Leseeindruck zu »Chill mal, Frau Freitag« von Frau Freitag

Chill mal, Frau Freitag

von


Belletristik · Ullstein · · Taschenbuch · 250 S. · ISBN 9783548373997
Sprache: de · Herkunft: de

Lustig ist heute das Schülerleben, faria, faria, ho ...

Leseeindruck vom 25.02.2011 · 16 x als hilfreich bewertet mit 8 Kommentaren

Schlimm genug, dass es in vielen Schulen so zugeht, wie es diese Gesamtschullehrerin in ihren kleinen "amüsanten" Episoden beschreibt. Ich möchte nicht mit ihr tauschen. Sie braucht starke Bandagen, ein dickes Fell, gleichzeitig ein gewaltig hypertrophes Herz – und viel Humor, um Schüler des porträtierten Kalibers nicht nur zu ertragen, sondern sogar zu betreuen und im besten Fall zu erreichen.

All das bringt die Autorin mit – und auch die Gabe, ihren höchsten Respekt verdienenden Alltag locker-flockig zu schildern. Insofern: Gut gemacht, Frau Freitag. Aber mit diesem Buch muss es sich dann auch ausgechillt haben, bitteschön.

Denn was sich so lustig liest, ist in meinen Augen einfach nur furchtbar traurig. Nein, das alles hat absolut nichts mehr mit "Schülerstreichen" zu tun. Da gehen junge Menschen zur Schule (sofern sie denn überhaupt erscheinen) – und lassen die kostbarste Zeit ihres Lebens hohl und leer verrinnen. Lernen ist nicht hip – und wofür auch? Irgend jemand wird ihr Leben schon richten. So die weit verbreitete Lebensphilosophie, die über viele Kanäle Verstärkung findet.

Wie konnte es soweit kommen in einem hochzivilisierten Land, in dem viele Generationen hart um eben jene Rechte gekämpft haben, die nun von vielen Jugendlichen und deren Eltern mit Füßen getreten werden – das Recht auf Schulbildung, auf die freie Entfaltung der besten Talente, die jeder in sich trägt, auf ungehinderten Aufstieg in einer freien Gesellschaft? Die Antworten sind komplex, und wir alle kennen die politisch korrekten Diskussionen um Migrationsprobleme, um Eltern, die sich nicht kümmern, um die Medien, um die falschen Vorbilder. Konsequenzen daraus – eine Besinnung oder gar ein Konsens über das, was einer Gesellschaft gut tut, geschweige denn ein konkretes politisches Umlenken – kann ich nirgendwo erkennen. Wohin treibt unsere Gesellschaft, wenn diese Entwicklung weiter toleriert wird? Wenn ich mir vorstelle, wie viele dieser Erols, Reinholds, Samiras usw. mit den hier "anrührend und vor allem sehr lustig" (so die Kurzbeschreibung) vorgestellten Aktivitäten jegliche Ansätze zu einer vernünftigen Weiterentwicklung ihrer Altersgenossen schon im Keim ersticken (von den ins Leere laufenden Lehrerleben ganz zu schweigen) , dann können wir einpacken ...

"Frau Freitags" Buch ist in diesem Sinne kontraproduktiv: Indem es erschreckende Verhältnisse als Comedy präsentiert, verharmlost es, anstatt sie anzuprangern, bringt den Leser zum Kichern, anstatt ihn zu erschrecken.

Die Autorin nennt sich "Frau Freitag". Das kann man witzig finden. Aber indem sie auf ihren Vornamen verzichtet, reduziert sie ihre Persönlichkeit auf das, was ihre Schüler ihr zugestehen – eine funktionale Fassade; das Individuum dahinter blendet sie selber aus. Oder betrachtet "Frau Freitag" dieses Minimum an Respektsbezeugung etwa schon als Ehrentitel?


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Kommentare

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Zu »Chill mal, Frau Freitag« von Frau Freitag wurden 8 Kommentare verfasst:

Frank schrieb am 05.03.2011:

Meiner Meinung nach ist Humor genau die richtige Herangehensweise, um den Leser/innen die Situation an Schulen in sozial schwachen Gebieten nahezubringen.
Der Stil ist erfrischend, direkt, kraftvoll, charmant und frech. Gerade dann, wenn einem das Lachen im Halse stecken bleibt, wird doch ein nachhaltiger Effekt erreicht. Niemand will eine wissenschaftliche Arbeit ber die Integrationsproblematik und die Auswirkungen auf den Schulbetrieb in Haupt- und Realschulen lesen. Aber ein mit feurigem Enthusiasmus geschriebens Werk wie "Chill mal, Frau Freitag" wird die Leute erreichen und zum Nachdenken anregen.
Und dabei machen die offenbar ber den Unterrichtsalltag hinausgehenden Themen wie Jugendsprache, neue Medien, muslimischer Antisemitismus, Musik, Islamische Feiertage, Essgewohnheiten der Jugendlichen usw. zum Einen die Situation der Jugend einer bestimmten Schicht fr eine breite Leserschicht erfahrbar und spiegeln dazu auch den Alltag der hufig nur theoretisch erfassten Integrationsproblematik in der heutigen Schlergeneration direkt wider.
Der Lehrer-Alltag wird ungeschminkt zu Paper gebracht und nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, die Situation in unserem Land moralisch anprangernd, wie sich das der besorgte Rezensent hier offenbar vorstellt.
Besonders in den Zwischentnen wird hier viel besser deutlich, wie man den heutigen Problemen entgegentreten kann. Mit einer nicht zu ernsthaften, dabei aber immer respektvollen, engagierten Haltung. Als Lehrerin erscheint mir die Autorin dadurch ein geeignetes Vorbild fr viele deillusionierte und ausgebrannte Pdagogen zu sein. Und das bei aller Komik die beste Botschaft, die ein solches Buch senden kann.

Also dann, viel Spa beim Lesen ...

Jack schrieb am 10.04.2011:

Meiner Meinung nach ein hervorragendes Buch. Wenn ich etwas von ewig noergelnden Besserwissern lesen moechte, dann lese ich dieses schwuelstige Geschreibe von Sarrazin. Wenn ich etwas von Menschen mit Verfolgungswahn und einer gestoerten Personelichkeit lesen moechte, dann koennte ich mir ein Buch von Udo Ulfkotte stehlen.
Nein, dieses Buch kommt ganz ohne diese Schwarzmalerei der beiden genannten Herren aus und ist in meinen Augen trotzdem nicht verharmlosend. Ja, es bringt mich zum kichern, zum lachen gar. Warum sollte es die Aufgabe haben zu erschrecken?

Zitat: Wie konnte es soweit kommen in einem hochzivilisierten Land, in dem viele Generationen hart um eben jene Rechte gekmpft haben, die nun von vielen Jugendlichen und deren Eltern mit Fen getreten werden ...

Lieber Rezensent, seit wievielen Generationen ist dieses Land denn ach so hochzivilisiert? Liegt das Dritte Reich schon so viele Jahrhunderte zurueck?

estate schrieb am 11.04.2011:

@Jack: "viele Generationen" haben fr jene Rechte gekmpft - und die zhlen alle nix nur wegen 12 Jahren? Komisches Geschichtsverstndnis ...

hummel schrieb am 12.04.2011:

"Die Autorin nennt sich "Frau Freitag". Das kann man witzig finden. Aber indem sie auf ihren Vornamen verzichtet, reduziert sie ihre Persnlichkeit auf das, was ihre Schler ihr zugestehen - eine funktionale Fassade; das Individuum dahinter blendet sie selber aus. Oder betrachtet "Frau Freitag" dieses Minimum an Respektsbezeugung etwa schon als Ehrentitel?"
Das ist ein Pseudonym - was bringt da ein Vorname?
Ich glaube, hier wird zu viel interpretiert und vor allem gekrampft... Die Situation ist bescheiden, ganz klar, aber ich bewundere diese Frau fr ihr Engagement und ihren Humor und dafr sage ich jetzt einfach mal "danke".

Rollin schrieb am 13.06.2011:

Zunchst mchte ich festhalten, dass ich, als Kind derselben Generation wie Frau Freitag mit zwei Lehrern als Eltern und inzwischen ber Umwege selbst Lehrer geworden, weiss, wovon ich spreche.
Ich persnlich finde es schade, dass weite Strecken des Buches damit gestaltet wurden, in kleinen Anekdoten zu zeigen wie "cool" Frau Freitag ist (-und damit eigentlich genauso unreif und pubertr wie ihre Schler).
Wie man trotz gesellschaftlicher Missstnde, die nicht nur in Frau Freitags Schule herrschen, Lernerfolge erzielen kann, und gegebenenfalls doch sensibel mit den von ihren Schlern nach auen zur Schau getragenen menschlichen Tragdien umgehen kann, wird zugunsten narzistischer Egomanie seitens der Lehrerin und mittelmiger Pointen auf Kosten der Schler ausgespart.
Man kann nur hoffen, dass Frau Freitag eines Tages eigene Kinder hat und sich ihrer Verantwortung als Lehrerin bewut wird und dann vielleicht eine Art Scham fr dieses Buch entwickelt, dass -trotz gelegentlicher Kurzweil- kaum ber dem Niveau einer Doku-Soap steht.

Mr.Smith schrieb am 05.01.2012:

@Rollin.Man kann nur hoffen, dass Frau Freitag eines Tages eigene Kinder hat und sich ihrer Verantwortung als Lehrerin bewut wird und dann vielleicht eine Art Scham fr dieses Buch entwickelt, dass -trotz gelegentlicher Kurzweil- kaum ber dem Niveau einer Doku-Soap steht...

Das Niveau ist hervorragend dem der heranwachsenden Generation von Bildungs und Sprachkrppeln angepasst.
Scham ? Ich schme mich auch fr das mangelhafte Allgemeinwissen meiner 20J.Tochter.
( steht kurz vorm Abi )
Alles in allem ein sehr unterhaltsames Buch,dass letztlich mit viel Humor zumindest meine seit Jahren bestehende Denkweise besttigt.

...lyp schrieb am 15.03.2012:

Vielleicht sollte der Rezensent/die Rezensentin einmal daran denken, dass diese Jugend das Ergebnis unserer falschen, nachlssigen, lieblosen, nicht-verstehen-wollenden Erziehung ist.
Und fr diese Gesellschaft sind wir Erwachsenen verantwortlich. Es ist so einfach, alles auf die bse Jugend zu schieben, denn diese Jugend steht auf, wenn ein Hilfsbedrftiger einen Sitzplatz braucht - nicht die ach so wohlerzogenen, ber diese Jugend schimpfenden 30-50 jhrigen. Hilfsbereitschaft findet man bei Letztgenannten nicht.
Diese Verlogenheit der Erwachsenen kann ich einfach nicht mehr hren.

Ano Nym schrieb am 05.02.2013:

Ich kenne Frau Freitag, und ich kenne auch ihre Schler, denn ich unterrichte sie teilweise selber. Keine Situation ist berspitzt, es ist genauso.
Dem kann man nicht anders reagieren, als es Frau Freitag tut. Mit allem anderen wird man nur wahnsinnig.

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