Rezension zu »Kleine Feuer überall« von Celeste Ng

Kleine Feuer überall

von


Izzy, jüngste Tochter der Musterfamilie Richardson aus einem Mustervorort von Cleveland, Ohio, erträgt nicht mehr das Paradies aus Lügen, in dem sie aufwächst. Sie sieht nur eine Lösung: alles abfackeln. Aus der Asche erwächst vielleicht ein besseres Neues.
Belletristik · dtv · · 384 S. · ISBN 9783423281560
Sprache: de · Herkunft: us

Eine radikale Lösung

Rezension vom 26.08.2018 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Ein perfektes Eigenheim in der Vorstadt, ein perfekter Haushalt, eine perfekte Familie, eine perfekte Nachbar­schaft – das ist der Wunschtraum des Mittel­standes in den USA (wenn nicht überall). Die Richardsons haben ihn Ende der Neunziger­jahre in Shaker Heights am Rande von Cleveland, Ohio, verwirk­licht. Bill ist Anwalt, Elena Journa­listin, vor allem aber Mutter der vier Kinder Lexie (17), Trip (16), Moody (15) und Isabelle (»Izzy«, 14). Hier stimmt alles: ein sorgfältig gepflegtes Paradies aus Perfektion, Ordnung und Harmonie inmitten von Golf-, Reit-, Tennisan­lagen, Segelclub und ausgezeich­neten Schulen, kurz: die »schönste Wohngegend der Welt«.

Leider gibt es außerhalb dieser Oase eine Menge Menschen, denen das Vermögen fehlt (und vermutlich ewig fehlen wird), um sich hier anzusiedeln. Daneben gibt es weitere Gründe, warum der eine oder andere Mitbürger hier nicht rein darf. Auch Hautfarbe und sozialer Status müssen kompatibel sein. Und weil das irdische Utopia für die überwälti­gende Mehrheit ein Traum bleibt, lebt die glückliche Minderheit abgeschot­tet von den Problemen, die der Bevölkerung auf der anderen Seite den täglichen Daseins­kampf versauern. »Die Bewohner von Utopia führen anscheinend wirklich ein ziemlich glückliches Leben«, schrieb das Magazin Cosmo­politan im März 1963 in einem Artikel über Shaker Heights, wo das Streben nach Glück sich ausgezahlt hat, ganz wie es der American Dream auch allen anderen verspricht.

Wohltätigkeit und Toleranz gehören zum Kanon der guten Eigen­schaften eines good American. Lexie darf einen afro­amerikani­schen Freund haben (natürlich aus einer Familie von arrivierten Vorzeige-Farbigen wie die Cosbys aus dem Fernsehen). Die Richardsons spenden auch großherzig und geben eine zweite Immobilie, ein kleines Reihen­häus­chen, aus purer Nächsten­liebe an jene ab, die im Leben »keine faire Chance hatten«.

Als Mieterin bewirbt sich Mia Warren (36) mit ihrer Tochter Pearl (15). Ihre Hilfs­bedürftig­keit sieht man ihnen an. Mia stellt sich als Künstlerin vor, die endlich sesshaft werden wolle. Um die Kosten für Lebenshal­tung und Privat­schule zu stemmen, werde sie mehrere Jobs annehmen. Wir ahnen schon, dass Mia und Pearl – trotz ihrer augen­schein­lich liebevollen Mutter-Tochter-Beziehung – Unruhe in das Leben der Richardsons bringen werden.

All dies bereitet die amerikanische Autorin Celeste Ng (1980 in Cleveland geboren) im ersten Viertel ihres Romans »Little Fires Everywhere«Celeste Ng: »Little Fires Everywhere« bei Amazon auf (Brigitte Jakobeit hat das Buch ins Deutsche übersetzt.). Sie führt viele Charaktere ein (was sie sehr gut und einfühlsam kann) und schildert anschaulich die Verhält­nisse in Shaker Heights. Leider bleibt die Exposition recht durch­sichtig, langatmig und klischee­verhaf­tet. Nicht nur das Dorado der Vorstadt könnte Werbe­prospek­ten entnommen sein, auch was wir über Geschlech­terrol­len und Mutter­schaft, Armut und Reichtum sowie das Verhältnis der Ethnien zueinander lesen, klingt nach Stereotypen – und das nicht ganz unbe­absich­tigt (»Es war, als beträte sie nicht ein Haus, sondern die Vorstellung von einem Haus, einem von ihr zum Leben erweckten Arche­typen.«). Es geht der Autorin ums Allgemeine. Bis zum Schluss bleiben die Charaktere ein­dimensio­nal, ihre Reaktionen vor­herseh­bar. Das hält den literari­schen Reiz in Grenzen.

Trotz alldem lesen wir gespannt weiter, denn die Autorin hat uns gleich im ersten Satz einen Knaller serviert, dessen Sogwirkung lange vorhält. Er nimmt das Ende der Handlung voraus: dass »das jüngste Kind der Richardsons endgültig durchdrehte und das Haus abfackelte«. Eine solch unerhörte Tat schreit nach einer über­zeugen­den Erklärung. Auf die platte Suggestion »wir wissen alle, dass sie spinnt« fallen wir nicht herein, suchen also nach besseren Gründen, werden hellhörig für subtile Phrasen, scharf­sichtig für kleine Gesten. Bald erweist sich Izzy als eigen­ständige, sensible Per­sönlich­keit, deren kritische Haltung bei den Eltern als Auf­sässig­keit wahr­genom­men und ständig gemaßregelt wird.

Mrs Richardson ist hinsichtlich ihrer neuen Mieter zwischen Vorurteilen, Ängsten, Vorsicht und Neugier hin und her gerissen. Die Weichen aber stellen Pearl und Moody, überra­schend Klassen­kamera­dinnen. Die Neue beeindruckt durch ihre Klugheit, hilft Moody bei den Schulauf­gaben und fühlt sich im Anwesen der Richardsons bald wohl und zu Hause. So auch Mia, die sich durch Haus­arbei­ten ein Zubrot verdienen darf. Umgekehrt begeistert sich Izzy für Mias Fotokünste und findet in Mia eine ver­ständnis­volle Zuhörerin und Unter­stütze­rin kleiner Aktionen gegen Unge­rechtig­keiten.

Doch die Annäherung macht die Unterschiede der Lebens­gewohn­heiten und -auf­fassun­gen nur umso deutlicher. Als herauskommt, dass Mia ein Geheimnis hütet, ist Mrs Richardson nicht mehr zu bremsen. Unter Einsatz ihrer vielfälti­gen Beziehungen erfährt sie Unfassbares. Miss­verständ­nisse und ein Gerichts­verfah­ren um eine fragwürdige Adoption, das ganz Shaker Heights aufwühlt, treiben weitere Keile zwischen die beiden Familien, bis sie einander un­versöhn­lich gegenüber stehen und es zum Zerwürfnis kommt. Zufällig wird Izzy Zeugin, wie ihre Mutter irrwitzige Be­leidigun­gen und Be­schimp­fungen über Mia ausschüttet – sie gipfeln in der Auf­forde­rung, es werde »Zeit, dass Sie weiter­ziehen«.

So erwächst aus der etwas weitschweifigen, betulichen Einführung ein spannender Plot mit allerlei uner­warte­ten Wendungen, in dem ein unabhängig denkender junger Mensch eine in Selbst­zufrieden­heit erstarrte Gemein­schaft aufmischt. Auch wenn Celeste Ng nicht gerade eine bissige gesell­schaftskriti­sche Satire zu Papier gebracht hat, so macht sie doch deutlich, dass Orte wie Shaker Heights nur eine brüchige Scheinwelt sind, die nur in ›splendid isolation‹, abge­schot­tet vom ›normalen‹ Leben bestehen können. Große Themen, die die Autorin hier anklingen lässt, sind unter­schied­liche Lebens­formen, Bürgerlich­keit und Rassismus, Streben nach Glück und Perfek­tions­wahn, Erziehung und Familien­zusammen­halt, Mutter-Kind-Beziehung und jugendliche Selbst­findung.

Celeste Ngs professionell gefertigter Familien- und Gesellschaftsroman à l’Américaine nimmt den Leser mit seinem hintergrün­digen Humor und Szenen voller Spannung und Abson­derlich­keiten immer stärker in Beschlag. Die Autorin gestaltet ihre Figuren lebensnah und einfühlsam, wobei der allwissende Erzähler, der zwischen den Perspek­tiven hin und her springt, dafür sorgt, dass der Leser ihnen immer ein Stückchen voraus ist. Das Ende ist dann trotz des unverhüll­ten Voraus­verwei­ses im ersten Satz ein Coup. Izzy hält ihr eigenes Elternhaus nicht mehr aus. Mit einem Kanister voll Benzin schreitet sie systema­tisch von Zimmer zu Zimmer und tut, was ihr aus dem Innersten als einzig richtige Lösung erscheint. Sie fackelt das Lügen­gebäude ab und nimmt auf Nimmer­wieder­sehen Reißaus. »Manchmal«, hatte ihr ihre Vertraute Mia erklärt, »muss man alles abbrennen und von vorn anfangen. Nach dem Brand ist die Erde fruchtbarer, und Neues kann wachsen. Genauso ist es bei den Menschen. Sie fangen von vorne an«.


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