Rezension zu »Nichts als Erlösung« von Gisa Klönne

Nichts als Erlösung

von


Kriminalroman · Ullstein · · Gebunden · 347 S. · ISBN 9783550087776
Sprache: de · Herkunft: de

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Auge um Auge, Zahn um Zahn

Rezension vom 10.11.2011 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Wenn sich jemand "nichts als Erlösung" wünscht, muss er sich in größter existentieller Not befinden. Dafür bieten sich etliche Interpretationen an:

Ein Mensch, der Schuld auf sich geladen hat, fürchtet um sein Seelenheil und bittet Gott, dass er ihm "Absolution" erteilen möge. Jesus ist für die Christenheit der "Erlöser" von aller Schuld.

Schuld kann jemand aber auch im juristischen oder moralischen Sinn tragen. Um sich von solcher Last zu befreien, kann er sich weltlichen Gerichten stellen und für seine Taten sühnen und/oder seine Opfer um Vergebung bitten. Was aber, wenn er nicht die Stärke hat, diese Erlösungschancen selbst herbeizuführen?

"Nichts als Erlösung" kann sich aber auch ein gänzlich Unschuldiger ersehnen, zum Beispiel, um von einem konkreten körperlichen oder psychischen Leiden befreit zu werden. Wenn das eine schwere Krankheit ist, können vielleicht Medizin und Medikamente helfen; im schlimmsten Fall kann allein der Tod Erlösung bringen.

Wenn jemand gequält oder gefoltert wird, ohne sich selbst befreien zu können, fleht er seinen Peiniger um Erlösung aus seinen unerträglichen Qualen an.

Schließlich könnte man sich einen Menschen vorstellen, der an einem Trauma leidet, an Wahnvorstellungen, die ihn täglich verfolgen und sein Leben zur Hölle machen. Wer kann ihn erlösen?

"Nichts als Erlösung" lautet der Titel des neuesten Kriminalromans von Gisa Klönne, und wie wir sehen, ist er äußerst evokativ. In welche Richtung führt uns das Buch?

Die Kölner Kommissarin Judith Krieger erhält in letzter Zeit anonyme Briefe nach Hause und sogar in ihr Postfach im Polizeipräsidium. Sie wurden auf einer alten Schreibmaschine getippt und enthalten auch Schwarz-weiß-Fotos. So richtig kann Judith die Botschaften noch nicht wirklich verstehen, aber sie spürt, dass der Unbekannte sich ganz sicher darin ist, in ihr die richtige Adressatin für seine – immer drängenderen – Bitten anzusprechen: "Ich hoffe, dass Du mir gnädig bist." (S. 10) "Am Ende kann es also doch noch Erlösung geben." (40). "Und Du musst mir helfen. [...] Ich will doch nichts als Erlösung von Dir." (196) Kein Wunder, dass Judith sich unwohl, beobachtet und verfolgt fühlt.

Doch bald erfordert ein furchtbares Ereignis ihre volle Konzentration und lenkt sie vorläufig von dem Psychopathen ab. Während einer schwülen Augustnacht erwacht sie schweißgebadet aus einem Albtraum, sie muss raus aus der Bude, am Rhein entlang joggen. Dort wird sie zufällig Zeuge einer Hinrichtung. Gerade kann sie noch die Schemen des Täters erahnen, wie er sich aus dem Schatten entwindet – und entkommt. Die Leiche, mit einem Einschussloch im Kopf, das Gesicht "weggesprengt", liegt unter der Deutzer Brücke; hoch droben erstrahlt der Kölner Dom in seiner erhabenen Größe. Judith alarmiert den gesamten Polizeiapparat, die Ermittlungen nehmen ihren üblichen Gang. Der Tote ist Jonas Vollenweider. Seit zwanzig Jahren lebt er auf der griechischen Insel Samos. Er ist nur nach Köln geflogen, um das elterliche Haus in Hürth zu verkaufen. Warum erst jetzt? Und warum trifft er auf einen Mörder? Ist alles Zufall? Oder steckt penible Planung dahinter?

Die weiteren Nachforschungen decken eine alte, bis jetzt ungelöste Familientragödie auf. Die beiden Elternteile und Schwester Miriam Vollenweider wurden im Hürther Haus ermordet, aber ihre Leichen hat man nie gefunden. Vielleicht hat Jonas sie getötet, ist dann getürmt, glaubte, nun sei Gras über die Sache gewachsen und er könne das Haus verkaufen. Aber warum wurde er getötet? Es passt alles nicht zusammen. Doch Gisa Klönne fügt ein Puzzlesteinchen zum anderen und weitet den Horizont immer mehr.

Im Steiner Auenwald bei Darmstadt entdeckt ein Raubgräber bei seiner kriminellen Suche nach Antiquitäten aus der Zeit der Römer, Kelten und Germanen die verschollenen Leichen der Vollenweiders. In einem anderen Strang ist René Zobel, der rasende Reporter des Kuriers, auf der Hatz nach reißerischen Schlagzeilen. An die Berichterstattung über das Todeshaus von vor 20 Jahren kann er sich noch erinnern und stöbert nun in alten Archiven. Er findet dort, dass die Vollenweiders noch gar nicht lange dort gelebt hatten, dass sie Heimleiter eines Kinderheims "Frohsinn", das es schon seit 1934 gab, gewesen waren. Überlebenden fällt es schwer, zu berichten, was sie unter dem nationalsozialistischen Regime in Heimen, Verwahranstalten, Übergangsstationen und bei Deportationen erlebt hatten. Sie wurden gedemütigt, ihre Körper misshandelt, Kinderseelen gebrochen.

Müssen Judith und ihr Team in dieser Richtung weiter ermitteln? Hat vielleicht jemand aus Hass oder aus Rache getötet und wünscht nun "nichts als Erlösung"? Die geheimnisvollen Briefe könnten in Zusammenhang mit den Morden stehen; der Schreiber könnte ein Täter sein, der wünscht, dass die Öffentlichkeit erfährt, welch entwürdigende Kindheit er als Nummer "417" im Haus "Frohsinn" durchleiden musste, und der sich danach sehnt, dass man ihn versteht.

Gisa Klönnes Buch besticht durch die sensible und psychologisch stimmige Bearbeitung des aktuellen Themas der Misshandlung Schutzbefohlener in staatlichen und kirchlichen Heimen. Vor allem aber nimmt der Roman einen sofort gefangen, die handelnden Figuren mit ihren alltäglichen Problemen füllen ihn mit Leben. Die Protagonistin Judith Krieger ist ein vielschichtiger Charakter – nicht nur tough als Kommissarin, sondern seelisch befrachtet, indem sie noch mit alten Fällen kämpft, Ärger mit ihrer Mutter hat; Wärme und Vertrauen findet sie bei ihrem Partner.

Mit Feingefühl nähert sich die Autorin dem Täter an. Lange bleibt er anonym. In den Schriftstücken, die er an Judith schickt, treten seine schweren traumatischen Schäden langsam, aber immer deutlicher zutage. Klönne beweist ihr strategisches Geschick, indem sie die Spannung durch eine kluge, vorsichtige Enthüllungstaktik zu halten vermag und es uns Lesern ermöglicht, die Denkungsweise des Täters nachzuvollziehen. Er ist ein Opfer, dem seelische Gewalt angetan wurde; er kann nicht anders, als diese Gewalt weiterzugeben – und er hat mehrere verständliche Gründe, um für sich Erlösung zu ersehnen ...

Wenngleich man über ein paar unlogische Details und manch nicht ganz einleuchtend gelöste Frage stolpern mag, hat mich Gisa Klönnes neues Buch "Nichts als Erlösung" deutlich beeindruckt.

Im Jahr 2009 wurde die Autorin für ihren Krimi "Nacht ohne Schatten" mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet.


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