Rezension zu Ayelet Gundar-Goshen: »Löwen wecken«

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Löwen wecken

Belletristik · Kein & Aber · · Gebunden · 432 S. · ISBN 9783036957142
Sprache: de · Herkunft: il

Bewertung: 4 Sterne
Erzwungene Sühne

Rezension vom 01.11.2015 · 21 x als hilfreich bewertet · mit 1 Kommentaren

Ein perfekter Mensch ist Dr. Etan Grien, 41, nicht, aber ein aufrechter, liberaler Staats­bürger, nicht reli­giös, aber mit festen Moral­vor­stel­lungen. Deswegen konnte er die Korrup­tions­fälle auf seiner Station im Zentral­kranken­haus Tel Aviv nicht weiter decken. Er musste das Richtige tun: sie zur Anzeige bringen, auch wenn er damit seinen Vorge­setzten, den Professor und Chefarzt, belastete. Doch niemand zog den Übeltäter zur Rechen­schaft. Vielmehr entle­digte man sich des ›Denun­zianten‹, indem man ihn wort­wört­lich in die Wüste schickte.

Seine neue Wirkungs­stätte: ein Kran­ken­haus in der Provinz. Der Neuro­chirurg leidet in der Verbannung. Arbeits­losig­keit, Krimi­nalität, Unrat in den Grün­anlagen und über allem eine Schicht von pudrigem Staub, mit dem der Wüsten­wind unauf­hörlich alles überdeckt. Den Staub hasst Etan noch mehr als die Einwohner dieser Stadt Beer Scheva.

Die Arbeits­bedin­gun­gen sind eine Zu­mu­tung, Über­stunden die Regel. So bleibt Etan nicht einmal mehr genug Zeit für seine Frau Liat und die beiden Söhne (6 und 8). Liat ist Kriminal­beamtin und war auch mit der Korrup­tions­affäre in Tel Aviv befasst. Wäre die Sache anders ausge­gangen, wenn sie sich stärker en­gagiert hätte? Ein gewisses Schuld­gefühl mag zu dem Geschenk beige­tragen haben, das sie Etan als Trost­pflaster für den unfrei­willigen Orts­wechsel gönnte: einen dicken roten Ge­län­de­­wagen.

Aus dieser Kon­stella­tion von Umständen – nicht schön, aber nicht uner­träglich – stürzt die israe­lische Au­torin Ayelet Gundar-Goshen (Jahrgang 1982) ihren ehren­werten Protagonisten nun in eine Art von viel­schich­tigem Verderben – unerwartet, un­mora­lisch und uner­träglich. Erschöpft von einem neun­zehn­stündi­gen hoch­konzentrier­ten Arbeits­tag sucht Etan um zwei Uhr nachts noch etwas Ent­span­nung, indem er sei­nen »Panzer von Mercedes« durch die Wüste hetzt, seine Leis­tun­gen ausreizt. Mitten im Gelände überfährt er einen Mann. Nach kurzer Unter­suchung des unrettbar Ster­ben­den und dem Abhaken seiner eigenen Ret­tungs­optio­nen ent­schei­det er sich für die Unfall­flucht. Sein Opfer, so weiß er, ist ein schwarzer Eritreer ohne Auf­ent­halts­recht, ein »Infil­trant «.

Schon am nächsten Morgen steht Sirkit, die junge Frau des Getöteten, vor Etans Tür. Sie sah den Unfall und seine Flucht – und fand sein Porte­mon­naie neben der Leiche ihres Mannes. Groß, schlank und sehr schön, diktiert Sirkit bald ihre Bedin­gun­gen für Etans Sühne: Nicht Geld, sondern medi­zini­sche Versor­gung fordert sie, nicht für sich, sondern für ihre »Leute« – Flücht­linge, die sich in kein Kran­ken­haus trauen, die Angst haben, inter­niert zu werden.

Dr. Etan Grien führt von jetzt an zwei Leben. Das offi­zielle über Tag ist schwer genug. Das geheime in der Nacht aber ist sein Purga­torium. Auf einem rostigen Metall­tisch in einer seit langem verlas­senen dunklen Werkstatt operiert er die sich in unend­licher Kolonne herbei­schlep­pen­den Kranken, verarztet ihre auf der Flucht ge­schun­denen, ver­wahr­losten Leiber, ihre schwä­ren­den Wunden und offenen Infekte. Er ekelt sich vor all diesen Kör­per­säf­ten, dem »Fleisch«, das nach »Verwesung« riecht. Für diese Menschen, mit denen er keine gemein­same Sprache hat außer rudi­mentäre Mimik und Gebärden, mit denen sie ihm unend­liche Dank­bar­keit bedeuten, hat er nur ein Gefühl: Er »hasste sie«. Dabei unter­schei­det er sehr wohl zwischen der frei­willi­gen ethischen Ver­pflich­tung, »jeden Menschen zu behandeln«, die er durch seinen ärzt­lichen Schwur auf sich genommen hat, und der Erpres­sung durch Sikrit, die »eritrei­sche Hündin« und seine Ne­mesis, die all sein Tun überwacht.

Neben der körper­lichen Auslaugung macht Etan sein Verfall als Persön­lich­keit zu schaffen. Was ist von dem Studenten mit Aus­zeich­nung, dem Elite­offi­zier und ange­sehe­nen Arzt geblieben? Einer, der im Kran­ken­haus Medika­mente klaut. Einer, der seine Frau belügt, sich mit ständigen Ausreden durch­laviert. Wäh­rend ihn Selbst­verach­tung zermürbt, wächst der Hass auf die ihm aufge­zwun­genen Patienten und vor allem die schwarze Frau, die ihn zur Ab­arbei­tung seiner Schuld zwingt.

Inzwischen bearbeitet ausgerechnet Liat den tödlichen Auto­unfall mit Fahrer­flucht in der Wüste. Sich sei­ner Frau endlich anzu­ver­trauen, das scheint Etan immer weniger möglich. Natürlich ist ihm daran gelegen, ein Ehemann und Vater ohne Makel zu bleiben. Aber auch Liat wagt es nicht, zu hinter­fragen, wo ihr Mann jede Nacht steckt, warum er nicht mehr schlafen kann. Ihm nachzu­spio­nie­ren könnte das schöne Bild einer vor­bild­lichen Ehe gefährden, das sie vor sich und der Außenwelt stets gehegt hat. Der treue, tolerante Partner ist ein wesent­liches Element in dieser Kon­stella­tion, in der sie sich selbst als Schwach­stelle wahr­nimmt. Ursache ihrer Scham ist ihre Herkunft: Sie stammt aus dem Irak. Schon seit langem kom­pen­siert sie ihre ver­meint­liche Minder­wertig­keit, indem sie diese Identität zu ver­leug­nen sucht. Sie hat ihren iraki­schen Namen abgelegt, ließ ihre schwarzen Körper­haare epilieren und erhob Sauber­keit zum Maß aller Dinge. Wenn sie selber schon niemals rein sein wird, so soll es doch ihre Wohnung sein.

»Löwen wecken« (von Ruth Achlama ins Deutsche übersetzt) ist ein faszi­nie­ren­der, viel­schich­tiger Roman. In erster Linie hält die Krimi­hand­lung den Leser vom ersten Satz bis zum un­er­war­te­ten Schluss in Atem. Wie kann sich Etan aus der Über­macht seiner Richterin und Voll­stre­cke­rin befreien? Kann die Polizei – womöglich Liat? – den Unfall­flüch­tigen identi­fizie­ren? Ein Ehrenmord und die düsteren Machen­schaf­ten einer Drogen­bande ver­brei­tern die an­fäng­liche Zwei- bzw. Drei-Personen-Basis. Während die äußere Handlung voran­schrei­tet, enthüllen Rück­blen­den und Re­flexio­nen aus unter­schied­lichen Per­spek­tiven über ein und dieselbe Situation auf­schluss­reiche Innen­an­sich­ten. Die Autorin – eine studierte Psycho­login mit großem Erfah­rungs­schatz im Umgang mit Patienten und überdies mit be­mer­kens­wertem litera­rischen Ta­lent – ent­wickelt über­zeu­gend die komplexen Per­sön­lich­keits­struk­turen ihrer Prota­gonis­ten Etan, Sirkit und Liat, allesamt ambi­valente, bis ins Tiefste zer­ris­se­ne Charaktere. Hinter Sirkits Fassade einer hoch­mü­ti­gen, aristo­kra­ti­schen »Sphinx« bei­spiels­weise hat ein trost­loses Leben seine Spuren hinter­lassen, die sie nicht unter­drücken kann, und obwohl beide – Sirkit und Etan – einander aus gutem Grund verab­scheuen, verfallen sie doch ihrer gegen­seitigen Aus­strah­lung.

So kommen unter­schied­liche Wahrheiten und brisante Fragen um Verant­wor­tung und Schuld ins Spiel. Wie zum Beispiel hätte der Arzt gehandelt, wenn er statt des eritrei­schen Flücht­lings ein junges weißes Mäd­chen ange­fahren hätte?

Dieses Buch habe ich in die Liste meiner 20 Lieblings­bücher im Herbst 2015 auf­ge­nom­men.


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von Ayelet Gundar-Goshen
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Kommentare

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Zu »Löwen wecken« von Ayelet Gundar-Goshen wurden 1 Kommentare verfasst:

Beatrix Petrikowski schrieb am 14.07.2016:

Ein Geflecht aus Lügen, die Ereignisse überschlagen sich zum Ende und die Autorin wartet mit einer Überraschung auf. Ein gelungenes Werk!

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