Rezension zu »Ungebetene Gäste« von Ayelet Gundar-Goshen

Ungebetene Gäste

von


Ein Nachmittag gerät außer Kontrolle: Vom Balkon der jungen Mutter Naomi fällt ein Hammer, ein Mann stirbt, ein Unschuldiger wird festgenommen – weil sie schweigt. Ayelet Gundar-Goshen erzählt ein präzises Moraldrama über Angst, Vorurteil und Verantwortung. Ein späterer Handlungsstrang in Lagos/Nigeria weitet den Rahmen, doch die größte Wucht entfaltet der intime Nahblick auf eine Familie im Ausnahmezustand.
Belletristik · Kein & Aber · · 315 S. · ISBN 9783036950631
Sprache: de · Herkunft: il

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Die Last eines Augenblicks

Rezension vom 30.08.2025 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Seit der Geburt des Söhnchens dreht sich Naomis Leben nur noch um den kleinen, unsäglich an­stren­gen­den Uri, der fort­während nach Auf­merk­sam­keit schreit, in der Wohnung umher robbt und alles ergreift, was seine Finger­chen zu fassen bekommen. Wie rück­sichts­los von Juval, ihrem Ehe­mann, aus­ge­rech­net in dieser Zeit einen Hand­werker zu bestel­len, der die Balkon­brüstung aus­bessern soll. Außer­dem hat Naomi ein sehr ungutes Gefühl, denn jetzt ist sie mit ihm und dem Baby allein in der Wohnung, und der Arbeiter ist Araber.

Naomi will keine Ressentiments und Ängste aufkommen lassen, zumal der Fremde sich als netter Mann entpuppt, der schnell das Inter­esse des unruhig quen­geln­den Uri auf sich zu lenken vermag. Sie stellt ihm Kaffee und ein paar Kekse hin und zieht sich mit dem Baby ins Schlaf­zimmer zurück, um zu stillen und zu ent­span­nen. Damit ist es schnell vorbei, als der Arbeiter an die Tür klopft: Auf dem Balkon sei sein Farb­eimer umge­fallen, er benö­tige einen Lappen. Naomi will ihm die Putz­arbeit abnehmen. Wo ist Uri schon wieder? Der Mann bittet, das WC benutzen zu dürfen. Jetzt die unan­geneh­men Ge­räu­sche aus der Toilette, draußen das müh­selige Auf­wischen der Farbe, drinnen er­kun­den Uris Händ­chen die Scherben eines herun­terge­falle­nen Glas­tellers – Naomis Nerven liegen blank, Über­blick und Kon­trolle ent­gleiten ihr … Wie konnte sie nicht be­mer­ken, wie ihr Baby in­mit­ten des Chaos auf den Balkon robbt, sich auf den Blumen­kübel hinauf­hangelt, dabei den Hammer auf der Brüs­tung an­tippt? Uri schreit wie am Spieß, denn erneut ist der Farb­eimer umge­kippt, und auch von der Straße unten dringt ver­zwei­feltes Geschrei herauf. Dort liegt ein junger Mann auf dem Gehweg, sein Kopf in einer Blut­lache.

Schon ist die Polizei vor Ort. Aufge­brachte Passanten berichten aufge­regt: »Araber reno­vieren im fünften Stock … Man hat ihm einen Hammer an den Kopf geworfen … das ist ein Anschlag!« Der Vater des Toten, ein jüdi­scher Lebens­mittel­händler, lässt seinem tief ver­wurzel­ten Hass auf die »arabi­schen Maniacs« freien Lauf. Derweil sind die Poli­zisten im fünften Stock und nehmen den rat­losen Araber fest, als er gerade die Toilette ver­lassen hat. Naomi bringt dazu kein Wort heraus. Sie ringt mit ihrer Über­belas­tung, ihrer Fahr­lässig­keit, den Vor­würfen, die Juval erheben wird.

So beginnt der Roman »Ungebetene Gäste« buch­stäblich hammer­hart und stürzt seine Prota­gonis­ten und uns in ein atem­loses Moral­drama, das Privates und Politi­sches unlös­bar verquickt. Im Zentrum steht Naomi, die frisch­ge­ba­ckene, un­vor­berei­tete Mutter, erschöpft, über­fordert, tau­melnd zwischen Fürsorge, Ängsten, Vor­urteil und gutem Willen. Se­kunden der Un­acht­sam­keit kosten einen Unbe­teilig­ten das Leben, und ein Un­schul­diger wird eines Ver­brechens ange­klagt. Wider besseres Wissen schweigt Naomi zu allem – der erste Schritt in eine Schuld, die fortan alle Räume ihres Lebens be­setzt.

Ayelet Gundar-Goshen nutzt die Enge der Wohnung wie eine Bühne: Hier ver­dich­ten sich die Ge­räu­sche des Alltags zu einem ner­vösen Puls­schlag; hier prallen Vorur­teil, Hilf­losig­keit und Selbst­schutz auf­ein­ander. Die Handlung führt vor, wie rasch Sorge in Panik, Verdacht in Gewiss­heit kippt und wie bequem gängige gesell­schaft­liche Deutung dem Ein­zel­nen die Eigen­ver­ant­wor­tung ab­nimmt. Zugleich macht uns die Autorin den be­grenz­ten, selek­tiven Blick Naomis bewusst: Stets fokus­siert auf ihr Kind und sich selbst, sieht sie nicht, was ihr Schweigen mit Juval, ihrem Mann, und mit der Familie des zu Unrecht Be­schul­digten anrichtet.

Besonders stark ist der Roman, wenn er die Eskalation als soziale Choreo­graphie insze­niert: Der drei­zehn­jährige Said, der seinem Vater das Essen bringt, gerät in die Hände eines aufge­heizten Mobs, der bei dem Jungen einen Spreng­satz vermutet; erst als aus der ver­meint­lichen Gefahr eine schlichte Tüte mit Gemüse und Obst wird, bricht die Raserei. Auch Juvals Handeln (teils aus mili­täri­schem Instinkt als Soldat, teils aus Für­sorge als Ehe­mann und Vater) bleibt in den Reflexen eines Landes gefangen, das perma­nent im Alarm­zu­stand lebt. Gundar-Goshen zeigt über­zeu­gend, wie eine Gesell­schaft, die stets mit dem Schlimms­ten rechnet, leicht­fertig das Schlimmste erzeugt.

Als Naomi sich ihrer Verantwortung nicht mehr entziehen kann, erreicht der Plot einen Wende­punkt und führt in einer zweiten Be­wegung hinaus aus Tel Aviv. Juval erhält ein Angebot, als Ausbilder die nigeria­nische Luftwaffe zu unter­stützen. Der Umzug der Familie nach Lagos ver­spricht Abstand und bringt doch keine Er­lösung. Der Orts­wechsel ver­größert die Bühne, auf der sich Fragen nach Schuld und Ver­ant­wortung ver­han­deln. Ein um­fäng­licher politi­scher Exkurs zur Rolle Israels im nige­riani­schen Bürger­krieg um die Region Biafra (1967 bis 1970) erweitert das mora­lische Pano­rama, nimmt der zentralen Tel-Aviv-Hand­lung aber das Tempo. Im privaten Bereich erweist sich ein Hand­lungs­strang um Naomi, Juval und die Thera­peutin Noga in Lagos zwar als drama­turgisch effekt­voll, wirkt aber bei kriti­scher Be­trach­tung allzu un­realis­tisch kon­struiert. Wo der Roman am stärksten ist – im präzisen Nah­blick auf einen Haus­halt im Aus­nahme­zustand –, schwächt ihn zu­weilen die Last zusätz­licher Stränge.

Formal schreibt Gundar-Goshen mit psycho­logi­scher Zartheit und erzähle­rischer Härte. Sie formt ihre Figuren nicht entlang von Thesen, sondern als lebende Menschen. Sie lauscht ihren Ängsten, Aus­flüch­ten, Ausreden – und dem hart­näcki­gen Ticken der Schuld­gefühle. Besonders Naomi ist keine Alle­gorie, sondern eine kluge Frau mitten in ihrem Alltag als Mutter: instinkt­ge­steuert, wider­sprüch­lich, heil­froh, wenn das Baby endlich schläft, und zu­gleich fähig, die eine Ent­schei­dung zu treffen, die alles verdirbt. Das macht den Roman so unan­genehm wahr: Das Unge­heuer­liche geschieht nicht gegen Vernunft und Wissen, sondern aus dem Bedürf­nis heraus, sich und die Näch­sten zu schützen.

Unter der Oberfläche des Thrillers brechen gewichtige Ethik­probleme auf. Was schulden wir der Wahr­heit, wenn sie uns selbst bedroht oder gar ver­nich­tet? Macht ein Ge­ständ­nis frei – oder ver­schiebt es die Last nur auf andere? Wie viel von dem, was wir »Moral« nennen, ist bloß die Summe unserer Ängste, unserer Milieus, unserer Schlag­zeilen? Gundar-Goshen beant­wortet nichts end­gültig; sie lässt die Figuren mit den Folgen leben. Das ist die rei­fere, schmerz­lichere Ge­rechtig­keit, die Literatur leisten kann.So bleibt »Ungebetene Gäste« ein Roman über unge­betene Be­gleiter: Angst, Vorur­teil, Zufall und die Schuld, die man aus der Wohnung nicht mehr hinaus­kom­pli­men­tie­ren kann. Trotz ver­dün­nen­der Per­spek­tiv­wei­tun­gen über­wiegt am Ende die Wucht seiner klugen, beun­ruhi­gen­den Erzäh­lung darüber, wie schnell in einer zer­klüf­teten Welt ein Mensch zum Feind erklärt ist – und wie schwer es ist, dann noch Mensch zu bleiben.


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