von ihrem Privat­leben hat Gina noch nie etwas preis­gegeben. Ihre ärmliche Herkunft und ihr Werde­gang haben bei ihr keiner­lei Illusio­nen wachsen lassen (»Realis­mus bedeutet, die Ent­täu­schung bereit­willig anzu­nehmen, um nicht ent­täuscht zu sein.«). Sie träumt nicht von Glück, Liebe und Familie, sondern spart für eine Eigen­tums­wohnung. Ihren wach­senden Reichtum genießt sie ganz sinnlich, indem sie ihren nackten Körper, auf dem Bett hinge­streckt, genüss­lich mit Hundert-Dollar-Scheinen bedeckt.

Am schrill-heißen Mardi Gras, dem Karnevals­dienstag, gerät Gina in einen Strudel von Ereig­nissen, der ihr Leben zunichte macht. Wie Hundert­tausende andere Wesen, die sich zu dem »Natur­spektakel« einer nächt­lichen »Brunft« zu­sammen­finden, stürzt sie sich in den chaoti­schen Glutofen des feiernden, tanzenden Sydney. Auf der Suche nach Wilder, ihrer einzi­gen Freundin, gerät sie an deren Bekannten Tariq, lässt sich mit­reißen, verbringt mit ihm eine zügel­lose, drogen­befeuerte Sex­nacht (vom Autor in allen porno­graphi­schen Details ausge­schlachtet). Wie üblich hofft Gina gar nicht erst auf eine Beziehung und ist kein biss­chen überrascht, als Tariq am nächsten Morgen ver­schwunden ist.

Sehr wohl wundert sie sich, als sie aus einem Café heraus zusehen muss, wie ein schwer bewaff­netes Spezial­team der Polizei das Haus umstellt, in dem sie mit Tariq die Nacht verbracht hat. Aus dem Radio schallen Kommen­tare, jeder im Cafe steuert ein anderes Gerücht bei – Geisel­nehmer? Drogen­dealer? Bomben­leger? –, und auch Gina kommen­tiert, »weil man das eben sagte«: »Diese Schweine gehören erschossen.«

Die Fernsehnachrichten bringen neue Erkennt­nisse über die Bomben im Olympia­stadion. Ein Foto zeigt, wie der mut­maß­liche Terrorist in Beglei­tung einer weib­lichen Person ein Wohn­haus betritt, und wieder wundert sich Gina: Das sind Tariq und sie selbst. Für die Öffent­lich­keit aber bleibt »die Iden­tität der Frau ... bislang unge­klärt«, und Gina wird zur »unbe­kannten Terro­ristin«.

Ihren gefährlichsten Gegner findet sie in dem abgewrackten Journalisten Richard Cody. Er wusste sich schon aufs Abstell­gleis geschoben, als ihm auf einmal die Bomben­story seines Lebens vor die Füße fällt. Denn die Frau auf dem Foto hat er sofort wieder­erkannt: Es ist die Stripperin, die ihn, den tollen Reporter, bei seinem Besuch in der Strip-Lounge Tags zuvor gede­mütigt hatte.

Ausgerechnet die sonst so realistische, pragma­tische Gina – und hier büßt der ohne­hin ziem­lich künst­lich konstru­ierte Plot einiges von seiner Stimmig­keit und Boden­haftung ein – verpasst den Moment, sich der Polizei zu stellen und den ihr ange­hefteten Verdacht als Ver­kettung dummer Zufälle zu ent­kräften. Statt­dessen flüchtet sie, versteckt sich und macht dabei Fehler über Fehler: Sie lässt bei ihrem reichen Privat­kunden eine Baretta mit­gehen, telefo­niert mit einem ge­klauten Handy, holt sich ein­seitigen Rat bei der allzu gut­gläubigen Wilder.

Je aussichtsloser ihre Lage wird, desto bereit­williger fügt sich Gina in die ihr zuge­schriebene Rolle eines gesell­schaftlich verfemten »Teufels«. Wird die Unbe­kannte zunächst im Fernsehen als wichtige Zeugin gesucht, schwenkt die Stimmung drama­tisch um, als ihre Identität bekannt wird. Jetzt steht sie unter kon­kretem Terror­verdacht. Die Treib­jagd beginnt, das Netz zieht sich zu, »die Puppe« wird zum Abschuss frei­gegeben.

Die erzählte Zeit umfasst nur drei Tage, von Samstag bis zum Showdown am Dienstag. In diesem knappen Rahmen baut der Autor seinen distan­ziert und kühl formu­lierten Gesell­schafts­thriller aus verschie­denen Perspek­tiven auf. Aller­dings ist das Spektrum, das er darbietet, allzu simpel. Alle Haupt­figuren sind üble Charak­tere, nur Gina und Wilder nicht. Das maximiert das Mitgefühl für ihre Opfer­rolle. Allein Gina macht, getrieben von den Ereig­nissen, eine gewisse Wand­lung durch. War sie anfangs arg ober­flächlich, materia­listisch und nur auf ihre Außen­wirkung fixiert, besinnt sie sich schließ­lich auf Wesent­licheres, und wir erfahren mehr darüber, was in ihrem Innersten vorgeht.

Welch gewaltige Verantwortung für den Zustand der Gesell­schaft die Medien tragen – auch dies ein hoch­aktuelles Thema bei uns –, wird in Flanagans Roman erkenn­bar, aber nicht diffe­renziert heraus­gearbei­tet. Presse und Fern­sehen über­schlagen sich, um Neuig­keiten auf den Markt zu schütten, egal ob es sich um Tat­sachen, Mei­nungen oder Ge­rüchte handelt (»Sydney macht sich auf Anschlag gefasst«), und die Bevöl­kerung reagiert ent­sprechend auf­geputscht und paranoid. Die Politik sieht sich im Zug­zwang und wird die Anti­terror­gesetze ver­schärfen, unge­achtet der diffi­zilen Proble­matik, welche Maß­nahmen denn tat­sächlich wirk­samen Schutz bieten können.

Repräsentant der skrupellosen Mentalität im Medien­betrieb ist Richard Cody, der Ginas Namen der Öffent­lich­keit preisgibt und sie damit als »be­kannte Terro­ristin« brandmarkt. Dabei erscheint ihm die Ver­bindung einer nicht-mus­limi­schen Stripperin mit islamis­tischen Terror­aktivi­täten zunächst selbst absurd. Doch dann inter­pretiert er die unwahr­schein­liche Kon­stellation zur genialen, inno­vativen Tarnungs­masche um und ver­marktet sie über­zeugend. So klärt er seine Leser darüber auf, dass die Be­zeich­nung »Schwarze Witwe«, unter der Gina als Attrak­tion im Club firmiert, auch für »militante Islamis­tinnen, die in Russland Selbst­mord­atten­tate ver­üben«, steht.

Zweifel an der tödlichen Gefahr, die von einer »Puppe« ausgehen soll, hegt auch ein Polizist vom Drogen­dezernat. Doch die Skepsis des kleinen Lichts interessiert nie­manden, wo doch das Räder­werk der Er­mitt­lungen und der Medien auf Hoch­touren läuft und alles nach einem erfolg­reichen Finale giert. Auf die Frage »Aber was, wenn es gar nicht die Wahr­heit ist?« ent­gegnet der Einsatz­leiter der Terror­abwehr mit lockerem Zynis­mus: »Tja, dann ist es eben so.« Den Preis bezahlt Gina Davies.


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von Richard Flanagan
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