Rezension zu »Weißer Mohn« von Clemens Lindner

Weißer Mohn

von


Belletristik · Skarabaeus · · Taschenbuch · 166 S. · ISBN 9783708232614
Sprache: de · Herkunft: at

Sebastian Hauser, der Wahn, die getriebene Unruhe, das Ende

Rezension vom 13.04.2009 · noch unbewertet · noch unkommentiert

Clemens Lindner wurde 1965 in Hall geboren. Er ist Stipendiat und lebt sowohl in Tirol als auch in Tokio. Dieses Buch entstand mit Unterstützung der Kulturabteilung des Landes Tirol.

Lindner zeichnet in seinem Roman das Psychogramm des Außenseiters Sebastian Hauser. Viele Begebenheiten sind ganz offensichtlich Parallelen zum Leben des Dichters Georg Trakls.

Obwohl Trakls Leben und Werk nicht direkt Inhalt dieses Romans sind, möchte ich zum besseren Verständnis einen kurzen Abriss zu Trakl voranstellen.

Georg Trakl wurde am 3. Februar 1887 in Salzburg geboren. Er wuchs in einer intakten Familie als viertes von sechs Kindern auf. Seine Schullaufbahn war von Versagen geprägt (zwei Nichtversetzungen). Nach dem Studium der Pharmazie (ab 1908 in Wien) arbeitete er als Apotheker und lebte abwechselnd in Salzburg, Wien und Innsbruck.

Seine ersten literarischen Werke wurden in der Zeitschrift "Der Brenner" veröffentlicht.

Trakl war depressiv, nahm Drogen und hatte eine enge inzestiöse Beziehung zu seiner Schwester Margarethe. Deren Heirat war ein prägender Schock für Trakl; er inspirierte ihn so stark, dass in dieser Zeit seine besten Werke entstanden. Sie sind geprägt von Depressionen.

Trakl starb früh – im Alter von 27 Jahren – an einer Kokainvergiftung. Seine Schwester Margarethe erschoss sich drei Jahre später.

Sebastian Hauser, der Protagonist in Clemens Lindners Roman, weist frappierende Ähnlichkeiten mit Trakl auf: die sexuelle Liebe mit seiner Schwester Judith; beide wählen für sich den Freitod; Hauser ist drogenabhängig und schwermütig; er zieht sich in seine eigene Welt zurück.

Aber Hauser ist ein eigenständiger Mensch. Seine Individualität ist durch unsere moderne globale Welt geprägt. Er muss kein Kriegserlebnis verarbeiten. Sein krankhaftes, unruhiges Leben mit der Obsession Orte, Dinge und anderes zu sammeln, haben andere Ursachen, die nichts mit Trakl zu tun haben.

Das erste Kapitel beginnt mit dem Satz "Georg Fischer erhielt spät nachts einen Anruf ..." Weitere nächtliche anonyme Arufe erzeugen Spannung wie in einem Krimi.

Aber dann meldet sich Fischers Exfrau Karla und später sein ehemaliger Mitschüler Sebastian Hauser. Der Anruf Hausers veranlasst Fischer, in seiner Vergangenheit zu forschen. Im Jahresheft des Maturajahrgangs 1986 f. indet Fischer ein Klassenfoto, auf dem alle handlungsrelevanten Personen abgebildet sind: Georg Fischer und seine Frau Karla, Sebastian Hauser und seine Schwester Judith. Diese vier Personen verbindet etwas, z. T. lose Frundschaft, sexuelle Beziehunen, einschließlich mehrerer Vergewaltigungen.

Georg Trakls Werk, seine Geburt am 3. Februar und sein Selbstmord sind ein gemeinsames, verbindendes Interessensfeld der vier Personen.

Ab dem vierten Kapitel konzentriert sich Lindner zunehmend auf die Person Sebastian Hauser. Das Kapitel beginnt mit dem Satz "Sebastian Hauser ging mit gedankenvoller Miene ...". Hauser ist Einzelgänger, Atheist, schwarz gekleideter Grufti und Muttersöhnchen. Hauser sieht sich selbst als "Alter Ego von Georg Trakl". Seine Einstellung zu Mitschülern und Lehrern ist von Arroganz geprägt. Handlung und Ereignisse reduzieren sich mehr und mehr. Zunehmend erleben wir Sebastian Hauser als Drogenabhängigen, umgeben von einer Randgruppen-Gesellschaft.

Durch seine Spleens ist er fremdbestimmt und kann sich diesen Süchten nicht entziehen: Er treibt sich auf Friedhöfen herum, sammelt Gräber von Dichtern und Persönlichkeiten aus der Film-, Theater- und Musikwelt.

Der Bücherwahn jagt ihn durch viele Buchhandlungen. Dabei schreckt er nicht vor systematischem Diebstahl zurück. Widersinnigerweise sehnt er sich danach, ertappt zu werden ...

Unerwartet für den Leser beschreibt Clemens Lindner eine absurde, kafkaeske Situation (am 3. Februar 1986) : Ein Clown sitzt in einem engen Raum, durchlebt Halluzinationen. Nach der langsamen Verbesserung seines krankhaften Zustandes darf er den Raum wieder verlassen. Was hat es damit auf sich? Aufschluss über derlei Rätsel gibt der Autor mit einem besonderen Stilmittel:

Immer wieder sind in den Text des Romans deutlich anders gesetzte Zeilen eingefügt. Sind es Verse aus Trakls Werk? Sind es Verse aus Hausers eignenen literarischen Versuchen? Oder sind es einfach nur kommentierende Einschübe? Auch nach der Clown-Szene folgt eine solche Sentenz: "Dämonen durch die kranke Seele gehen". Manche dieser Kommentare sind schwer verständlich, andere erhellen Zusammenhänge.

Im Sommer 1991 zieht der ruhelose Hauser nach New York. Er lernt eine Japanerin kennen, die er später in Japan besucht.

Hausers permanente Unruhe lässt den Leser nicht unberührt. Lindner ersetzt die direkte Rede durch gesprochene Gedanken, die nur so hin und her jagen. Sinnlose Sätze wie z. B. "Spiderman hat Urlaub" häufen sich.

Ab Kapitel 9 setzt Lindner ein neues sprachliches Stilelement ein: Dominique, eine Transsexuelle, schreibt Briefe an Hauser: fünfzehn Stück.

Der letzte psychotische Wahn lässt Hauser auf der Suche nach öffentlichen Telefonen und fremden Telefonnummern durch New York rennen.

Im vorletzten Kapitel stellt Lindner noch einmal sein kriminalschriftstellerisches Talent unter Beweis: Er beschreibt einen brutalen Mord, dessen Aufklärung und die Festnahme des Mörders.

Eine gelungene Abrundung des Buches ist das letzte Kapitel. Hier treffen sich die Protagonisten wieder. Ihre Beziehungs- und Liebespaarungen klären sich. Der 3. Februar spielt eine katastrophale Rolle.

Christoph Lindners Buch wirkt puristisch – auf dem kargen Deckblatt finden sich nur drei Sätze; Informationen zu Autor und Inhalt fehlen völlig.

Dieses Buch wird wahrscheinlich nur eine kleine Leserschaft finden. Das finde ich schade, denn es verdient Aufmerksamkeit und Anerkennung.


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