Rezension zu »Meine Schwester Frida« von Bárbara Mujica

Meine Schwester Frida

von


Belletristik · Fischer · · Taschenbuch · 447 S. · ISBN 9783596158188
Sprache: de · Herkunft: us

Zwei starke Schwestern

Rezension vom 14.05.2010 · 5 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

"Mein Name ist Magdalena, Carmen Frida Kahlo y Calderon. Auf diesen Namen bin ich kirchlich getauft. Meine Mutter ist Mexikanerin. Und nur das zählt, auch wenn mein Vater deutscher Jude ist." Im Alter von sechs Jahren wehrt sie sich heftig gegen den Spott ihrer Klassenkameradinnen. "Du gehörst nicht hierher. Du bist Jüdin!" Estela ist die Wortführerin. Mit derben Worten schlägt Frida zurück: "Deine Mutter ist so gemein, dass ihr Schlangen und Spinnen aus der Fotze kriechen" ...

Der teils biographische, teils fiktive Roman "Meine Schwester Frida" lässt uns einem Gespräch zuhören, welches die jüngere Schwester Cristina mit einem amerikanischen Psychologen führt. Die Autorin hat es sich, wie im Nachwort erwähnt, zum Ziel gesetzt, das Leben einer gewöhnlichen Schwester neben einer außergewöhnlichen Frau darzustellen. Dabei reizt es sie insbesondere, die menschliche Beziehung zwischen diesen Beiden zu gestalten. Ihr Hauptmotiv – die "scheinbar unbegrenzte Fähigkeit, anderen wehzutun, auch denen, die man aufrichtig liebt" – hat sie überzeugend umgesetzt und sich zu diesem Zweck Informationen aus unterschiedlichsten Quellen bedient. Reale, historische Ereignisse fließen in die Erzählung ebenso ein wie fiktionale Szenen. Das macht die Lektüre besonders reizvoll.

In schnoddrig-derber Sprache schildert Cristina den aufregenden und erschütternden Lebenslauf ihrer Schwester Frida. Diese wurde 1907 geboren, bestimmt aber lieber das Jahr 1910 zu ihrem Geburtsjahr, denn das war das Jahr der mexikanischen Revolution. Schon früh setzt sich ihr markanter Charakter durch: emanzipatorisch, selbstsüchtig, exzentrisch, launisch, eifersüchtig, depressiv, orgiastisch in ihrer grenzenlos freien Sexualität mit Männern und Frauen, kommunistisch. Gleichzeitig nimmt sie gern das Geld der verpönten Amerikaner für ihre Werke an, und auf Partys gibt sie sich glamourös inmitten der Crème de la Crème. Ein dominanter Charakterzug ist ihre Selbstverliebtheit; mehr als 50 Selbstbildnisse – in volkstümlichem Surrealismus gestaltet – bezeugen eine lebenslange Romanze mit sich selbst.

Bei aller überbordenden Vitalität ist ihr Leben von Krankheit geprägt. Als Kind erleidet sie Kinderlähmung, doch die Katastrophe bringt ein furchtbarer Unfall, als ein Omnibus, in dem sie sitzt, mit einer Tram zusammenstößt. Über Jahre ist sie ans Bett gefesselt, in einem Gipsbett und in käfigartigen Gebilden gefangen. Immer wieder werden Folgeoperationen notwendig; gegen Ende ihres Lebens muss ein Bein amputiert werden. Ihre Schmerzen sind unsäglich. Selbstmordversuche und der Wunsch, ihre Schwester möge ihr dabei helfen, erschrecken uns, aber verstehen wird wohl jeder.

Eine zentrale Rolle in Frida Kahlos Leben spielt Diego Rivera, der Maler der mexikanischen Revolution und Nationalheld, dessen Fresken zu Volks- und Arbeiterthemen noch heute viele öffentliche Bauten schmücken. Diesem hässlichen, dicken, ungepflegten Mann – "er hat kurze Arme, wie die Vorderbeine einer Kröte" – liegen die Frauen zu Füßen, und er nimmt alle, die er kriegen kann. Frida lernt ihn lieben und hassen, und sie heiraten. Doch Schwester Cristina wird zu seinem Lieblingsaktmodell. In seinen gemalten Allegorien stellt sie Weisheit und Leben dar. Natürlich haben sie eine Affäre und zeigen sich in aller Öffentlichkeit. Demütigung, Verletzung, Rache, Trennung prägen die Beziehungen der drei Personen untereinander.

Die Ehe zwischen dem unbeherrschten Egozentriker Diego und Frida, die ihm in Wut, Verzweiflung, Lust und Freiheitsdrang eng seelenverwandt ist, steht ständig unter Spannung. Beide leben rücksichtslos in ihrer Selbstbestimmung. Sie trennen sich, heiraten wieder, trennen sich erneut ... Als Cristina zur Geliebten Diegos wird, lebt sie eine Zeitlang auf, kann aber ihr Schuldgefühl gegenüber Frida niemals ablegen. Diese wiederum missachtet, kommandiert, beleidigt und nutzt sie aufs Schäbigste aus. Cristinas Gefühle bleiben zwiespältig, grausam, aber verständlich. Schon als Kind kaum wahrgenommen, während Frida als Papas Liebling bevorzugt wurde, wünscht sie sich, Frida möge sterben.

Beide Frauen haben starke Charaktere. Frida bäumt sich auf, zwingt sich mit äußerster Willensanstrengung und trotz unerträglicher Schmerzen, ihre Vernissage in der Alvarez-Galerie für zeitgenössische Kunst in Mexiko City zu eröffnen. Cristinas Liebe übersteigt schließlich ihren Hass und gibt ihr die Kraft, die Schwester bis zu deren Tod (1954) zu pflegen. "Eine gewöhnliche Schwester" ist auch Cristina keineswegs.

Dieses Buch ist eine ideale Ergänzung zu der Ausstellung "Frida Kahlo" im Martin-Gropius-Bau in Berlin (bis 9. August 2010).


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