Rezension zu »Im Herzen der Gewalt« von Édouard Louis

Im Herzen der Gewalt

von


Unerwartet bricht brutale Gewalt in das Leben eines jungen Intellektuellen. Der Homosexuelle wird in seiner eigenen Wohnung in Paris zum Opfer. Die Tat entzieht ihm jegliche Sicherheit und zwingt ihn, sich mit gesellschaftlichen und familiären Ressentiments auseinanderzusetzen.
Belletristik · Fischer · · 224 S. · ISBN 9783103972429
Sprache: de · Herkunft: fr

Geschunden, verunsichert und unverstanden

Rezension vom 10.02.2018 · 1 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Am Weihnachtsabend treffen auf der Place de la République in Paris zwei junge Männer aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Reda ist Algerier, Migrant, Sohn einfacher Flüchtlinge, Édouard Louis dagegen ein angehender Schriftsteller, der soeben mit seinen Freunden Didier Éribon (Professor der Soziologie und Autor) und Geoffroy de Lagasnerie (Philosoph und Soziologe) beschwingt gefeiert hat. Über die Kultur- und Standes­unter­schiede hinweg verbindet die beiden das Stigma der Homo­sexua­lität, das sie in der gutbür­gerlich-konser­vativen franzö­sischen Gesell­schaft zu Außen­seitern macht.

Reda spricht Édouard an, der fühlt sich sofort sexuell angezogen, unter­drückt erst seine Begierde, gibt dann jeglichen Wider­stand auf und lädt den Fremden in seine Wohnung ein. Dort lieben sich die beiden, doch dann kommen Spannungen auf. Reda lässt iPad und Smartphone seines Zufalls­lieb­habers in seinen Mantel­taschen verschwinden, beschimpft Édouard, als der ihn zur Rede stellt, die gegen­seitigen Beleidi­gungen eskalieren zu körper­licher Gewalt. Reda fesselt, würgt, bedroht Édouard mit einer Waffe und vergewal­tigt ihn schließ­lich brutal. Édouard lässt die Tortur über sich ergehen, kann sich aber dann befreien und seines Peinigers entle­digen.

Verständlich, dass der Vorfall den Geschundenen prägt. Wie besessen reinigt er die Wohnung und seinen Körper, hinter­fragt sein Verhalten wieder und wieder, muss später bekennen, rassis­tische Gedanken entwickelt zu haben.

All dies erzählt der französische Schriftsteller Édouard Louis unter Verwendung der unver­schlüssel­ten Namen (was ja noch lange nicht die »Wahrheit« aller Details bedeutet) – und übrigens ohne explizit ausge­brei­tete Schilde­rungen sexueller Akte. Bereits sein litera­risch beeindru­ckender Erstling »En finir avec Eddy Bellegueule« Édouard Louis: »En finir avec Eddy Bellegueule« bei Amazon(2014; deutsch: »Das Ende von Eddy« Édouard Louis: »Das Ende von Eddy« bei Amazon 2015) las sich auto­biogra­fisch, denn er themati­sierte Probleme, die ihm als Jugend­lichem in der Provinz aus seiner Homo­sexua­lität erwuchsen. 1992 als Eddy Bellegueule in einem Dorf in der Picardie geboren und über Jahre diskriminiert, flüchtete der junge Mann in die Anony­mität von Paris, wo er seinen Namen änderte und Sozio­logie studierte.

Die Darstellung des traumatischen Erlebnisses und seiner Folgen erscheint zunächst direkt und unverbrämt, wird dann aber durch ein raffiniertes literari­sches Verfahren gebrochen. Der Erzähler relativiert sich und seine Erzählung, indem er weitere Stand­punkte und Rollen einnimmt. Ein paar Tage nach Weih­nach­ten kehrt er in sein Heimat­dorf zurück und berichtet seiner Schwester Clara bis auf einige Details den gesamten Verlauf der Nacht, seinen Kranken­hausbe­such, seine Anzeige bei der Polizei. Aber bei der konser­vativen Schwester findet seine Handlungs­weise keinerlei Verständnis.

Später erzählt Clara alles ihrem Ehemann, und zwar reichlich garniert mit kriti­schen Kommen­taren sowie Reminis­zenzen an Édouards Kindheit und Jugend im Heimat­städt­chen, wo jegliche Abweichung vom Üblichen will­komme­nen Nährstoff für Tratsch und Aufregung in der alltäg­lichen bornierten Lange­weile brachte.

Originell: Derweil steht Édouard hinter der Tür und belauscht Schwester und Schwager bei ihrer offen­herzi­gen Unter­redung. So hört er begierig ›seine eigene Schand'‹, wie der Volks­mund sagt. Hatte Clara zuvor wie unbe­teiligt angehört, was er ihr an Emotio­nen anver­traut hatte (»ich hasse alle ... könnte von jetzt an nie wieder ertragen, glück­liche Leute zu sehen«), hält sie nun ihrem Mann gegen­über nicht hinterm Berg mit ihrer Meinung. »Völlig idiotisch« findet sie seine Ansichten, »affig« seine Abnei­gung gegen Fleisch, seinen Wasch­zwang, »arrogant« die geradezu manisch wieder­holten Vergleiche des von ihm absol­vierten »Wahn­sinns­weges« mit der klein­bürger­lichen Existenz seiner Kumpel von früher, die mit Familie, Hausbau und allen möglichen Pflichten »für die Ewigkeit im Erwach­senen­dasein fest­stecken«, während er sich selbst ihnen gegen­über für jünger und dynami­scher hält, gleichzeitig auch für älter und gereifter.

Diese Ausführungen lassen den ›Lauscher an der Wand‹ nicht kalt. Ohne sich bemerk­bar zu machen, kommen­tiert er nun seiner­seits die Kommen­tare seiner Schwester für sich selbst und den Leser. Mit einer raffi­nierten Schach­telung komplet­tiert der Autor seinen literari­schen Trick. In der ersten Perspek­tive erzählt Édouard, was ihm direkt wider­fährt. Daneben hören wir Claras Stimme quasi im mit­steno­grafier­ten Original­ton, wie sie zu ihrem Mann spricht. In die Syntax dieses Sprach­flusses einge­schoben, durch Klammern und kursives Druckbild abgesetzt, verfolgen wir die innere Stimme des lauschenden Édouard, ein innerer Monolog, den er an sich selbst richtet.

Auf diese reizvolle Weise legt der Autor das diffizile, verquere Verhältnis zwischen den Ge­schwis­tern offen. Auf seiner Meta-Ebene analy­siert sich Édouard selbst und gesteht sich seine Gleich­gültig­keit und Gefühls­kälte ein: »Du willst nur nicht wieder­kommen, weil ihr euch unweiger­lich zankt ... weil alles an ihr, Verhalten, Gewohn­heiten, auch die Denk­gewohn­heiten dich angreift und wütend macht ... das Zu­sammen­sein mit Clara zwingt dich, an dir die Seiten zu sehen, die du lieber nicht sähest, und das nimmst du ihr übel.«

Noch einmal muss er die Geschichte mit anhören, wie seine Familie auf sein Outing als Jugend­licher reagiert hatte. Erst be­schwich­tigten sie ihn mit konzilianten Worten (»Das Einzige, was zählt, ... ist, dass er glücklich wird.«). Denen misstraute er schon damals und kommen­tiert sie jetzt lapidar: »(sie lügt)«. Dann legten sie ihm nahe, »es« im Dorf »nicht so raus­hängen« zu lassen, »nicht so tuntig zu tun«, sonst würde ihnen das »Bauern­pack« die Hölle heiß machen.

Umgekehrt unterstellt Clara dem Bruder psychische Heimtücke. Er habe ihnen sein Geheimnis nur offenbart, weil er erwartet habe, dann von allen abgelehnt zu werden. Wenn er im Anschluss Familie und Dorf für immer verlasse, könne er die Legende aufbauen (auch vor sich selbst), dass nicht er seinen Wurzeln untreu geworden, sondern verstoßen worden sei.

Und was ist von Reda und seinem Diebstahl zu halten? Édouard bringt Verständnis für die Tat eines sozial benach­teilig­ten Migranten auf, während Clara ihr rigides Gerech­tigkeits­empfin­den dagegen stellt. Gleichzeitig muss sie Édouard daran erinnern, dass er selber schon als Kind geklaut hat und später als Jugend­licher mit seinen Kumpels systema­tisch auf Diebes­tour gegangen ist – ein wunder Punkt, der den Eltern verborgen blieb.

Durch die perspektivischen Brechungen – es kommen noch weitere Betroffene zu Wort – entsteht ein kompliziertes, wider­sprüchliches Bild der Ereignisse, der Charaktere, ihrer Einstel­lungen. Ohne sich um die Chronologie zu scheren, resümiert der Erzähler akribisch die Gescheh­nisse, Unter­redun­gen und Befind­lich­kei­ten, und seine eigenen Schwächen, Traumata, Obses­sionen spart er ebenso wenig aus wie die verbrei­teten Ressenti­ments gegenüber Homo­sexuellen, Migranten, Farbigen.

Dieser Protagonist – ein wahrer Antiheld – ist zutiefst verunsichert und fühlt sich unver­standen von seiner Familie und von seinen Freunden. Dass er ihrem Rat folgt und Anzeige gegen Reda erstattet – ein Schritt, den er später in Frage stellt, ja bereut –, ist der Hilf­losig­keit geschuldet, die ihn nach der Tat über­fällt. Er sieht alles und jeden durch den Filter der Gewalt, die ihm angetan wurde, er ist nicht mehr Herr in seiner Welt, er verliert den Zugriff auf die Zeit und auf die Sprache. Bis zum Schluss hat ihn eine existen­tielle Lebens­angst im Griff und die düstere Per­spek­tive, dem Gesche­henen nie mehr entrinnen, nie mehr offen und vertrauens­voll auf andere Menschen zugehen zu können.

»Histoire de la violence« Édouard Louis: »Histoire de la violence« bei Amazon wurde von Hinrich Schmidt-Henkel ins Deutsche übersetzt.


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