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Rezension zu »Die vier Jahreszeiten des Sommers« von Grégoire Delacourt

Die vier Jahreszeiten des Sommers

von


Belletristik · Atlantik · · Gebunden · 192 S. · ISBN 9783455600414
Sprache: de · Herkunft: fr

Allzu blumige Poesie

Rezension vom 02.10.2016 · 2 x als hilfreich bewertet · noch unkommentiert

Am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, ist das ganze Land auf den Beinen. Wer kann, reist ans Meer, zum Beispiel an die weit­läufi­gen Strände von Le Touquet bei Calais. Unter den Tau­senden, die sich dort tummeln, sind vier Paare, deren Geschichte Grégoire Dela­court, in seiner Heimat äußerst populärer Romancier, erzählt. Die Paare laufen einander ab und zu über den Weg, ohne sich kennen­zuler­nen.

Zufällig ausgewählt hat der Autor seine Protagonisten aber keines­wegs. Sie re­präsen­tieren vielmehr vier Menschen­alter (15, 35, 55 und 75 Jahre), in denen üblicher­weise die Liebe eine wichtige Rolle spielt. Poe­tisch ausge­drückt: Es sind die vier Jahres­zeiten des Lebens. Dass sich alle vier in diesem sehr speziellen Sommer zu­sam­men­finden, begründet den Titel »Die vier Jahres­zeiten des Sommers«.

All dies (wie auch die Covergestaltung) lässt Geschichten von som­mer­licher Leich­tig­keit erwarten, einen unter­halt­samen Mix von Verliebt­heiten, Flirts und Zärtlich­keiten im Sonnen­schein. Doch nein: Dela­courts Prota­gonisten sind alle­samt Ver­zwei­felte, Weh­müti­ge, und ihre Er­leb­nisse stimmen trist.

Der fünfzehnjährige frühreife Louis verliebt sich unsterb­lich in die bildschöne Victoria und verbringt mit der Ange­bete­ten einen Sommer unschul­diger Gemein­samkeit und brennender Hoff­nungen auf mehr. Doch aus denen wird nichts. Ein paar Jahre später verspürt die junge Frau bei Louis weder das »Kribbeln« und »Brennen« der Liebe, noch will sie ihn als »besten Freund« ver­lieren. Sie werden einan­der nicht heiraten, und Louis wird sich vorerst damit trösten, dass »Liebes­kummer [...] auch eine Form von Liebe« sei. Immerhin hat jede/r ihr/sein Leben noch vor sich.

Die fünfunddreißigjährige Isabelle, obwohl gar nicht so viel älter, hat jegliche Hoffnung auf­gegeben. Die Allein­erzie­hende glaubt, »nie viel Glück mit den Männern« gehabt zu haben (dabei ist ihr Neun­jähriger ein ganz reizendes Kerlchen). Einer­seits ernüch­tert, hadert sie anderer­seits mit ihrer Ein­sam­keit und ihren ent­täusch­ten Hoff­nungen (»Warum habe ich keine große, zer­störe­rische Leiden­schaft erlebt?«).

Damit gibt sich die fünfundfünfzigjährige Monique nicht zufrieden. Sie spürt die ersten Zeichen des nahenden Alters. Doch ihr Körper ist noch begeh­rens­wert. Nur ihr Ehemann findet sie nicht mehr attraktiv, schaut sie nicht einmal mehr an. Also reist sie alleine nach Le Touquet, um noch einmal das Aben­teuer Sex und berau­schende Leiden­schaft heraus­zufordern. Wer weiß, vielleicht begegnet ihr ja sogar noch die wahre, die große Liebe, ewige Treue und »absolutes, end­gültiges Vertrauen«.

Eben dies hat das älteste Ehepaar des Quartetts seit Langem gefunden. Die beiden, um die 75, schauen auf wunder­bare Jahre gemein­samer Liebe zurück. Nun sind sie gebrech­lich, vom Leben erschöpft. Was kann ihnen die Zukunft noch bringen? Den geliebten Partner allein zurück­zulas­sen, »im Übel der Einsam­keit, in der Schande des Verfalls«, das ist ein uner­träg­licher Gedanke. Deshalb haben sie beschlossen, am letzten National­feier­tag des Jahr­tausends (manche pro­phezeien gar: der Welt­ge­schichte), ehe das Feuer­werk den nächt­lichen Himmel erglühen lässt, Hand in Hand ins Wasser zu gehen und gemein­sam zu sterben. »Das Meer wird unsere Tränen trinken.«

Claudia Steinitz hat »Les quatre saisons de l'été« Grégoire Delacourt: »Les quatre saisons de l'été« bei Amazon in ein schönes Deutsch übersetzt, konnte aber nicht alles mitnehmen, was dieses zutiefst fran­zösische Opus ausmacht. Zum Beispiel klingt ein Lied durch alle Seiten – der weh­mütige Sommer­hit »Hors saison«, den Francis Cabrel 1999 im ganzen Land schmach­tete, der bei uns aber nicht sehr bekannt sein dürfte. Ebenso ins Leere laufen werden viele der unzäh­ligen (übersetzten) Zitate und An­spielun­gen aus Chansons, Filmen und Literatur. Zugunsten durch­gängiger sprach­licher Ver­ständ­lich­keit hat die Über­setzerin ein wenig der originalen Au­thenti­zität geopfert.

Unbestritten ist Delacourt ein begabter Geschichten­erzähler. Die vier Ich-Per­spek­tiven (jeweils eines Lie­benden) sorgen für Un­mittel­barkeit. Zumindest stellen­weise ist der Ton beschwingt und ironisch. So liest man gern, was den Charak­teren wider­fährt und wie ihre Schick­sale sich weiter entwickeln. Gut gefiel mir die leicht­händig-raffi­nierte Ver­flech­tung der vier Episoden über Jahre und Jahr­zehnte. Noch bevor man alle Figuren kennen­gelernt hat, sind sie einem schon begegnet (da küssen sich zwei ältere Leute »so scham­los und gierig, als hätten sie etwas nach­zuho­len«; dort versucht »ein altes Paar trotz Wind und unge­lenken Fingern sein Strand­tuch auf dem Sand auszu­breiten«). Der Autor führt alle vier Geschichten nach einigen erzählten Jahren zu einem Ende, fügt aber in der Rückschau vom 14. Juli 2009 für jede einen über­raschen­den Epilog an.

Was mein Lesevergnügen allerdings erheblich beeinträchtigt hat, ist die gehörige Portion Zuviel an Pathos, Melodram und Klischee, die den ganzen Gefühls­reigen in Kitsch ausarten lässt. Dass jeder Episode eine Blume zuge­ordnet ist, mag als hübsche Deko durch­gehen. Aber Liebes­schmach­ten und Liebes­leid quellen über vom Schwulst emotions­träch­tiger Wörter, be­deutungs­schwan­gerer Sen­tenzen und wolkiger Meta­phern. Die Flut der Tränen will nicht enden. Gehören Lieben und Sterben denn wirklich zu­sammen? Isa­belles Mutter versuchte schon vor vielen Jahren, ihrer erst­ver­liebten Tochter diesen Zahn zu ziehen: »Nie­mand stirbt aus Liebe, ... niemand. Das gibt es nur in Büchern, und auch nur in schlechten.«

Von der Realität menschlichen Lebens ist dieses Buch ziemlich weit entfernt. Es hält den naiven »Traum von einer Liebe, die so stark ist, dass man daran sterben könnte,« am Leben – dabei ist doch gerade er mit­verant­wortlich für die schmerz­liche Ent­täu­schung, dass der Alltag »immer nur eine allzu klägliche Liebe« bereit­hält.


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