Rezension zu »Vortreffliche Frauen« von Barbara Pym

Vortreffliche Frauen

von


Im London der Nachkriegszeit hat sich Jungfer Mildred mit ihrer Rolle arrangiert. In ihrer Gemeinde hilft sie still, wo immer sie gefragt wird, sei es beim Bazar oder als wandelnder Kummerkasten. Für Männer ist sie ein Neutrum. Doch mit neuen Mietern ziehen neue Sitten ein: Schluss mit Prüderie, Zurückhaltung und selbstloser Aufopferung.
Belletristik · Dumont · · 350 S. · ISBN 9783832183820
Sprache: de · Herkunft: gb

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Rezension vom 16.09.2019 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Mildred Lathbury ist nicht nur eine »vortreffliche Frau«, sondern – zumindest in ihrer Zeit, den späten Vierziger­jahren – vielleicht sogar eine ideale Partnerin. Sie ist ver­ständnis­voll, geduldig, zurück­haltend, fleißig, hilfsbereit und beherrscht. Trotzdem ist sie mit ihren über dreißig Lebens­jahren noch immer ungebunden und un­verhei­ratet.

Freilich fehlt Mildred auch manches, was Mann sich unter einer idealen Partnerin vorstellt. Ihr Äußeres ist »farblos und unscheinbar«, braungrauer Rock und Kittel­schürze fördern ihre Attrakti­vität nicht, und ihren Kon­versa­tionen mangelt es nicht an taktischem Geschick, wohl aber an Esprit. So nehmen Männer die »alt­jüngfer­liche« Erscheinung als Neutrum wahr.

All dies weiß Mildred, die Protagonistin und lakonische Ich-Erzählerin dieses zärtlich schmerz­haften, leise ironischen, herrlich unzeitge­mäßen Romans mitten aus der mittleren Mittel­klasse Englands, wie es einmal war. Und sie weiß um die Qualitäten, deretwegen sie zu den Frauen gezählt wird, die in ihrer Gesell­schaft als »vortrefflich« gelten. Sie übernehmen ehren­amtlich Aufgaben in der Gemeinde. Sie kümmern sich um ihre Nachbar­schaft und die Älteren. Sie sind für alles und jedes nützlich. Sie machen kein Aufhebens um ihre Arbeit und erwarten keinen Dank. Sie leben zurückge­zogen in einfachen Verhält­nissen und haben keine Bedürfnisse im Leben. Sie sind beliebte Anlauf­stellen für Mitmenschen, die für ihre privaten Anliegen Rat und Tat suchen. Die Gesell­schaft umgibt diese Frauen mit einer hohen moralischen Schutzmauer und legt fest, was sich für sie schickt und was nicht. Was beispiels­weise gar nicht geht, ist Eigen­initia­tive, um sich aus Einsamkeit und Ge­schlechts­losig­keit zu befreien, und schon gleich nicht, auf einen allein­stehenden Mann zuzugehen.

Mildred, die einem ländlichen Pfarrerhaushalt entstammt, macht sich keine Illusionen über ihre soziale Position und Funktion. Sie hat sich in ihrem ruhigen, geregelten Alltag, ihrem beschei­denen Seelenleben und in ihrer Rolle als graue Maus arrangiert, ohne ihre Würde aufzugeben. Das Koor­dinaten­system ihres Lebens liefert die anglikani­sche Kirche (High Church natürlich), Dreh- und Angelpunkt ist der sonntäg­liche Kirchgang. Mildred lebt in einer kleinen, nicht ab­geschlos­senen Wohnung, deren Bad sie mit den Mietern der darunter liegenden Räume teilt.

Nun steht ein Möbelwagen vor der Tür. Mildred fegt extra die Treppe, um die neue Mieterin, »blond und hübsch, flott gekleidet in Cordhose und einer bunten Strickjacke«, und ihre Möbelstücke beiläufig zu erspähen. Ihr Vorsatz, Mrs Helena Napier bei Zeiten zu einem kulti­vierten Kennen­lernen einzuladen, scheitert an den inadäquaten Umständen ihrer ersten Begegnung im Müllkeller. Stattdessen lädt Mrs Napier sie ein, und bei Tee aus dem Becher (statt »mit meinen besten Kaffee­tassen und Keksen in kleinen Silber­schälchen«) sieht und hört die ratlos staunende Mildred, dass Helena »furchtbar schlampig« sei, das Gemein­schafts­bad »grässlich« finde, sich ihres Klopapiers bedient habe und mög­licher­weise vergessen werde, neues zu kaufen – alles Dinge, über die man in Mildreds verschämten Kreisen schweigt. Rätselhaft ist ihr auch, dass Helena als »An­thropo­login« durch Afrika gereist sei (»War sie am Ende Missionarin?«), während ihr Gemahl, Ex-Flagg­leutnant bei der Marine, zuletzt in einer italieni­schen Luxusvilla am Meer stationiert gewesen sei, wo »seine an­strengend­ste Arbeit [darin] bestand, Scharen von drögen Marine­helferin­nen in schlecht­sitzen­den weißen Uniformen zu charmieren«. Mit seiner baldigen Ankunft werde im Haushalt alles besser laufen, zumal er das Kochen übernehmen werde.

Während Mr Napiers klangvoller Name – »Rockingham«! – Mildred verzaubert wie ein »Schmuck­stück, das einem aus der Mülltonne entgegen­leuchtet«, findet sie die Dame, die offenbar aus einer ganz anderen Welt gefallen ist, nicht sonderlich sympathisch. Gewisse da­hingelä­chelte Bemerkungen – »dass sie mit der Kirche ja nun nichts anfangen könne«, dass Pfarrer Malorys Gemeinde »wahr­schein­lich sowieso nur aus älteren Damen mit zu viel freier Zeit besteht … Kanzel­schwal­ben, wissen Sie« – treffen Mildred geradewegs ins Herz.

In der Folge wird Mildreds wohlgeordnete stille Welt, ihr ganzer innerer und äußerer Kosmos durch die beiden neuen Mieter ordentlich durch­einander­gewir­belt. Un­vorher­gesehe­ne, ja kaum vorstell­bare Entwick­lungen im Haushalt des befreun­deten Pfarrers Julian Malory tun ein Übriges.

Mildred selber sehnt sich durchaus nach Liebe – im Sinne züchtiger gegen­seitiger Zuneigung verwandter Seelen, versteht sich –, ist aber zu verzagt, um an Initiativen auch nur zu denken. So ein zartes Band flattert hin zu Julian Malory, dessen Schwester ihm den Haushalt versorgt, und zum feschen, charmanten Rockingham. Wer hätte je gedacht, dass die unauffäl­lige Miss Lathbury einmal gleich zwei Eisen im Feuer haben und vor schwierige Entschei­dungen gestellt würde?

Wie üblich wird Mildred allerdings in ihre allzu gewohnten Funktionen als eine Art Kummerkasten zurückge­drängt. Eine andere Frau agiert flexibler, Rockingham hat Vertrauliches zu verschenken, sonst nichts, und beide würden ihre geduldige Zuhörerin gern für ihre Zwecke einspannen. Damit wird es Mildred jetzt freilich zu bunt. Sie ist es leid, immer nur »anderer Leute Last« auf sich zu nehmen, und rebelliert auf ihre Weise.

Dieser Roman wird Leserinnen und Leser begeistern, die britische Bürger­lich­keit mit kräftigen Prisen von Ironie und Kauzigkeit zu schätzen wissen und vielleicht schon J.L. Carr lieben (ebenfalls bei Dumont erschienen) [› Rezension]. In vielen Episoden voller hinter­gründi­ger Kon­versatio­nen und subtiler Plaudereien entwickelt sich eine äußerlich unspekta­kuläre Handlung, die nicht nur Mildreds, sondern auch des Lesers Emotionen in Wallung bringt und ein umwerfendes Sitten­gemälde der Londoner Nach­kriegs­gesell­schaft ausbreitet.

Die Autorin Barbara Pym (1913-1980) ist bei uns weitgehend unbekannt und wurde auch in ihrem Heimatland lange unter­schätzt, doch ihr Roman »Excellent Women« Barbara Pym: »Excellent Women« bei Amazon, 1952 erschienen, fand begeisterte Anerkennung, die bis heute bestehen blieb. Im Jahr 2015 lud BBC Culture 81 nicht-britische Literatur­kritiker aus der ganzen Welt ein, die zehn besten britischen Romane ihrer Wahl zu benennen, und in der so entstan­denen Liste der einhundert besten britischen Romane aller Zeiten findet sich »Excellent Women« auf Platz 80, knapp hinter Maughams »Of Human Bondage« und Hardys »The Mayor of Casterbridge«. Die erste deutsche Übersetzung (von Dora Winkler) erschien 1990 bei Piper, für die vorliegende Dumont-Ausgabe von 2019 hat Sabine Roth den Roman neu übersetzt.


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